„Gute Nacht, Nini.“
„Gute Nacht.“
Die Amme reckt sich in die Höhe und macht mit ihrer kleinen Hand, an deren Knochen die Haut gelb und faltig klebt, das Kreuzzeichen auf die Stirn des Greises. Sie geben sich einen Kuss. Es ist ein ungeschickter, kurzer, merkwürdiger Kuss: Wenn ihn jemand sähe, müsste er lächeln. Aber wie jeder Kuss ist auch dieser eine Antwort, eine unbeholfene, zärtliche Frage auf eine Frage, die nicht in Worte zu fassen ist.
(Sandor Marai: Die Glut)
Author Archives: Robert Mitscha-Eibl
Adventmail 2003/09 (Wie Bücher enden)
Die Bösen sind nur eine Bande blöder dummer weißer Männer, und wir sind verdammt viel mehr als sie. Nutzt eure Macht.
Ihr habt etwas Besseres verdient.
(Michael Moore: Stupid White Men)
Adventmail 2003/08 (Wie Bücher enden)
Als Onkel Nolte dies vernommen,
War ihm sein Herze sehr beklommen.
Doch als er nun genug geklagt:
„Oh!“ sprach er – „Ich hab’s gleich gesagt.“
„Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!“
„Ei ja! – da bin ich wirklich froh!
Denn, Dott sei Dank! Ich bin nicht so!“
(Wilhelm Busch: Die fromme Helene)
Adventmail 2003/07 (Wie Bücher enden)
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis:
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewigweibliche
Zieht uns hinan.
(Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil)
Adventmail 2003/06 (Wie Bücher enden)
Sie hat ihn noch immer nicht berührt. Aber trotzdem hat er sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen gespürt, als hätte die Notapothekerin sich in eine Art Gänsehaut auf dem Brenner-Körper verwandelt. Aber er hat sich noch immer mit eiserner Disziplin gezwungen, die Augen nicht aufzumachen.
„Wenn du nicht aufpasst, nehm ich dir auch gleich dein Rachenzäpfchen weg“, hat die Notapothekerin aus ungefähr null Zentimeter Entfernung behauptet.
„Geh“, hat der Brenner mit geschlossenen Augen gelächelt.
Und dann hat die Notapothekerin nichts mehr gesagt.
Und dann hat sie sich auf ihn gestürzt. Hyäne nichts dagegen.
(Wolf Haas: Silentium)
Adventmail 2003/05 (Wie Bücher enden)
Weder die Autorin noch der Verlag sind gegenüber Personen oder Gesellschaften für tatsächlichen oder angeblichen Verlust, Schaden, Verletzungen oder Leiden haftbar, die direkt oder indirekt durch die Informationen oder das Fehlen von Informationen in diesem Buch verursacht werden.
(Lou Paget: Der perfekte Liebhaber. Sextechniken, die sie verrückt machen)
Adventmail 2003/04 (Wie Bücher enden)
„Sch’ma Jisruel, kalt is ma in die Fiß, Sch’ma, die Fiß so kalt, oj is ma in die Fiß Israel. Sch’ma Jisruel, in die Fiß is ma soi koit in die Fiß adonai.“
Da denk ich mir, wann endlich warm werden die Füße, und der Kopf bleibt wunderbar kühl, kann passieren, dass kommt nicht der Messias, sondern ein schönes Gefühl.
(Robert Schindel: Gebürtig)
Adventmail 2003/03 (Wie Bücher enden)
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
(Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus)
Adventmail 2003/02 (Wie Bücher enden)
Ohne dieses einfache Vertrauen, dass uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und dass uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich lässt sich denken, dass wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, dass es noch manche Zufälle gäbe, die wir übersehen und überhören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.
(Max Frisch: Tagebücher 1946-1949)
Adventmail 2003/01 (Wie Bücher enden)
Herr Lehmann stand da, verkehrsumtost, und fühlte sich leer. Er wollte nicht nach Hause, da erwartete ihn nichts außer ein paar Büchern und einem leeren Bett. Vielleicht sollte ich mir doch wieder einen Fernseher anschaffen, dachte er. Oder mal Urlaub machen. Mit Heidi nach Bali. Oder nach Polen. Oder was ganz anderes anfangen. Man könnte auch noch einen trinken, dachte er, irgendwo.
Ich gehe erst einmal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.
(Sven Regener: Herr Lehmann)