3 Fragen an meinen Cousin…
TOMAS, 50, Leiter/Geschäftsführer des Literaturhauses
Salzburg und Vorsitzender des Dachverbands Salzburger Kulturstätten.
1.) Du hast schon 1984 als Germanistikstudent mit dem Band „Und nachts über die Grenze“ eigene Gedichte veröffentlicht, bist später zu einem DER Literatur-Vermittler in Salzburg geworden. Liegt dir das mehr? Oder ist selber schreiben zu „brotlos“?
Soso, da werden also meine literarischen Jugendsünden ausgebreitet … Na, welcher Germanistikstudent schreibt nicht? Mir war Schreiben immer sehr wichtig – und gute Literatur. Ob ich beides vereinen hätte können, kann ich nicht beantworten, weil ich das Risiko nicht eingegangen bin. Vielleicht hatte ich zu viele andere Interessen, vielleicht war ich zu feige, vielleicht war ich nicht gut genug, vielleicht hat es zu wenig in mir gebrannt, vielleicht war ich nicht bereit, auf Angenehmes und Schönes im Leben zu verzichten.
Ich kann heute auch nicht sagen, ob mir Schreiben mehr “liegen” würde, vorstellbar ist es. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stand die Vermittlung von Gegenwartsliteratur – einst als Literaturjournalist und Hörspielredakteur, jetzt als engagierter Leser, Organisator, Anreger, Moderator – im Vordergrund. So ist es auch derzeit. Und ich bin glücklich – auch, dass meine wundervolle Arbeit zwar mein Leben erfüllt und ausfüllt, aber Arbeit, Literatur und Kunst natürlich nicht das Leben ersetzen können, und damit meine ich vor allem die Liebe zu Menschen, meine Frau und unsere Kinder.
2.) Für mich ist Arno Geiger der derzeit interessanteste Autor Österreichs. Wie ist deine Meinung dazu?
Ich nehme an, dass du “interessant” positiv meinst – und nicht wie etwa ein Gast, vom Kellner befragt, wie das Essen war, antwortet: “Interessant …”. Also. Ja. Arno Geiger ist ein guter Autor, ein guter Vortragender, ein guter Gesprächspartner und – soweit ich das beurteilen kann – ein guter Mensch. Alles zählt für mich, und die Kombination ist mir am allerliebsten.
Freilich gibt noch etliche andere interessante, gute lebende Autorinnen und Autoren in Österreich, von den bereits toten Schriftstellern ganz zu schweigen: z.B. Robert Musil, Karl Kraus, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Joseph Roth, Ingeborg Bachmann, H.C. Artmann, Thomas Bernhard, Georg Trakl, Ernst Jandl, Marlen Haushofer.
3.) Gib mir und unserem Adventpublikum einen Tipp: Wie könnte man die Zugfahrt von Salzburg nach Wien literarisch bestmöglich nutzen? Was kannst du uneingeschränkt empfehlen?
Vorschläge können ganz schön wehtun. Und Geschmäcker sind ja verschieden. Außerdem: Was heißt schon literarisch “nutzen”? Vielleicht mit einem einzigen Gedicht von Ilse Aichinger. Oder mit Block und Bleistift bzw. Laptop für eigene Ergüsse. Oder mit Erzählungen von Julio Cortazar oder Raymond Carver. Oder man lausche dem Hörspiel “Unter dem Milchwald” von Dylan Thomas (die englische Version ist nur Native Speaker zu empfehlen). Oder doch ein Roman? Ausgehend von einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von rund 1 Minute pro Taschenbuch-Seite empfehle ich für die rund dreieinhalbstündige Zugfahrt*) von Salzburg-Hauptbahnhof nach Wien-Westbahnhof das Buch “Picknick auf dem Eis” des ukrainisch-russischen Schriftstellers Andrej Kurkow. Vielleicht hat ja dazu passend der Zugbegleiter ein kleines Wodkafläschchen … Viel Vergnügen! PS. Den Band “Pinguine frieren nicht” desselben Autors sollte man auf der Rückreise beginnen.
*) Weder möchte ich zum Railjet ab 144 Minuten noch zum Nacht-Zug nach Wien-Meidling mit 245 Minuten raten – und der zwölfstündige Umweg über Graz ist wirklich nur was für hartgesottene Literaturfreaks mit Vorliebe für Red Bull und dicke Wälzer.