Adventmail 2011/04 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen Cousin…
TOMAS, 50, Leiter/Geschäftsführer des Literaturhauses
Salzburg und Vorsitzender des Dachverbands Salzburger Kulturstätten
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1.) Du hast schon 1984 als Germanistikstudent mit dem Band „Und nachts über die Grenze“ eigene Gedichte veröffentlicht, bist später zu einem DER Literatur-Vermittler in Salzburg geworden. Liegt dir das mehr? Oder ist selber schreiben zu „brotlos“?
Soso, da werden also meine literarischen Jugendsünden ausgebreitet … Na, welcher Germanistikstudent schreibt nicht? Mir war Schreiben immer sehr wichtig – und gute Literatur. Ob ich beides vereinen hätte können, kann ich nicht beantworten, weil ich das Risiko nicht eingegangen bin. Vielleicht hatte ich zu viele andere Interessen, vielleicht war ich zu feige, vielleicht war ich nicht gut genug, vielleicht hat es zu wenig in mir gebrannt, vielleicht war ich nicht bereit, auf Angenehmes und Schönes im Leben zu verzichten.
Ich kann heute auch nicht sagen, ob mir Schreiben mehr “liegen” würde, vorstellbar ist es. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stand die Vermittlung von Gegenwartsliteratur – einst als Literaturjournalist und Hörspielredakteur, jetzt als engagierter Leser, Organisator, Anreger, Moderator – im Vordergrund. So ist es auch derzeit. Und ich bin glücklich – auch, dass meine wundervolle Arbeit zwar mein Leben erfüllt und ausfüllt, aber Arbeit, Literatur und Kunst natürlich nicht das Leben ersetzen können, und damit meine ich vor allem die Liebe zu Menschen, meine Frau und unsere Kinder.

2.) Für mich ist Arno Geiger der derzeit interessanteste Autor Österreichs. Wie ist deine Meinung dazu?
Ich nehme an, dass du “interessant” positiv meinst – und nicht wie etwa ein Gast, vom Kellner befragt, wie das Essen war, antwortet: “Interessant …”. Also. Ja. Arno Geiger ist ein guter Autor, ein guter Vortragender, ein guter Gesprächspartner und – soweit ich das beurteilen kann – ein guter Mensch. Alles zählt für mich, und die Kombination ist mir am allerliebsten.
Freilich gibt noch etliche andere interessante, gute lebende Autorinnen und Autoren in Österreich, von den bereits toten Schriftstellern ganz zu schweigen: z.B. Robert Musil, Karl Kraus, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Joseph Roth, Ingeborg Bachmann, H.C. Artmann, Thomas Bernhard, Georg Trakl, Ernst Jandl, Marlen Haushofer.

3.) Gib mir und unserem Adventpublikum einen Tipp: Wie könnte man die Zugfahrt von Salzburg nach Wien literarisch bestmöglich nutzen? Was kannst du uneingeschränkt empfehlen?
Vorschläge können ganz schön wehtun. Und Geschmäcker sind ja verschieden. Außerdem: Was heißt schon literarisch “nutzen”? Vielleicht mit einem einzigen Gedicht von Ilse Aichinger. Oder mit Block und Bleistift bzw. Laptop für eigene Ergüsse. Oder mit Erzählungen von Julio Cortazar oder Raymond Carver. Oder man lausche dem Hörspiel “Unter dem Milchwald” von Dylan Thomas (die englische Version ist nur Native Speaker zu empfehlen). Oder doch ein Roman? Ausgehend von einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von rund 1 Minute pro Taschenbuch-Seite empfehle ich für die rund dreieinhalbstündige Zugfahrt*) von Salzburg-Hauptbahnhof nach Wien-Westbahnhof das Buch “Picknick auf dem Eis” des ukrainisch-russischen Schriftstellers Andrej Kurkow. Vielleicht hat ja dazu passend der Zugbegleiter ein kleines Wodkafläschchen … Viel Vergnügen! PS. Den Band “Pinguine frieren nicht” desselben Autors sollte man auf der Rückreise beginnen.

*) Weder möchte ich zum Railjet ab 144 Minuten noch zum Nacht-Zug nach Wien-Meidling mit 245 Minuten raten – und der zwölfstündige Umweg über Graz ist wirklich nur was für hartgesottene Literaturfreaks mit Vorliebe für Red Bull und dicke Wälzer.

Adventmail 2011/03 (Drei Fragen an…)

Heute 3 Fragen an eine langjährige Freundin in Tirol,
ISOLDE, 43, Landeck, Biologin (arbeitet als Gleichbehandlungs- und Antidiskriminierungsbeauftragte und Naturschutzsachverständige).

1.) Wer ist denn deine Hauptzielgruppe als
Antidiskriminierungsbeauftragte? Frauen? Behinderte? PolitikerInnen?

Meine Hauptzielgruppe sind alle Menschen die Unterstützung brauchen um ihre Rechte in Bezug auf Diskriminierung (aufgrund von Geschlecht, Alter, Behinderung etc.) besser durchsetzen zu können. Wichtig sind dabei neben den Betroffenen BündnispartnerInnen (PolitikerInnen, Führungskräfte,
BürgermeisterInnen, Menschen die mitdenken und mitfühlen!)

2.) Wie stehst du eigentlich zur Angleichung des Pensionsalters von Frauen und Männern?
Grundsätzlich bin ich für Gleichbehandlung von Frauen und Männern – Beamte und Beamtinnen z.B. hatten immer schon dasselbe Pensionsantrittsalter – dort ist die Einkommensschere allerdings auch relativ geringer als in der Privatwirtschaft.
Die Diskussion muss mehr in Richtung gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, einer Anhebung der Mindestpension etc. gehen, vom gerechten Einkommen sind wir noch weit weg.
Bei der Gehaltsreform in der Landesverwaltung hatten wir u.a. die Ziele Marktkonformität und Diskriminierungsfreiheit – ein spannendes Unterfangen, sicher nicht perfekt, aber es hat viele Diskussionen ausgelöst!

3.) Wenn Gottvater und Gottsohn nur durch einen sächlichen Hl. Geist (griech. „pneuma“, n.) ergänzt werden – wäre dann das ein Fall für den Gleichbehandlungsausschuss der URO (United Religions Organization)?
Ja! Aber die Kampagne „Grüß Göttin“ die z.B. bei den Tiroler Grenzübergängen steht, hat sehr viel Verwirrung ausgelöst und finde ich spannend – Gott ist – denke ich, weder männlich noch weiblich, aber das übersteigt mein biologisches Wissen!

Adventmail 2011/02 (Drei Fragen an…)

Heute 3 Fragen an einen langjährigen Freund, mit dem ich vor mehr als zwei Jahrzehnten schon ein Wohnprojekt plante:
HEINRICH, 50, Architekt und Gründer von „ATOS“, Sierndorf (NÖ).

1.) Welche Elemente sind für dich unverzichtbar für ein lebenswertes Haus?
Ganz eindeutig die Menschen, die es bewohnen. Am schlimmsten finde ich diese schicken Designerlofts, die eher wirken wie ein Museum mit seiner Sterilität, Kälte und Leblosigkeit. Also ist demgemäß das schönste Haus eines voller Kinder. Da ich das aber als Architekt nicht beeinflussen kann, versuche ich ein Haus so lebens- und liebenswert wie möglich zu machen. Dazu gehören Faktoren wie viel Tageslicht, direkte Sonne, schöner Ausblick, gemütliche Ecken, Materialien, die man gerne berührt, gute Gerüche, schöne Proportionen, passende Farben, saubere Luft und ein Garten. Das ist überhaupt was ganz Wichtiges. Ein Grünraum, der direkt vor der Türe betretbar ist. Keiner dieser spartanischen Minibalkone, die Einblicken, Wind und Lärm ausgesetzt sind. Dieser Garten muss nicht groß sein. Entscheidend ist seine Qualität.

2.) Gibt’s ein Gebäude in Wien (oder anderswo), vor dem du immer wieder bewundernd stehenbleibst?
Meist ist es gerade das neueste Haus, das ich geplant habe. Es gehört immer wieder zu den Momenten, die mich stolz machen, das Ergebnis einer meist mehrjährigen Arbeit zu sehen. Auch zu sehen, wie die Bewohner stolz ihr Haus Besuchern zeigen. Bei guten Gebäuden anderer Planer befällt mich ganz ehrlich Neid. Wirklich schön finde ich meist nur traditionelle Gebäude, Wiener Jugendstilhäuser, südspanische Innenhöfe, indische Tempel, japanische Teehäuser, mongolische Jurten, türkische Moscheen, skandinavische Holzhäuser und diese weißen Südstaatenhäuser.

3.) Eine Mitgliederzahl von überschaubaren 70 galt in der frühen Kirche als Richtschnur für die Größe einer christlichen Gemeinde. Welche Gruppengröße hältst du beim Zusammenleben für optimal, um sowohl individuelle Freiräume als auch Zusammenhalt zu sichern?
Die vergleichende Verhaltensforschung weist den Menschen eindeutig als Kleingruppenwesen aus, wobei die Partnerschaft von Mann und Frau auf Basis der gegenseitigen sexuellen Anziehung den Kern unserer zwischenmenschlichen Beziehungen bildet. Die erste und wichtigste Kleingruppe ist daher die Familie. Die verwandtschaftlichen Bande zwischen Eltern und Kind sind die stärksten, dann folgen Großeltern, Onkeln, Tanten, Nichten usw.
Darüber hinaus gibt es den Freundes- und Bekanntenkreis. Leopold Kohr („Die überentwickelten Nationen“, bekannt durch „small is beautiful“) nennt diesen die „gesellige Gemeinschaft“ und beziffert ihn mit 80 bis 100 Mitgliedern: „Durch eine größere Gruppe würde zwar die Mannigfaltigkeit gesteigert, aber die Beständigkeit gefährdet. Durch eine kleinere Gruppe würde der Zusammenhalt gefestigt, aber die Mannigfaltigkeit verringert“.
Weiters unterscheidet Kohr die „Wirtschaftsgesellschaft“, die für eine gelingende Arbeitsteilung etwa 5.000 Einwohner umfassen sollte, eine noch größere „Politische Gesellschaft“, um Ordnung, Recht und Verteidigung zu gewährleisten (bis zu 12.000 Menschen) sowie die „Kulturgesellschaft“, die – um Kunst, Literatur, Wissenschaft und Medien erweitert ab ca. 200.000 Menschen umfasst. Kohrs These: Was über 15 Millionen hinausgeht, senkt den Lebensstandard der Mitglieder.

Adventmail 2011/01 (Drei Fragen an…)

Die 3 ersten Fragen gehen an meine Schwester MARTINA, 33, Soziologin und seit September Vorsitzende der SPÖ Graz.

1.) Hast du so was wie ein politisches Vorbild? Dohnal? Kreisky? Maggie Thatcher?
Nein ich habe keine Vorbilder, es gibt jedoch Persönlichkeiten, die ich sehr schätze: Johanna Dohnal für ihre Hartnäckigkeit, J.L.R-Zapatero für seine Innovationskraft in seiner ersten Regierungsperiode, Jean Ziegler für seinen Mut, Bruno Kreisky für seine Fähigkeit zu verbinden.

2.) Gibt es in anderen Parteien Personen, die Du schätzt oder mit denen Du gar befreundet bist?
Freundschaft wäre zu weit gegriffen, aber ja, es gibt Menschen in anderen Parteien, mit denen ich gerne Kaffee trinken gehe…

3.) Mal ganz ehrlich: Wie viel Gefälligkeitspunsch musst du während der Adventzeit trinken?
Nachdem ich keinen Punsch mag, hoffentlich nicht viele… mehr zu schaffen machen mir die Kekse und die Brötchen, die immer zu essen sind, weil eine Verschmähung einer massiven Beleidigung gleichkommt.

Adventmails 2011 (Ankündigung)

Liebe Freundinnen und Freunde!
Meine Adventmails feiern heuer Jubiläum: Zum bereits zehnten Mal*) werde ich ab erstem Dezember wieder 24 vorweihnachtliche Impulse versenden und euch hoffentlich zum Nachdenken, Schmunzeln, Staunen oder was immer bringen.
Diesmal bitte ich wie schon 2004, 2006 und 2008 wieder um Mithilfe: Ich greife auf meine journalistische Profession zurück und werde in den nächsten Tagen „Kurzinterviews“ mit einigen von euch führen. Damit trage ich der Tatsache Rechnung, dass viele aus meiner exquisiten AdressatInnen-Liste Spannendes tun oder denken, das einen breiteren Kreis interessieren könnte. Überdies kennen viele von euch einander ja, und wenn nicht, gibt’s vielleicht Anlässe fürs Anknüpfen. Die Bandbreite meiner inzwischen rund 100 Personen umfassenden Liste reicht vom 14-jährigen Grazer Schüler bis hin zur 79-jährigen Pensionistin.
Konkret stelle ich mir das so vor: Unter dem Titel „drei Fragen an …“ nenne ich erst Namen, Alter, Wohnort und Beruf der/des Interviewten. Ich werde Fragen stellen, die über den Privatbereich hinausreichen, und um prägnante Antworten „in lesbarer Länge“ bitten. Mal sehen, was dabei herauskommt.
Zum Nachlesen und Kommentieren stelle ich die Adventmails 2011 auch heuer wieder auf Facebook in die Gruppe „virtueller Adventkalender“. Wer dort schon angemeldet ist und die Zusendungen nicht auch noch via gmx möchte, möge mich bitte kurz benachrichtigen. (Und wem das tägliche Mail hier zu viel wird, bitte ebenfalls melden.)
Einen angenehmen Restnovember wünscht Euch allen
Robert

*) Beim Start 2002 war das Thema Bucheinstiege; 2003 „letzte Sätze“ in Büchern, 2004 „geglückte Momente“, 2005 Assoziationen zu „warten“; 2006: Listen aller Art, 2007: „Countdown“ von 24 bis 1; 2008: Briefe ans Christkind und andere AdressatInnen, 2009: „Was geschah am 1., 2., 3.,… 24. Dezember?“, 2010: Namen/stage/ im Advent)