Mein Camino 4 (Ab nach Spanien!)

In Seixas knapp 4 km von der Busstation in Caminha quartierte ich mich im Donna Nega Guest House ein, in einem einfachen Zimmer ohne Mahlzeiten und mit Gemeinschaftsbad, aber mit schöner Terrasse und bunt gemischtem Publikum. Deutsche, Französinnen, Spanier und Esthy, eine atheistische Schweizerin und pensionierte Flugbegleiterin, deren Ziel nicht Santiago, sondern der nächste größere Ort Valença sein sollte. Sie sagte bei unserem längeren Gespräch, sie glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen. Dieser Glaube habe jedoch geschwankt, als sie gestern auf dem Waldweg nach Viana eine Frau beobachtete, die sich bei einer Pay-what-you-want-Labestation im Wald bediente, ohne auch nur einen Cent in die Kasse zu werfen. Esthy war empört, sagte der sich unbeobachtet Fühlenden aber nichts. Ich hätte.
Aber sowas ist die Ausnahme, waren wir uns einig. Es herrschen Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Interesse an anderen unabhängig von Herkunft, Alter, Aussehen und Geschlecht vor. Ich bin überzeugt: Der Camino ist herzensbildend, bessert seine Besucher:innen.

Der Lohn für meine eigene Herzensbildung kam tags darauf, am Dienstag, 21. April, zur Halbzeit meines Camino. „What a day“, schrieb ich in mein Notizbüchlein. „Mit Spiritualität, Genesung, Blödeln über Geheimdienste, Flusserlebnissen…“ Nach einer Empfehlung meiner Gastgeberin im Guest House folgte ich an diesem Tag keinen gelben Pfeilen oder Jakobsmuscheln. Ich möge stur dem Grenzfluss Minho/Miño folgen und die Wegweiser Richtung Hinterland ignorieren. Denn dann ginge ich auf einem weitgehend ebenen Radweg in einer schönen Flusslandschaft mit Vögeln, Schmetterlingen, Blumen. Klingt gut, dachte ich im Bewusstsein meines Fußes, dessen Blasen nun weniger weh taten, dafür schmerzte der stark geschwollene Rist bis hinauf zum Schienbein.
Ich dachte beim Gehen an Hape Kerkeling, dessen „Ich bin dann mal weg“ in seiner Ehrlichkeit mir auch religiös viel bedeutet (anders als Paulo Coelhos schwurbelig-esoterisches Camino-Buch, das ich nach 30 Seiten genervt weglegte). Am 4. Juli 2001, 16 Tage vor seiner Ankunft in Santiago, schrieb Hape: „Ich habe meine ganz persönliche Begegnung mit Gott erlebt.“ Die dem mitteilungsfreudigen Entertainer offenbar die Redseligkeit austrieb, denn: „Das, was ich gestern erleben durfte, kann ich weder erzählen noch aufschreiben.“ Voraus ging das von einer Mitpilgerin angeregte Vorhaben Hapes, sich „leer zu machen“ beim Gehen. „Schweigend und ohne jeden Gedanken zwölf Kilometer zu laufen, kann ich nur jedem empfehlen … Totale gelassene Leere ist der Zustand, der ein Vakuum entstehen lässt, das Gott dann entspannt komplett ausfüllen kann.“ Hape fängt aus heiterem Himmel an zu weinen, ohne ersichtlichen Grund. „Erschöpfung? Freude? Alles auf einmal?“ Die Aufschrift „Yo y Tú (Ich und du)“ auf einer Schule deutet er als spirituelle Intimität, die „nur mich und ihn“ betreffe und ein „Siegel der Verschwiegenheit“ erfordere. Eins nur: „Um Gott zu begegnen, muss man vorher eine Einladung an ihn aussprechen, denn ungebeten kommt er nicht.“
Sowas würde ich auch gerne erleben, dachte ich vorm Start in meinen Camino. Aber Hape war 6 Wochen unterwegs und hatte sein Erlebnis nach 4 Wochen. Würden meine elf Wandertage überhaupt ausreichen, um in so eine Stimmung, in so einen Zustand der Empfänglichkeit zu gelangen?
Und plötzlich, links von mir der Fluss, der sich um Grenzen nicht kümmert, rechts Frühlingsblumenwiesen mit Schmetterlingen und Bienen darauf, über mir Vogelgezwitscher … – kamen mir die Tränen, ohne ersichtlichen Grund, genau wie Hape es schilderte. Ich war einfach dankbar, voll von Vertrauen ins Leben, das wie auch immer gut ausgehen würde, genau wie meine Pilgerreise, die ja ein Symbol für den Lebensweg ist. Dankbarkeit, Vertrauen, diese beiden Grundpfeiler des Glaubens stehen doch viel mehr als das Bekennen vorformulierter Sätze den Kern von Spiritualität!

Am Rio Minho kamen mir die Tränen – vor Glück

Lennons „Imagine“ kam mir in den Sinn, das mir immer viel bedeutete. „…Imagine no possessions,/ I wonder if you can,/ No need for greed or hunger,/ Our brotherhood of man./ Imagine all the people sharing all the world…“ Ich erinnere mich an eine Nacht auf der Kykladeninsel Anaphi, die ich als Student in einer Kapelle hoch auf einer Anhöhe über dem Meer verbrachte und im hallenden Raum Donna nobis pacem sang. Und im Morgengrauen stand ich auf und lauschte – umhüllt von Gottes Liebe – dem Wind, dem Meer und den Möwen. Später dichtete ich: „Gott,/ du Vöglein,/ nistest in den Augenblicken,/ in denen mir zum Zwitschern ist.“ Sowas ähnliches erlebte ich am Rio Ninho. Ich war selig.

Das sind Lena und Simon kurz vor unserer gemeinsamen Rast mit Erdbeeren und Oliven

Dann traf ich Lena und Simon, meine Bekannten vom ersten Tag in Mindelo. Wir plauderten erfreut über das Wiedersehen über unsere Erfahrungen, blödelten über KGB und Mossad, und ich lachte über Simons „Drohung“, ich würde wegen meiner Busfahrt tags zuvor nun sicher kein Pilgerzertifikat in Santiago bekommen. Die beiden luden mich zur Rast mit Erdbeeren und Oliven ein. Simon meinte: „Ich sagte ja, dass wir einander wiedersehen würden.“ – Ich darauf. „Dann bist du ja wohl einer der Propheten, von denen Israel so viele hat.“ – Lena winkte ab: „Lieber nicht. Mit denen nahm es kein gutes Ende.“ Ich verabschiedete mich mit: „That’s why I estimate this trip so much: meeting people like you!“
In Valença würde ich auch Carina wiedersehen, die – wie sie mir whatsappte – an diesem Tag ihre mittlerweile ebenfalls beleidigten Füße mit einer Busfahrt schonte. Vorm Hotel Lara traf ich im Supermarkt noch eine allein reisende Bayerin, die bisher frömmste unter meinen Camino-Bekanntschaften. Sie pflegte lange ihre Schwiegermutter, obwohl die ihr gar nicht wohlgesonnen war, und schupft auch jetzt den Haushalt und das Pfarrleben ihrer Heimatgemeinde, wo sie Teil des Pfarrgemeinderats und des Mesnerteams ist. Sie brauchte schon nach dem Tod ihrer Schwiemu eine Auszeit nur für sich, damals auf dem Jakobsweg von München ins Allgäu, und jetzt wieder. Gott ist ihr dabei wichtig, und fromm heißt bei ihr nicht devot: „Bei dera Kirchn brauchst‘ an starkn Glaubm!“
Sehenswert ist die Burg von Valença samt Altstadt, darunter die doppelstöckige Eisenbrücke über den Minho/Miño, in deren Mitte die Grenze zu Spanien markiert ist. Halbzeit für mich. Und die erste Station gleich nach dem Grenzübertritt: Die Stadt Tui mit seiner 800 Jahre alten, wunderschönen Kathedrale. Ich hatte mich mit Carina für 11.45 am Bahnhof Tui verabredet, wir wollten die mehr als 30 km lange Etappe mit einer kurzen Busfahrt nach Porriño abkürzen. Doch fasziniert von den Frohbotschaften aus Stein und Holz und Gold in der Kathedrale übersah ich die Zeit und musste mich bei Carina entschuldigen: Bis zum Bahnhof schaff’ ich’s in zehn Minuten nicht mehr. Es fuhr allerdings ohnehin kein Zug, wir mussten den Bus eine Stunde später nehmen. Wieder 15 km von der Gesamtstrecke abgezwackt. War mir aber egal. The Camino is not a competition!

Es wurden auch so 33.000 Schritte bis nach Redondela am Fjord von Vigo. Und meine Fußbeschwerden nahmen wieder zu. Eine neue Blase am linken Ballen, der rechte Fuß blieb geschwollen, mit starken Schmerzen an Rist, Mittelfuß und Schienbein, so, dass ich kaum die Zehen anheben und in die Sandalen schlüpfen konnte. „Wandern in Galicien ist bisher nicht das Gelbe vom Ei, fällt gegenüber dem Küstenweg stark ab“, notierte ich frustriert. Viel auf und ab, Nebenstraßen, kleine Ortschaften – allesamt nichts Besonderes. Architektonisch bemerkenswert ist ein Eisenbahnviadukt aus dem 19. Jahrhundert, der sich eindrucksvoll über die Dächer von Redondela spannt. Aber nach dem Highlight am letzten Portugaltag war ich am ersten Spanientag recht niedergeschlagen, was auch an dem muffigen Zimmer mit nicht zu öffnendem, weil defektem Fenster lag. Hoch und Tief auch meine Stimmung – nur das Wetter spielte durchgehend mit: Frühsommer und Sonne ohne jeden Tropfen Regen.

Kurz vor Redondela auf den hügeligen Wegen des Camino in Galicia

Mein Camino 5 (¡Ya voy, Santiago!)

Eine Amerikanerin fragte mich, ob ich allein unterwegs sei. „No“, antwortete ich. „Pain is my permanent companion.“ Eine andere sagte. „We apologize for Trump. He’s a Jackass!“ Sowas hebt die Laune. Mehr als dass bei einer weiteren Ami-Frau die US-Flagge am Rucksack prangte.
Beim Aufbruch morgens geht es nach einer Weile ganz gut, allerdings nehmen die Schmerzen nach einer Pause mit Niedersetzen wieder zu, so meine Erfahrung. Und mein Gehtempo verringerte sich gegenüber den ersten Tagen deutlich, ab Spanien wurde ich von mehr Leuten überholt, davor war ich der Schnellere. Es häuften sich die Markiersteine mit der Jakobsmuschel und der Kilometerangabe, wie weit es noch bis zum Ziel ist. 84 km noch von Redondela, die 20 am Donnerstag, 23. April, nach Pontevedra sollten machbar sein. Und sie wurden es. Ich ging im Schontempo und hielt meine malträtierten Füße ins kalte Wasser eines sich durch den Wald windenden Flüsschens.

Ruth und Janet, die sich Jan (sprich: Tschänn) nennt, sind seit Jahrzehnten befreundet. Erstere ist aus Chester in Nordengland, zweitere aus Wales. Ich traf die beiden auf einem hübschen Waldweg – Galicien hat doch auch seine Reize – und plauderte während einer Rast mit ihnen. Ruth ist Witwe und hat einen Sohn, Jan einen radelnden und zugleich autobegeisterten Ehemann und zwei Söhne, aber im Unterschied zu Ruth (noch) keine Enkel. Beide haben Humor, wir müssen beim Reden über das britische Königshaus, über die walisische Sprache, die King Charles III. laut der Netflix-Serie „The Crown“ lernte, nicht aber Jan, viel lachen. Ruth empfahl mir mein ab dann geltendes Lieblingsbier 1906 aus der Brauerei Estrella Galicia und meinte, ich solle meinen Fußschmerz doch als Lernanstoß nehmen: Slow down! Die Rede kam auch auf unsere Vornamen, und ich erwähnte, dass ich – im Unterschied zu meinen Geschwistern – nur einen davon bekam und mir deshalb schon vor Jahren selbst einen zweiten verlieh: Pilgrim. Ein Name, den ich jetzt quasi einlöste, mit Leben erfüllte.
Ruth und Jan zeigten mir ein Video, in dem sie einen alten Pop-Hit von Tony Christie aus den 1970ern textlich neu interpretieren: Statt “Is This the Way to Amarillo?“ sangen die beiden vom Way nach Santiago, den es zu bewältigen gilt, um zu sweet Marie (oder sweet James?) zu gelangen. Auch eine dieser herzerwärmenden Bekanntschaften…

“Is this the way to Amarillo?” – No. To Santiago!

In Pontevedra kam ich mitten am Nachmittag an, ich logierte mich im Hotel Restaurante Rúas inmitten der hübschen Altstadt ein. Und suchte eine Farmacia auf, wo ich Voltadol gegen meine Schwellung bekam. Auf der zentralen Praza da Ferraría traf ich mich mit Carina zum Abendessen, wir teilten uns Tapas mit Fisch und viel Salat – richtig gut. Und unsere Gespräche wurden immer offener, vertrauter, freundschaftlicher. Ich erzählte sogar von meinem spirituellen Erlebnis an Rio Minho. Carina wurde für mich zu einer Weggefährtin wie Anne und Sheelagh für Hape Kerkeling auf seinem Camino. Ich bin froh, sie kennengelernt zu haben.
Am Freitag, zwei Tage vorm Ankommen, wanderte ich erträgliche 21 km nach Caldas de Reis, wo ein Luxusquartier auf mich wartete: Das Balneario Acuña punktet mit altgediegenem Ambiente, Terrasse vorm geräumigen Zimmer, einem hölzernen Treppenhaus rund um den schmiedeeisernen Aufzug – und vor allem: einem Swimming Pool mit Termalwasser. Ich kam früh genug an, um zum ersten und letzten Mal meine Badehose anzuziehen und mich im warmen Wasser angenehm schwerelos zu fühlen, während auf der Terrasse meine gewaschenen T-Shirts und Unterhosen trockneten. Unter den Gästen mischten sich Pilgernde und Pensionisten, letztere dominierten das von mir mitgebuchte opulente Abendessen mit Salatteller, angeblichem Heilbutt, Eisdessert und Weißwein. Köstlich.

Eine der besten Unterkünfte: das Balneario Acuña in Caldas de Reis mit Pool rechts unter den Bäumen

Was in Caldas de Reis und auch sonst in Galicien nicht gut klappte, war, Stempel für den Pilgerpass in Kirchen zu bekommen. Viele davon waren nämlich verschlossen. Dabei wären offene, kühle, zum Innehalten und Nachdenken einladende Kirchen, vielleicht sogar mit biblischen Kurztexten wie die in Glückskeksen, eine gute Idee und würden sicher gerne genutzt. Immer gab es Stempel in Gastronomiebetrieben oder bei Kleinhändlern am Wegrand, die alle Arten von Camino-Tand anbieten. Manchmal spielen auch Musikanten, die von Pilgern einen Obulus erhoffen, wie jener E-Bassist, der Lennons „Imagine“ richtig gut interpretierte.
Mein Eindruck war auch. Je näher bei Santiago, desto größer der Spanier:innenanteil. Viele starten von Tui, andere von Vigo. Auch eine Klasse mit lärmenden Teenagern plapperte sich Richtung Ziel.
An den letzten beiden Tagen borgte mir Carina ihre nicht benutzten faltbaren Wanderstöcke. Ich hatte auf meine ja verzichtet, weil ich, den Rucksack als Handgepäck im Passagierraum verstauend, nicht riskieren wollte, sie bei der Sicherheitskontrolle abgeben zu müssen. Carinas Stöcke entlasteten wohltuend die Gelenke und vor allem den rechten Fuß. Die harmlosen 18 km von Caldas de Reis nach Padron legten Carina und ich gemeinsam zurück, mit Gedankenaustausch und Pausen samt Gazpacho, Oliven, Kuchen, Kaffee und Cola. Den hügeligen Wegen in schönen Eichen-, Föhren- und Eukalyptuswäldern konnte ich zunehmend etwas abgewinnen.

Sonntag, 26. April, letzter Caminotag! Und die Route verhieß Anstrengung, denn von Padron sind es 25 km mit vielen Steigungen ins auf 257 m Seehöhe gelegene Santiago. Uff, das wird heftig, fürchtete ich, und mir fiel Simons Abschiedsworte bei der Minho-Flussrast an mich ein: „Be not too hard to yourself.“ Er ist ein Prophet und hat recht, dachte ich. Also nochmals Bus. Aber nicht nach Santiago, das wäre für mein Pilgerethos zu viel, nur die Hälfte der Strecke vom Hotel Scala weg. Ich entschied mich für Milladoiro als Halt, mit der Option, die tags zuvor noch ein Stück weiter gewanderte Carina auf dem Weg zu treffen. War dann aber nicht so.
Ich näherte mich bei bestem Wetter und in ebensolcher Stimmung dem Ziel. Und überlegte, was diesen Weg zu den angeblichen Überresten eines in der Bibel eher als Nebenrolle bedeutsamen Apostels über Jahrhunderte so attraktiv machte und ihn gerade in den vergangenen 40 Jahren so enorm boomen ließ? KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder, mit dem ich beruflich viel zu tun hatte, ist als europaweit erfahrener Pilger sehr zurückhaltend, was den Camino betrifft. Der sei als Kampfpfad gegen die Muslime instrumentalisiert worden, Jakobus selbst als „Maurentöter“, der Apostel sei wahrscheinlich gar nicht in Hispanien missionieren gewesen, war selbst nie ein Pilger; jetzt sei der Camino von Kommerzialisierung und Overtourism geprägt.
Alles richtig, und es stimmt: Gotteserfahrungen kann man auch beim Pilgern nach Mariazell, Altötting oder Lourdes machen, und warum nicht auch in Cornwall oder Cinque Terre?
Und doch: Die 530.000 registrierten Pilger:innen, die im Vorjahr nach Santiago kamen, erleben einen Abschluss, wie er sonst wo kaum möglich ist. Ankommen – wer tut das nicht gerne, buchstäblich und sprichwörtlich? Wie auch ich, an diesem Sonntag nach nur 20.000 Schritten, mit Schwielen und Blasen an den geschwollenen Füßen, Parkemed im Blut und Carinas Stöcken an den Händen kam ich auf dem gepflasterten Obradoiro-Platz vor der barocken Kathedrale an, wo sich symbolisch die Pilgerwege aus allen Windrichtungen treffen. Dieser Ort ist Schauplatz von Freudenszenen mit Applaus, Umarmungen und Glückwünschen, von Selfies und Sich-Ausruhen. Das Glück, anzukommen, es geschafft zu haben, schmälern auch die vielen Entbehrungen und Wehwehchen nicht. Und es ist wichtiger als die Pilgerurkunde, die ich wie alle für ihren mit mindestens zwei Stempeln täglich bestückten Camino-Pass im Pilgerbüro bekam.

 Wer kommt nicht gerne an? In Santiago kann man das Glück darüber täglich tausendfach erleben.


Ich setzte mich erstmal hin, traf Ruth und Jan und umarmte beide, vereinbarte ein gemeinsames Abschiedsbier tags darauf, wollte aber jetzt noch sitzen bleiben und alles sickern lassen, was ich die letzten elf Tage erlebte. Dann tauchte auch Carina auf, wir beglückwünschten uns und machten Erinnerungsfotos von unserem ersten Camino. Carina überlegt, nochmals zu gehen; ich neige eher zu anderen Zielen.
Das ist eines der schönsten Dinge am Camino: am Ende nette Leute wiederzusehen, mit denen man ein Stück des Weges ging, ja eine Zeitlang so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft bildete… Dazu passt, dass ich in den kommenden Tagen auch Lena und Simon wieder traf, und beim Zurückfahren mit dem Bus nach Porto sogar die deutlich später eingetroffene Holländerin Susanne.
Ich blieb noch vier Nächte in Santiago, der 100.000-Einwohnerstadt mit der höchsten Rucksackdichte, deren labyrinthartige Innenstadt Weltkulturerbe ist. Ich entdeckte persönliche Lieblingsplätze wie die die arkadengesäumte Rua Nova mit der einzigartigen, der Mutter des Jakobus geweihten Iglesia de Santa María Salomé, die jung-belebte Praza da Universidade und die abgelegen ruhige Praza de San Martino, an der ich mein Zimmer in der kleinen Pension Estrella hatte. Ich aß Pulpo im Markt, kaufte Tarta de Santiago und Pilgersocken, nahm an einer Stadtführung teil und machte einen (Kann-man-machen-muss-man-aber-nicht-)Ausflug nach Finisterre, ans „Ende der Welt“.


Nach weiteren zwei Tagen in Porto flog ich zurück nach Wien, in die Arme meiner Liebsten. Und ich bin froh, meinen Camino erlebt zu haben.
Das letzte Wort möge Hape Kerkeling haben, dessen „Ich bin dann mal weg“ ich wirklich empfehle. Er beendet seinen Reisebericht spirituell, vergleicht seine Pilgerzeit (oder das Leben?) mit einem kindgleich ausgelassenen Spiel Gottes. „Der Schöpfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende überraschenderweise wieder aufzufangen… Und die Botschaft lautet: Hab Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der Fänger sein. Und wenn ich es Revue passieren lasse, hat Gott mich andauernd auf dem Weg in die Luft geworfen und wieder aufgefangen. Wir sind uns jeden Tag begegnet.“

“Wir sind uns jeden Tag begegnet.“

Drei Tage im frühlingshaft goldenen Prag, 12.-15.3.2026

Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 1980er-Jahre, vor der samtenen Revolution im November und Dezember 1989, bei einem Versuch scheiterte, in die damalige Tschechoslowakei einzureisen. Weil auf meinem Passfoto kein Vollbart zu sehen war, den ich Theologiestudent damals trug. “Abrasieren, dann wiederkommen”, hieß es unfreundlich. “Oder neuer Pass mit korrektem Foto.”
Nichts da, sagte ich mir. In so ein Land mit so einem rigiden Njet-Regime komme ich erst wieder, wenn der Kommunismus abgestreift ist.
Das war dann Ende der 1990er-Jahre der Fall, als ich mit meinen Geschwistern unsere Mutter anlässlich ihres 60ers zur ersten gemeinsamen Reise lud. Aber auch da war der Postkommunismus noch allenthalben spürbar, z.B. in einem Restaurant, wo wir “Westler” übertölpelt werden sollten.

Das hoben wir uns fürs nächste Mal auf: Prag von der Moldau aus erkunden.

Inzwischen ist Prag viel sympathischer geworden – und das liegt nicht nur am herrlichen Frühlingswetter, das während unserer Fahrt in die Perle Böhmens herrschte. Claudia und ich kamen am Donnerstag, 12. März, aus Weimar und wollten auf der Rückreise das auf der Strecke liegende Prag besuchen. Nach einem kurzen Stopp in Karlsbad hatten wir erst ziemliche Probleme, das reservierte AirBnB-Apartment in der Altstadt zu finden. Denn unser Host hatte, warum auch immer, als Adresse Rybna 617/24 angegeben. Die Suche nach der Nummer 617 führte zu Stress und einem erfolglosen Check-in-Versuch nach Fußmarsch mit Rollkoffer durch Touristenströme. Mehrere Anrufe lotsten uns schließlich mit halbstündiger Verspätung zur richtigen Hausnummer 24.
Danach Büroschlussverkehr bei der Fahrt zum P+R-Parkplatz, wo wir unseren Renault drei Tage lang viel günstiger parken wollten als in superteuren City-Parkhäusern (nächstes Mal Anreise mit Bahn!). Zurück mit zwei der drei Prager U-Bahn-Linien. Gute Entscheidung, außerhalb zu parken, vor allem auch wegen der problemlosen Abreise am Sonntag, 15. März.
Aber zurück zu Prag: Die Stadt hatte Glück. Als einer der kaum mehr umkämpften Orte im Zweiten Weltkrieg blieb viel von der alten Bausubstanz erhalten, bis auf das im Mai 1945 von Widerständlern genutzte Rathaus, das die deutsche Wehrmacht mit Panzern beschoss und Feuer legte. D.h. Prag blieb die wunderschöne Goldene Stadt, wie sie wegen der vielen Messingdächer genannt wurde, hat eine riesige Altstadt mit vielen Gebäuden, vor denen wir staunend stehenblieben.

GuruWalk durch Prags Historie

Sehr interessant war die GuruWalk-Führung mit Guide Reinhard. Der zuagroaste Bayer blieb der Liebe wegen nach dem Studium in Prag und frönt nun als gelernter Chemiker seinem Steckenpferd, nämlich Besuchenden eine rote Linie durch die Geschichte Prags als Grundlage für eigene Erkundungen mitzugeben. Er spannte einen Bogen von der Völkerwanderungszeit über die Besiedlung aus dem Osten durch die späteren Slawen, die Christianisierung durch den Heiligen Herzog Vaclav, das Aufblühen als Handelsmetropole unter den Přemysliden, die Blüte der Kaiserzeit unter dem weitblickenden Luxemburger Karl IV., dem sein unfähiger Sohn Wenzel IV. folgte, die erste Reformation durch den am Hauptplatz aufgestellten Jan Hus, die Prägung durch die Habsburger bis hin zur NS- und dann KP-Zeit. Alles sehr historisch, dafür wenig Kunst, Literatur und Kulinarik.
Apropos. Abendessen am Freitag im Restaurant Schwejk mit wie immer deftiger Böhmenkost: Nach dem Gulasch mit Knedl und Pilsner tags zuvor wählte ich diesmal Schweinernes mit Knedl, dazu süffiges Pilsner. Weil’s grad passt: Der kulinarische Höhepunkt war das letzte Abendmahl in der bei Einheimischen offenbar superbeliebten “Kantyna”, einer Art Ausspeisung mit regionalen Zutaten und wirklich guter Küche. Große Empfehlung! Diesmal wurde es Saftfleisch vom Rind mit Braterdäpfeln, dazu zwei köstliche Pilsner (nach der Rückkehr nach Wien hatte ich erstmals mehr als 76 kg).
Frühstücken gingen wir immer in unterschiedliche Lokale in Nähe unseres Apartments; da war die Auswahl groß und das Gebotene gut. Und das Preisniveau ist für inflationsgeplagte Österreicher wirklich okay.

Besteigung der Prager Burg

Am letzten Besuchstag, dem Samstag, trennten sich Claudia und ich. Sie begab sich auf eine der in Europas Großstädten verbreiteten Hop-on-hop-off-Tour, ich bestieg mit einem im Internet gebuchten GetYourGuide-Ticket die Prager Burg, die größte geschlossene Burganlage der Welt, – eine Idee, auf die bei angenehmem Wochenendwetter auch viele andere Touristen kamen. D.h. völlig überlaufene vier inkludierte Sehenswürdigkeiten: die Goldene Gasse, wo Kafka kurz wohnte, die romanische St.-Georgs-Basilika mit dem dann von Joseph II. aufgehobenen Benediktinerinnenkloster, der gotische Veitsdom und der Alte Königspalast mit dem herrlichen Vladislavsaal und dem Schauplatz des Zweiten Prager Fenstersturzes, der den 30-jährigen Krieg auslöste. Den Veitsdom sah ich erstmals – und war enttäuscht. Nicht, weil er nicht beeindruckend schön (Glasfenster von Alfons Mucha!) sei, sondern weil man nur touristisch durchgeschleust wird. Der gesamte Innenbereich, wo sich Betende niederlassen könnten, ist abgesperrt. In einem Gotteshaus kein Platz für gelebte Spiritualität? Jesus trieb einst die Händler aus dem Tempel aus…


Durch das von einer Garde bewachte barocke Matthiastor ging es vorbei am Palais Schwarzenberg runter in die Prager Neustadt – ein Stadtteil, den nach gravierenden Zerstörungen durch die Schweden im 30-jährigen Krieg die Habsburger prägten. Steile Gassen, hübsche Läden, viel Gastronomie. Dann Treffen mit Claudia auf der Karlsbrücke, kurz nachdem dort Exilperser für die Machtübernahme des Pahlavi-Sohnes demonstrierten. Kaffee trinken, Abendlokal aussuchen, früh zurück ins Quartier und ab ins Bett – so lautete auch am letzten Tag das den Anstrengungen geschuldete Programm. Jeden Tag zwischen 13.000 und 17.000 Schritte, und das schon die Tage davor in Weimar, das zehrt. Aber es lohnte sich. Prag ist nicht umsonst eine DER Städtetrip-Ziele in Europa.

Vier Tage in der Goethestadt Weimar, 8.-12.3.2026

Der zentrale Platz heißt Markt – und dient als solcher

Schon höchst erstaunlich, wie eine Kleinstadt in Mitteldeutschland mit heute 66.000 Einwohner:innen (zur Zeit Goethes ein Zehntel davon!) zum Nabel der deutschsprachigen Kultur werden konnte – mit Protagonisten wie Wieland, Herder, Goethe, Schiller, später Nietzsche, Liszt, Wagner oder auch Rudolf Steiner, in der Bauhauszeit dann Gropius, Klee, Kandinsky und Feininger. Und auch politisch kam die Stadt in Thüringen in die vorderste Reihe: 1919 wurde hier die Weimarer Republik gegründet, mit einer auch heute noch menschenrechtlich wegweisenden Verfassung.
Es war also einiges zu erwarten, als wir am Weltfrauentag trotz teurem Benzin (Iran-Krieg!) mit dem Auto losfuhren und nach einem Kurzaufenthalt in Bamberg (sehr hübsche Innenstadt) im gediegenen Best Western Hotel “Russischer Hof” ankamen. Claudia hatte bei einem ihrer vielen Preisausschreiben einen zweitägigen Aufenthalt dort gewonnen, den wir auf vier Übernachtungen verdoppelten. Gute Entscheidung, denn zwei Tage hätten für Weimar nicht gereicht – zumal am Mo und Di in vielen Museen Ruhetag ist.

Goethe muss der größte sein

Schon beim ersten Abendessen wurde anhand einer Bierwerbung deutlich, wie präsent Dichterfürst JWvG, der hier von 1775 bis 1832 lebte, auch heute noch in Weimar ist. Zu danken ist sein Zuwandern einer Frau: Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar, lotste den Aufklärer Christoph Martin Wieland als Erzieher ihres Sohnes Herzog Carl August in die Stadt. Und angezogen von dem damals hochgeachteten Shakespeare-Übersetzer, Dichter und Herausgeber folgten bald Goethe, Herder und Schiller – das klassische Viergestirn.
Lustiges Detail: Goethe maß 1,69 m, Schiller 1,80 – doch auf dem zum Wahrzeichen gewordenen Doppeldenkmal vor dem Weimarer Hoftheater (heute DNT) sind die beiden gleich groß. Großherzog Carl Alexander erlegte dem beauftragten Bildhauer Ernst Rietschel 1857 wohl Augenhöhe auf (“Wie sieht denn das aus, wenn der große Goethe so viel kleiner auf dem Podest steht…?!”). Bei der Stadtführung am Montag vergrößerte unser kundiger Guide den Längenunterschied der beiden Dichter sogar auf 162 zu 190 cm.

Links Goethe, rechts Schiller vor dem Deutschen Nationaltheater. einander Musenfreunde.

Mit beiden hatte ich jedenfalls im Germanistik-Studium zu tun – und las kaum mehr als die Studierenden auferlegte Pflichtlektüre: Zu korsetthaft regelorientiert, mit Antikewissen protzend, von hehren Idealen geleitet erschien mir deren Schrifttum – und tut es noch heute. Claudia kaufte, beeindruckt von der aktuellen Faust-Ausstellung im Schiller-Museum, eine Ausgabe des berühmtesten deutschen Stücks (dessen zweiten Teil zu lesen eine Challenge ist) – ohne zu wissen, dass eine ähnliche Ausgabe in meiner Bibliothek verstaubt.
Der Einblick in die Lebenswelten der beiden anfangs distanzierten, dann eng befreundeten Dichter war des ungeachtet spannend. Der Familienmensch Schiller hatte stets mit seiner angegriffenen Gesundheit zu kämpfen, musste dennoch hart arbeiten, um genug Einkommen zu haben, wurde im Herzogshaus erst spät geschätzt und dann auch geadelt – was der Standesunterschieden gegenüber skeptische Schiller ironisch kommentierte. Goethe dagegen war damals sowas wie der Ortskaiser: ein enger Vertrauter von Herzog Carl August, von diesem mit Ministerämtern zuhauf betraut und dadurch lange vom Schreiben abgehalten, bis er sich zwei Jahre lang auf seiner italienischen Reise entzog – bei vollem Salär. Schiller lebte bescheiden, Goethe dagegen auf großem Fuß, erst abgeschieden in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm, dann zentral im aufwendig umgebauten Stadthaus mit Empfängen, Salonintellektualität, Schöngeistigkeit inmitten antiker Statuen und Grafiken. Und Goethe war, heute oft vergessen, ein ambitionierter Naturwissenschaftler, der Tonnen von Steinen sammelte und eine heute zu Recht vergessene Farbenlehre entwickelte.

Da gäb’s noch viel mehr Geschichten zu erzählen, etwa von Goethes wilder Ehe zu Christiane Vulpius, oder, was mit Schiller nach seinem Tod geschah – aber Weimar ist ja nicht nur klassisch.

Gründungsstadt vom Bauhaus

Sondern auch Bauhaus-Stadt. Unser erster Besuch mit der Weimar Card galt dem Bauhaus-Museum. Die Protagonisten dieser von Walter Gropius 1919 gegründeten Kunst- (und Lebens)schule waren anfangs wenig gelitten in der situierten Kulturstadt, die rund 100 Männer schoren sich eine Glatze – und wirkten wohl ähnlich sektenhaft wie später die Punker mit Irokesenfrisur, meinte unser Guide. Es gab fast gleich viele Frauen unter den Auszubildenden – eine feministische Avantgarde der 1920er samt Nacktbaden in der Ilm. Der Anspruch, Kunst und Handwerk zu vereinen, führte zu Design, das auch heute noch begeistert, viele Beispiele davon aus allen möglichen Lebensbereichen sind im Bauhaus-Museum zu sehen.

Die Stadt wirkt heute herausgeputzt, etwas museal, voll von Althausbestand. Gäbe es keine Studierenden an der Bauhaus- und der Liszt-Uni, wäre Weimar laut unserem selbst pensionierten Guide dominiert von kulturbeflissenen Rentnern, die sich hier gerne ansiedeln. Darauf mag es zurückzuführen sein, dass die AfD – sonst Mehrheitspartei in Thüringen – in Weimar nur die sechststärkste Kraft ist – hinter CDU, Bürgerliste, Grünen, SPD und Linken.
Im kleinen Weimar wurde 1919 die gleichnamige Republik ausgerufen, um Gezerre der großen Metropolen zu vermeiden und weil es so praktisch in der Mitte Deutschlands lag. Die hier beschlossene postmonarchistische Verfassung wurde Vorbild für viele spätere.
Weimar ist bestens geeignet für Fußgänge, weil sehr überschaubar und konzentriert. Ob es an Goethes Freimaurerei und seiner vagen Beantwortung der Gretchen-Frage liegt, dass Religion bzw. Kirchen in Weimar zweitrangig sind – abgesehen von der Stadtkirche St. Peter und Paul, wo Herder bis zu seinem Tod 1803 Generalsuperintendent war und ein dreiflügeliges Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren beeindruckt: Ein Blutstrahl direkt aus der Seitenwunde Christi trifft auf den Kopf von Cranach nicht auf jenen Luthers daneben.

Flanieren im Park an der Ilm
Pause am Herderplatz vor der gleichnamigen Kirche
In der Bauhaus-Universität
Anna Amalia Bibliothek

Etwas enttäuschend war der Besuch der berühmten Rokoko-Bibliothek von Herzogin Anna Amalia. Im Büchersaal war nur ein kleiner Teil des auf drei Ebenen angesiedelten Ensembles zugänglich, vieles blieb abgesperrt. Und die eigentlichen Bücherschätze finden sich im gratis zugänglichen Studierzentrum über dem Platz der Demokratie, das auch ein besuchenswertes Café aufweist (wo ich einen Band von Robert Gernhardt aus dem Bücherdepot entnahm).

Nichts für Veganer:innen

Die Gastronomie in Weimar ist deftig, Thüringer Bratwurst das Signature Dish, sonst viel Fleisch, wenig Gemüse und Salat. Gutes Bier, Köstritzer, das angeblich auch Schluckspecht Goethe schätzte (s.o.). Mein Weimarer Lieblingsrestaurant liegt auf dem Platz Frauenplan gegenüber von Goethes Wohnhaus. Arno’s – ich aß köstliche Königsberger Klopse auf Rohnenpüree, Claudia ein feines Sülzchen. Sehr nett war auch das Päuschen im Rösterei-Café “Röstbrüder” auf dem sonnigen Herderplatz. Wie überhaupt das Wetter mitspielte: frühlingshaft sonnig war’s, einladend zu ausgedehnten 10.000-Schritte-Spaziergängen durch die Stadt und den Park. Am Mittwoch fuhr ich (alleine) nach Erfurt, um die dortige Welterbe-Innenstadt zu besichtigen. Lohnend. Und auch sehr schön: der Theaterbesuch am letzten Abend im DNT mit einer Bühnenversion von Jenny Erpenbecks Roman “Kairos”.
Für potenzielle Besucher:innen noch ein Tipp: Gleich hinter dem Freibad (das im Sommer sicher einen Besuch wert ist) liegt der Gratis-Parkplatz am Herrmann-Brill-Platz, keine zehn Minuten von unserem Hotel entfernt. Der Russische Hof bietet auch in der Post-DDR-Ära gute Qualität: großes Zimmer mit Terrasse im 4. Stock mit Blick auf die Dächer Weimars, vielfältiges Frühstück, beste Lage am – wo sonst? – Goetheplatz.

“Beten mit den Füßen” durch idyllische Weinberge und Kellergassen

Das zu Unrecht touristisch unterschätzte Weinviertel schwimmt seit 15 Jahren mit einem Abschnitt des Jakobsweges im Pilgerboom mit – 2500 “Betende mit den Füßen” machen sich jährlich auf den 153-Kilometer-Weg von der tschechischen Grenze bis nach Krems

Wien, 8.11.2025 (KAP) Eine Etappe auf dem Jakobsweg beginnen Pilger am besten bei einer Jakobskirche, im konkreten Fall bei jener in Falkenstein im nördlichen Weinviertel: Das 15-jährige Bestehen des Vereines „Jakobsweg Weinviertel“ mit insgesamt 153 Kilometern Streckenlänge von der tschechischen Grenze bis nach Krems war Anlass für eine Pressefahrt, bei der die Teilnehmenden die rund 8 km lange Teilstrecke von Falkenstein nach Poysdorf marschierten. Von Pilgerexperte Franz Knittelfelder erfuhren sie Wissenswertes über das Projekt, für das Kirche, Landespolitik und die Weinviertel Tourismus GmbH an einem Strang zogen. Anfangs sei man vom Erfolg nicht überzeugt gewesen, doch mittlerweile seien jährlich rund 2.500 Pilgerinnen und Pilger auf den idyllischen Wegen fernab vom Massentourismus unterwegs.

Knittelfelder, Direktor der aus dem früheren diözesanen Bildungshaus Schloss Großrussbach hervorgegangenen Bildungsakademie Weinviertel, ist „zuagroaster“ Steirer, lebt seit vielen Jahren im Weinviertel. Die Schönheit der Gegend werde von den Einheimischen unterschätzt. „Bei uns gibt’s ja nichts. Wer soll denn da kommen?“, habe er anlässlich der Planungen für den Pilgerweg öfters vernommen. Dass die Landschaft mit ihren Hügeln, Weingärten, Wäldern und Kellergassen unterschätzt wird und viele Reize hat, wurde der kleinen „Pressepilgergruppe“ bei herrlichem Herbstwetter verdeutlicht. Nicht zu vergessen die oft auf Anhöhen gelegenen Gotteshäuser. Die dem Apostel Jakobus d. Ä. geweihte Pfarrkirche Falkenstein gleich zu Beginn der Tour blickt auf Ursprünge am Beginn des zweiten Jahrtausends zurück und liegt direkt unter der ebenfalls im Hochmittelalter errichteten, über der Landschaft thronenden Burgruine. In einem Seitenraum eine kulturhistorisch wertvolle gotische Madonna aus Sandstein, über dem barocken Altarbild ein theologisches Kuriosum: die Dreifaltigkeit, dargestellt als Christus-Drilling in je identischer Himmelskönigspose.

Drei Pilgernde, die “stempeln gehen”; in der Mitte Franz Knittelfelder mit Pilgerstab und Wander-Büchlein

Nicht nur im Eingangsbereich, auch außen an der Kirchenwand findet sich eine der vielen Stempelstationen entlang des Weinviertler Jakobsweges. Hier können Pilgernde sich und anderen mit einem Eintrag im eigens aufgelegten Pilgerpass beweisen, was sie geleistet haben. Neben den Feldern für die Stampiglien vermitteln Texte und Gebete Inspiration, Kraft und Zuversicht. „Die Leute stehen auf sowas“, weiß Franz Knittelfelder. Manche würden extra mit dem PKW zu „versäumten“ Kirchen fahren, um die Stempelsammlung zu komplettieren und – wie die Absolventen des Camino nach Santiago de Compostela – eine Pilgerurkunde zu bekommen. „Originalgetreu“ sind auch die käuflich zu erwerbenden Jakobsmuscheln, die üblicherweise am Rucksack oder am Wanderstab fixiert werden, aufgelegt wurde auch ein informativer „Jakobswegweiser Weinviertel“, beziehbar um EUR 14,90 über den Buchhandel (ISBN 978-3-7079-2158-8) oder bei der Weinviertel Tourismus GmbH.

Sich zu verirren ist angesichts der übersichtlichen Markierungen mit dem Jakobsweg-Logo kaum möglich. Einzelne schon etwas verblichene Info-Tafeln sollen laut Franz Knittelfelder demnächst wieder auf Vordermann gebracht werden. Und Krems samt dem dortigen „Dom der Wachau“ soll anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums als Zielort klarere Kontur bekommen.

Wobei der Jakobsweg Weinviertel beliebig verlängerbar ist: Lohnend sei das Wandern in Mähren nach einem Start in Brünn oder noch weit davor in Krakau, und nach Krems führt der klassische, vom Pilgerpionier Peter Lindenthal beschriebene Weg durch das Donautal, über Salzburg und das Inntal bis nach Vorarlberg. Knittelfelder weiß von ambitionierten Wanderern, die die gesamte Strecke ins galicische Santiago de Compostela gleich mehrfach auf verschiedenen Routen zurücklegten. Wien wird vom Jakobsweg Weinviertel – anders als beim Weg über die Hainburger Pforte – übrigens nicht berührt, die Strecke führt von Stockerau westwärts bis in die Wachau.

Kellergasse im Weinort Poysdorf fast schon am Ziel des herrlichen “Pressepilgermarsches”

Für den Streckenverlauf wurden alte Wegelisten aus dem Mittelalter gesichtet, wegen der Nordautobahn wurden einige Abschnitte jedoch nach den Kriterien Verkehrsarmut und landschaftliche Schönheiten abgeändert. Die „Pressepilger“ beendeten ihre Tour in einer der schönsten Kellergassen des Weinviertels, in Poysdorf, und mit einer Einkehr im Wein.Hotel Neustifter. In der Ortskirche brachte eine Innungsfahne die Wanderer zum Schmunzeln: Über der Abbildung eines auf Trauben stampfenden, also kelternden Jesus steht ein Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja (63,3): „Ich habe allein die Presse getreten.“

Pilgern steht spätestens seit Papst Johannes Pauls II. Aufruf bei der Europafeier 1982 in Santiago, die geistlichen Wurzeln des Kontinents wieder zu beleben, hoch im Kurs; einen weiteren Schub löste das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ von 2006 aus. Prälat Matthias Roch, als ehemaliger Bischofsvikar unter dem Manhartsberg einer der Gründerväter des dortigen Jakobsweges, nennt beim abschließenden Mittagsmahl die schon davor im Weinviertel einsetzende Freude am „Beten mit den Füßen“ eine Initiative zum richtigen Zeitpunkt. Und ein Ende des Booms ist nicht absehbar.

(Die Website www.jakobsweg-weinviertel.at bietet viel Wissenswertes über das Pilgern generell, über Streckenverlauf und Etappenempfehlungen, Gastronomie und Unterkünfte)

(COMPLIANCE-HINWEIS: Diese Berichterstattung erfolgt im Rahmen einer Pressereise auf Einladung der Weinviertel Tourismus GmbH. Die Reisekosten wurden vom Veranstalter getragen, die Berichterstattung erfolgt unter unabhängiger redaktioneller Verantwortung der Kathpress-Redaktion.)

Rad + Schiff auf der MS Primadonna von Wien bis Belgrad, 6.-12-2025

Neu belebt: meine Liebe zur Donau, die so viele Länder verbindet wie kein anderer Fluss

Der erste Eindruck weckte den Ironiker in mir: Begrüßungssekt im geräumigen Bug des Luxus-Katamarans MS Primadonna samt 9 m hoher Verglasung für den bestmöglichen Blick auf die Donau, Easy-listening-Klänge des Barpianisten, und während Claudia und ich am kleinen Snack knabberten, brachte das Bordpersonal das Gepäck in unsere Kabine auf dem Oberdeck. Rundum Gäste gesetzten Alters, die sich wie wir eine Woche auf der Donau, die durch so viele Länder fließt wie weltweit kein anderer Strom, genießen wollten. „Pensionistenleben“ schrieb ich samt einen Lach-Smiley unter das Video über das obige Geschehen, das ich an liebe Zuhausegebliebene versandte.

Aber wir sind ja seit Jahresbeginn selbst in Pension und genossen in weiterer Folge die Annehmlichkeiten auf dem einzigen Kreuzfahrtschiff auf der Donau unter österreichischer Flagge: hervorragende Kulinarik bei den täglich fünf Mahlzeiten, 16-Quadratmeter-Kabine mit eigenem Balkönchen, Sonnendeck mit Außenpool, Sauna, Unterhaltungsprogramm mit Weinverkostung undundund. Es sollte sich herausstellen, dass unsere Mitreisenden keineswegs nur eine Woche lang die Füße hochlagern wollten. Viele sind versierte, erfahrene Radler:innen, etliche hatte (wie wir) ihre eigenen (E-)Bikes an Bord gebracht, etliche nützten gleich das Angebot, die Reise mit einer Tour von Wien nach Bratislava zu beginnen. Davon sahen Claudia und ich ab, denn wir radelten am Montag mit Gepäck auf den Rädern von Zuhause zur Anlegestelle in Nussdorf – bei leichtem Regen, dem einzigen während der Reise.

Abends ein (zu) kurzer Spaziergang durch die slowakische Hauptstadt, die wir trotz ihrer Nähe zu Wien noch nie gemeinsam besuchten. Holen wir nach, am besten per Rad die 70 km den Donauradweg entlang. Nachts war die MS Primadonna mit ihren rund 150 Gästen und knapp 50 Beschäftigten immer auf dem Wasser unterwegs, tagsüber wurden die Räder vom Personal an Land gebracht und die Urlaubenden strampelten auf den zuvor empfohlenen Routen.

Das Leben an Bord war erstaunlich ruhig. Bei Schiffskabinen rechne ich eigentlich mit Geräuschen von rundum, aber unsere war sehr gut schallisoliert, und sogar nächtliche WC-Besuche weckten den/die jeweils andere/n nicht. Auch hier also 4-Sterne-Niveau.

Die MS (Motorschiff) Primadonna, hier bei der Anlegestelle in Budapest

Wir waren uns bald einig: Der Urlaub mit Schiff und Rad auf der Donau ist ein Volltreffer. Zum Wohlbefinden trug auch die nette Tischgemeinschaft mit Helga, Gerti und Werner aus Vorarlberg bei, die wir zumindest beim Frühstück und beim 4bis5-Gänge-Dinner täglich sahen. Mir Medienschaffendem gefiel auch die Zeitungsauswahl (Standard und Süddeutsche) und das breite TV-Senderangebot, wodurch ich am Donnerstag den 10:0-Sieg des Rangnick-Teams gegen bedauernswerte San Mariner miterlebte. Zweimal unterhielt uns auch die Schiffsmoderatorin, Kabarettistin und ehemalige österreichische Karaoke-Meisterin Charlotte Ludwig mit Songs übers Meer und Wienerliedern sowie deftigen Witzen.

Am Dienstag stand ein Tag in Budapest auf dem Programm. Erst Stadtrundfahrt mit kompetenter „Peschterin“ (“die in Buda gelten als hochnäsig”), dann Erkundung mit unseren Rädern mit Großer Markthalle und der teuersten Kaffeejause unseres Lebens: Wir folgten der Empfehlung unserer Führerin, das traditionsreiche, wunderschöne Café Gerbeaud anzusehen, missachteten jedoch ihren Rat, danach in ein billigeres Kaffeehaus zu wechseln. Unser „Lehrgeld“ betrug umgerechnet 58 Euro für 2 mit Marillenlikör aufgebesserten Cafés Gerbeaud und zwei Törtchen, samt Bedienungszuschlag und Steuer. Schluck.

Schön ist’s schon, im Café Gerbeaud – aber preiswert?

Aber wir machten auch eine Entdeckung, die einen weiteren Besuch lohnen würde: In der Kazinczy Utca ist ein Gebäudekomplex voller antiorbanischer Alternativkultur. Szenebeisln, verwinkelte Gasträume, Laubengänge mit wuchernden Pflanzen.

Abends auf der Primadonna eine „Ehrenrunde“ durch Budapest, bedingt durch das Wendeverbot für große Schiffe in Innenstadtnähe: wieder hinauf zur Margareteninsel, vorbei am beleuchteten Parlament, an Fischerbastei, Hotel Gellert und unter den schönen Brücken weiter donauabwärts Richtung Serbien.

Budapest bei Nacht vom Fluss aus – ein Erlebnis!

Am Mittwoch vor der nächsten geplanten Grenzüberquerung eine ungeplante durch Claudia und mich (und ein oberösterreichisches E-Bike-Paar), die meine Liebste anschließend mit der Bemerkung quittierte: „Ich hab mich noch im Leben nie so angestrengt wie heute!“ Und das kam so: Es hieß, die heutige 37-km-Radrundtour würde durch den Nationalpark Duna-Drava führen, bis wir über eine lange Gerade wieder die Anlegestelle im südungarischen Städtchen Mohacs erreichen würden. Jedoch, die Routenbeschreibung verriet nur unzureichend, wo wir den gut ausgebauten Donauradweg verlassen sollten. Wir fuhren viel zu weit, ermutigt durch das vor uns sichtbare erwähnte Paar. Der Mann behauptete im oberösterreichisch eingefärbten Brustton der Überzeugung, die immer grober werdende Schotterstraße und der holprige Traktorenweg entlang von Feldern werden gleich zur richtigen Straße zurück an den Hafen führen. Dem war aber nicht so. Wir radelten auf Untergründen, die mir wegen Claudias Schulteroperation Sorge bereiteten, zunehmend gestresst durch die voranschreitende Zeit: Wir sollten nämlich um 12.45h, nach etwa drei Stunden, wieder am Schiff sein.

Zu unserem Schrecken erreichten wir eine Grenzstation, die uns zurück (!!) nach Ungarn bringen würde. Gottseidank verlangte der Zöllner nicht unsere Pässe, die ja wegen der anstehenden Einreise in Serbien auf dem Schiff verblieben waren. Doch seine Auskunft um ca. 12.30h, die Fahrt nach Mohacs würde per Rad wohl noch etwa eine Stunde dauern, löste Panik bei uns aus. Es folgten knappe 20 km auf einer vielbefahrenen Bundesstraße bei strammem Gegenwind. Ich E-Bike-Loser radelte im Windschatten der selbst schon überforderten Claudia um mein Leben – die beiden Oberösterreicher waren bald außer Sichtweite. „Hoitet’s des Schiff auf!“, hatte ich ihnen noch mitgegeben. Claudia meinte, ihr Akku werde leer; wir wechselten die Räder und wieder retour, als ich merkte, es gibt eh noch Unterstützung. Wir erreichten um ca. 13h Mohacs, ohne Ahnung, wo das Schiff auf uns wartet. Eine falsche Auskunft führte zum Ortsende, die Verzweiflung nahm zu. Wir stoppten einen Kleintransporter mit leerer Ladefläche und boten 20 Euro für den Transport zur Anlegestelle. Trotz Sprachproblemen erkannte der Fahrer unsere Lage und düste mit uns und den Rädern zur richtigen Stelle, wollte das Geld erst nicht nehmen. Eine kurze Strecke noch am Pier entlang, die anderen Gäste beobachteten entspannt uns Verzögerungsverursachende, die Crew legte unmittelbar nach dem Reinschieben unserer Räder ab. Ich war völlig verschwitzt, aber Claudia war neben sich vor Anstrengung: Sie sank an Deck gleich ermattet auf den Boden, das eilig gereichte Wasser konnte sie vor lauter Zittern kaum trinken. „Atmen! Atmen!!“, rief die Rezeptionistin … Wir waren erledigt, legten uns am Nachmittag für ein Erholungsschläfchen in die Kabine, während die Primadonna zur peniblen Kontrolle durch die serbische Grenzpolizei fuhr. Kapitän Radovan mahnte zwar zur Pünktlichkeit, aber insgesamt nahm das Schiffsteam die 15-minütige Verspätung zum vorgesehenen „Leinen los!“ recht gelassen.

Hier hätten wir es ahnen müssen: zu nah an der ungarisch-kroatischen Staatgrenze!

Am Donnerstag Aufwachen in Belgrad auf der Save, die dort nach Lubljana und Zagreb die dritte ex-jugoslawische Hauptstadt durchfließt und in die Donau mündet. Claudia und ich erkundeten die Stadt diesmal zu Fuß; ein radfreier Tag tat nach den Aufregungen tags zuvor gut, und in Belgrad sind Radfahrende Stiefkinder. Dafür sind alle Öffis gratis benutzbar, wovon wir auf dem Weg hin und zurück zur wichtigsten serbisch-orthodoxen Kirche, des neobyzantinischen Sava-Doms, auch Gebrauch machten. Ich nehm’s vorweg: Belgrad ist im Vergleich zu Budapest weniger “herausgeputzt”, weniger mondän, weniger Weltstadt. Das Stadtbild dominieren viele renovierungsbedürftige Häuser, sichtbare Armut und für andere Städte zu alt gewordene und deshalb den Belgradern überlassene Straßenbahnen und Busse. Von der schelenden Unzufriedenheit mit der Regierung Vucic und den Studierendenprotesten bekamen wir nichts mit.

Zunächst schlenderten wir in der Morgensonne durch die Kneza Mihaila, eine Art Kärntnerstraße von Belgrad. Tranken Cappuccini in der wunderbaren zweistöckigen Akademija-Buchhandlung, kauften ein süßes Strudeldreierlei und sahen uns in einer Straßenausstellung Faksimile-Großdrucke aus dem Prado an. Im empfohlenen Künstlerviertel Skadarlija war mittags noch nicht viel los, somit nahmen wir einen Bus zum Sava-Dom. Ein georgisches Restaurant versprach vor den geistlichen noch leibliche Genüsse, die Khinkali und der Salat mit Nussdressing erinnerten an eine andere schöne Reise… Kurios: Die Rechnung machte exakt den Rest der 50 umgewechselten Euro aus.

Empfehlung in Belgrads innenstadt. die Akademija-Buchhandlung mit zwei Ebenen

Vor dem erst 2018 nach dem Vorbild der Hagia Sophia fertiggestellten Sava-Dom, der dem Nationalheiligen und ersten serbischen Erzbischof geweiht ist, amüsierte uns ein Plakat, das ich so noch nie vor einem Gotteshaus sah: Nicht nur unpassende Kleidung, Handys oder Blitzlicht, auch Pistolen seien hier unerwünscht, ging daraus hervor. Drinnen christlicher Triumphalismus. Eine riesige Kuppel mit dem auf einem Regenbogen thronenden Christus, Gazprom-finanzierte Goldmosaiken rundum, Stelen mit Heiligenikonen zum Beten und Küssen. Wie in orthodoxen Kirchen üblich keine Sitzplätze. Alles sehr imposant, aber es bleibt dabei: Jesus, mein Freund, ist mir zigmal lieber als Christus Pantokrator (Weltenherrscher).

Wir waren früh genug zurück auf der Primadonna, um eine fast leere Sauna vorzufinden. Abends ein Kapitänsempfang u.a. mit köstlichem Roastbeef und einem zweiten Fläschchen Wein, diesmal gelber Muskateller aus der Südsteiermark.

Kalocsa, eine der ältesten ungarischen Städte, konnten wir wegen Niedrigwassers auf der Donau nicht besichtigen. Dadurch bedingte Einschränkungen und Verzögerungen häufen sich seit einigen Jahren aufgrund des Klimawandels, war zu erfahren. Also nochmals Mohacs ansteuern, diesmal mit Radtour Richtung Norden nach Baja. Claudia und ich waren uns einig. Diesmal mit dem Pulk der Mitradler:innen unterwegs sein, keine „Extratouren“. Und der Radweg ca. 35 km entlang der Eurovelo-Strecke 6 (Bild 1), die vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt, war bestens asphaltiert und markiert, keine Gefahr, sich zu verirren. In Baja führt ein hübsch gestalteter Kanal zur Donau, wo bei stimmungsvollem Sonnenuntergang die Primadonna auf uns wartete (Bild 2).

Zu einer Enttäuschung wurde der Besuch von Esztergom am letzten vollen Tag der Reise. Das katholische Herzstück Ungarns liegt zwar pittoresk auf einem Hügel über dem Strom, die der Maria Assunta und dem heiligen Adalbert von Prag geweihte, klassizistische Basilika ist aber von einer unangenehmen Protzigkeit und verkörpert einen Nationalstolz im Anschluss an den heiligen Ungarnkönig Stephan, dem die Bedeutung von „katholisch“ (d.h. weltumspannend) widerspricht. Innen ist die Kirche fast völlig eingerüstet, nur der Blick auf das Altarbild mit Mariä Aufnahme in den Himmel, geschaffen von Michelangelo Grigoletti (1801-1870), ist frei. Mit seinen Ausmaßen von 13,5 mal 6,5 m ist es das weltweit größte Gemälde, das auf einem einzigen Stück Leinwand gemalt wurde. Beeindruckender war der Blick von der Kuppel auf die Donau, das Benediktinerkloster und das Umland von Esztergom mit der slowakischen Schwesterstadt Sturovo, wohlverdient nach einem Aufstieg über endlos viele Stufen.

Hinten die Basilika von Esztergom, im Vordergrund zwei glückliche Reisende (Foto: Reisegefährtin Helga)

Dutzende Nimmermüde radelten in die 56 km entfernte nächste Doppelstadt an der Donau – nach Komarno (slk.) bzw. Komarom auf der ungarischen Donauseite. Claudia und ich (schon recht verkühlt) und unsere Vorarlberger Gefährten bevorzugten einen Bustransfer, der ungewollt zur Angstpartie wurde. Unserer Fahrer hatte nämlich sichtlich Mühe, die immer schwereren Augenlider offenzuhalten. Claudia bot ihm zweimal Wasser an, seine Ablehnung hielt ihn immerhin wach (und rettete unser Leben?). An diesem Samstagnachmittag war in Komarno tote Hose, wir Busreisende und etliche bereits eingetroffene Radler:innen belebten die Gastronomie sicher erheblich: Wir gönnten uns ein Bierchen am pittoresken Europaplatz mit Gebäudennachbauten aus verschiedenen Epochen.

Der Blick auf den Balkon am Sonntagmorgen zeigte Vertrautes: Auwald bei Fischamend kurz vor Wien. Wir erreichten Nussdorf um ca. 10h, verabschiedeten uns von der Crew und unseren Gsiberger Freund:innen (die noch radeln zum Hauptbahnhof und eine lange Zugfahrt nach Hause vor sich hatten) und waren nach einer halbe Stunde zuhause.

Fazit: Nach der eher unerfreulichen Ersterfahrung mit Urlaub auf dem Wasser im Sommer 2024 (schwer steuerbares Hausboot auf der Müritz/Brandenburgische Seenplatte) war die Reise auf der MS Primadonna ein Hit. Vielleicht ja wieder mal mit Schiff und Rad auf Tour (Frankreich? Niederlande?) – warum nicht?

Geburtstagsradeln mit Rudi von Jois nach Rust, 4.10.2025

Mein Freund Rudi (dem ich diese Website verdanke) ist für seine 70 Jahre nicht nur geistig extrem junggeblieben, sondern auch für körperliche Horizonterweiterungen offen: Seit Jahren lädt er zu Geburtstagen zu Radausflügen bevorzugt ins radfreundliche Burgenland (wenn auch meistens früher als ein halbes Jahr nach dem Anlass, aber diesmal hatten zwei planungsfreudige Freundinnen die Koordination der Überraschungstour übernommen). Acht Radler:innen stiegen in Jois aus dem Zug von Wien und kurvten teils elektrisch verstärkt durch das Flachland westlich des Neusiedlersees. Wobei: “Flach” trifft es beim Radeln in den Weinbergen des Kirschblütenwegs nicht ganz. Da kamen bis zum Feierstädtchen Rust ganz schön viele Höhenmeter zusammen – die schönsten führten hoch zum Himmelreich (s. Foto 1), von wo man einen herrlichen Ausblick auf die pannonische Tiefebene (Foto 2) hat.

Das anfängliche Schönwetter wurde von Wolken abgelöst, und nach den Stationen Purbach (immer wieder schön: die Kellergasse dort!) und Oggau kamen wir fast trocken beim Heurigen Gabriel an. Dort brannte im Festraum ein Feuerchen und es herrschte Sturm. Der schmeckte fruchtig und süß 😉

Und obwohl es heißt “Rust never sleeps”, blieb der Großteil der Geburtstagsradler:innen über Nacht im Storchenort und setzte tags darauf die Fahrt mit der Fähre über den Neusiedlersee fort. Aber darüber kann ich nichts berichten, denn mich fuhr meine Claudia spätabends bei heftigem Regen zurück nach Wien.

Wanderung am Keltenweg, Pötschen bei Kapfenberg, 2.10.2025

“6,5 km Rundweg, ca. 600 Hm, 2,5h / familienfreundlich” ist über den von der Kapfenberger Hochschwabsiedlung mit dem Haus meiner Mutter und Geschwister bestens erreichbaren Weg hoch zum Hubertuskreuz auf der Hohen Pötschen im Internet zu lesen. Der Rundweg beginnt erst ein Stück nach dem ehemaligen Gasthaus Ortner, zu dem ich in fitteren Zeiten in einer Viertelstunde hochgejoggt bin. Man sieht immer wieder auf die Gebäude des Stahlwerks im Stadtteil Redfeld, auf den Emberg, wo ich als Teenager auf Skiern unterwegs war, ins Mürztal, auf den Frauenberg auf der anderen Seite des Tals. Schön, das alles, auch bei eher trübem Wetter wie am vergangenen Donnerstag. Der versprochene Hochschwabblick war mir wegen dichter Wolken nicht vergönnt.

Mehr gestört hat mich allerdings die mangelhafte Beschriftung des Keltenwegs. Ich folgte Forstwegen und blieb dann mindestens eine halbe Stunde ohne eines jener Hinweisschilder, auf denen Wissenswertes über die in vorchristlicher Zeit in Mitteleuropa dominierenden Kelten zu lesen ist. Hier gäb’s was nachzubessern, Stadtgemeinde Kapfenberg, damit schasaugerte Besucher aus Wien wie ich nicht statt auf Waldwegen auf Forststraßen bewegen.

Kurzurlaub am Glatzl-Bauerhof, St. Lorenzen am Wechsel, 15.-19.9.2025

Einige Tage “Erholungsurlaub” von der zweieinhalbwöchigen Radtour durch Skandinavien mit meiner Liebsten in einer Gegend, die wir für unsere Hochzeit vor 7 Jahren nutzten. St. Lorenzen am Wechsel ist nicht sehr weit weg von der Bratlalm in Wenigzell, dem Ort unserer Feier. “Nicht weit” meint Luftlinie, mit dem Auto ist es wegen der sich durch die idyllische Landschaft mäandernde Schmalspurstraße eine gute halbe Stunde.

Glatzl ist der Vulgo-Name, unsere sehr netten Gastgeber heißen – wie viele im Wechselgebiet – Pichlbauer. Wir hatten eine kleine Ferienwohnung im Haupthaus, falls wir wiederkommen, könnte eines der beiden etwas tiefer am Hang gelegenen Häuschen unser Domizil werden. Einer der beiden Esel der Gastgeber (sie haben auch ein Pony, Schweine. Katzen und Kaninchen) sorgte für morgendliches Kikeriki (in dem Fall natürlich I-a). Sonst war es herrlich ruhig bis auf den Bäcker, der früh seine Weckerl und Kipferl brachte.

Blick vom Haupthaus des Glatzl-Bauernhofes auf Tiere (links), Garten (rechts) und die beiden Ferienhäuschen (unten); rechts von den Häusern liegt versteckt der Badeteich

Uns es gibt die von den Pichlbauers betriebene Trahütten-Alm auf 1.300 m Seehöhe, die in etwa zwei Stunden zu Fuß erreichbar ist – wie auch das Ferienhaus mit herrlicher Aussicht in die Landschaft, “bei gutem Licht bis zum Triglav in Slowenien”, so der Gastgeber.

Sehr erholsam, das alles, und zu einem fairen Preis.

Ausflüge machten wir (an einem Regentag) in die Therme Loipersdorf, nach Pöllau, Vorau, zur traumhaft gelegenen Flourl´s Schenke und natürlich auf die Bratlalm. Claudia zusätzlich nach Hartberg, während ich meinen Radreisebericht in den mitgebrachten Laptop tippte…