Christa Englinger/Christian Hlavac: 99 Fragen zu österreichischen Sehenswürdigkeiten. Ueberreuter 2015 ****

Dieses Buch war der Siegespreis für eine Art Rätselrallye durch die Wiener Innenstadt, gespendet von Guide Wolfgang Reisinger bei einer anlässlich meines Geburtstags bei ihm gebuchte Führung. “In Wien ein Besserwisser … aber auch in ganz Österreich?” schrieb er hinein.

Die 99 Fragen – oder besser: Kapitel – zu Themen wie Geografie, Kultur, Geschichte, Verkehr und Technik, Gastlichkeit sowie “Potpourrie” sind angetan, Allgemeinwissen über Österreich zu steigern, und auch unterhaltsam. Wobei: Manche Fragen hätte ich so nicht gestellt (Wann entstand die Eisriesenwelt in Werfen? Was warf der heilige Domitian der Legende nach in Kärntens tiefsten See?), andere waren für mich als Steirer/Theologe/Germanist leicht zu beantworten (Ist die Grazer Murinsel tatsächlich eine Insel?Wodurch zeichnet sich die Wotrubakirche in Wien aus?).

Kein Buch, das man von A bis Z durchliest. Aber eines, das am stillen Örtchen stehen könnte und dort immer wieder zur Hand genommen wird.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht, FVA 2022 ******

Seit einer Georgienreise im Jahr 2019 bin ich Fan von Nino Haratischwili. Ihr Roman “Das achte Leben” gehört zum besten, was ich in den 2000er-Jahren las. Umso gespannter war ich auf “Das mangelnde Licht”, das ebenfalls georgische Zeitgeschichte mit individuellen Schicksalen verquickt. Und ich finde auch dieses 830-Seiten-Buch absolut empfehlenswert.

Worum geht es? Drei von der eskalierenden Gewalt im Georgien der 1990er-Jahre betroffene, GEtroffene Frauen treffen sich 20 Jahre später anlässlich einer Fotoausstellung in Brüssel wieder. Sie sehen Werke über die Zeit, als der Kaukasus-Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion eigenständig wurde und dennoch dem Zugriff der früheren Machthaber in Moskau ausgesetzt blieb. Die Bilder – darunter das titelgebende – schuf die in den Wirren des Krieges verstorbene Journalistin und Fotokünstlerin Dina, die das lebensenergievolle Epizentrum des einstigen Freundinnenquartetts bildete. Sie selbst und ihre drei Gefährtinnen sind darauf oft zu sehen. Begonnen hatte der Bund zwischen den vier sehr unterschiedlichen Charakteren in der frühen Jugendzeit von Dina, der späteren Restauratorin Keto, der lesbischen Juristin Ira und der einer Gaunerfamilie entstammenden Femme fatale Nene.

Die Wirren der Zeit mit ihren politischen Verwerfungen und mafiösen Machtspielchen, den Familienbanden, den Liebschaften unter dem Eindruck des Machismo in Georgien, aber auch die enge Verschwesterung der vier Mädchen, dann Frauen, haben Spuren hinterlassen – und sogar sichtbare Narben. Bei der (wie Haratischwili) in Deutschland lebenden Haupterzählerin Keto lösen die Fotografien aus Tiflis und dem umkämpften Abchasien teils qualvolle Erinnerungen aus, ebenso bei Ira und Nene, und bei allen scheint der Tod der schmerzlich fehlenden, inzwischen zu internationalem Ruhm gekommenen Dina eine unüberwindbare Lücke zu hinterlassen.

Haratischwili schildert die vier Protagonistinnen in schillernden Farben und mit ständigen, chronologisch geordneten Rückblenden. Ihr teils gegensätzliches Handeln folgt einer nachvollziehbaren Logik. Die Männerfiguren bleiben daneben etwas blass. Dennoch ist “Das mangelnde Licht” kein “Frauenroman”, sondern ein eindrückliches, fesselndes Zeitkolorit – auch wenn “Das achte Leben” mein Favorit der 42-jährigen georgisch-deutschen Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin bleibt.

Juli Zeh, Über Menschen, btb 2022 *****

Eine Berliner Werbetexterin aus dem grün-linksliberalen Milieu beschließt während der Corona-Pandemie mit all ihren behördlichen Einschränkungen und ideologischen Aufladungen, ihren Freund Robert (ausgerechnet!) und dessen Ich-weiß-genau-was-richtig-ist-Attitüde zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Bracken heißt der fiktive Ort in Brandenburg, und das klingt laut Dora, der Hauptfigur, wie eine Mischung aus Brache und Baracken. Neben ihrem billig erworbenen, spartanisch ausgestatteten Haus wohnt ein Nachbar, der wie aus einer anderen Welt stammt. “Gote. Ich bin hier der Dorfnazi”, stellt sich der Kahlrasierte über die Mauer zwischen den Grundstücken vor. Fast gegen ihren Willen entsteht kontinuierlicher Kontakt zwischen Dora und dem einsilbigen, wegen rechtsradikaler Gewalt verurteilten Mann, der mit Freunden im Garten das Horst-Wessel-Lied singt und seine kleine Tochter Franzi während der Ferien bei sich beherbergt.

Wahrscheinlich ist diese sich festigende Beziehung der drei (plus Hund bzw. “Töle”, wie Gote sagt) nicht. Aber die gelernte Verfassungsjuristin Juli Zeh versteht es, das Verlassen der üblichen “Blasen” plausibel zu machen. Sie findet einen Tonfall, der Humor, Aktualität und Tiefsinn verbindet und in das Geschehen reinzieht. Der Verständnis schürt und den Dorfnazi gegen Ende hin fast sympathisch erscheinen lässt.

Wer’s mag, wenn es ordentlich menschelt und die “Einfühlung” der Vernunft vorzieht, der wird sich von diesem Roman bestens unterhalten fühlen, schrieb ein Kritiker in der “Zeit” süffisant. Ich gestehe: Ich mochte das “Rührstück”, wie es in Rezensionen mehrfach hieß. Und die selbst aufs Land gezogene Zeh beeindruckte mich für ihre treffsicheren Dialoge zwischen Dora und Gote, zwischen Dora und ihrem Vater, einem abgeklärten Mediziner, der in der Geschichte noch eine wichtige Rolle bekommt. Und es gibt Sätze, über die man nachdenken mag, z.B.: “Die Tragik unserer Epoche … besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.”

Patricia Highsmith, Carol, Diogenes 1990 ****

Die Titelzeile könnte auch lauten: Claire Morgan, The Price of Salt, 1952, denn Highsmith veröffentlichte den Roman lange vor der deutschen Übersetzung unter einem Pseudonym. Was mit dem Inhalt zu tun hat. Es geht nämlich um eine lesbische Liebesbeziehung, die – anders als in den prüden 1950ern üblich – nicht mit Selbstmord oder “Bekehrung” der “Perversen” endete. Die US-amerikanische Autorin war selbst homosexuell liebend, was ich, obwohl von ihren Ripley-Krimis sehr angetan, nicht wusste.
Die Titelfigur ist Carol Aird – eine unglücklich verheiratete, wohlhabende 32-jährige Frau und Mutter. Eigentliche Heldin des Romans und Alter Ego der Autorin ist aber die erst 19-jährige Therese Belivet, die ohne verliebt zu sein verlobt ist, Bühnenbildnerin werden möchte und als Teilzeitverkäuferin arbeitet. Therese ist vom ersten Augenblick an von Carol fasziniert, auch diese sucht rasch den Kontakt zu der viel jüngeren und lädt sie zu einer mehrwöchigen Fahrt durch die USA ein, die das Leben beider grundlegend ändern wird.
Das Buch wurde millionenfach verkauft und „Claire Morgan“ erhielt sehr viele zustimmende Leserbriefe von Betroffenen. “Nie wieder schrieb Patricia Highsmith, die den Roman unter dem Eindruck einer persönlichen Begegnung begann, so sinnlich, so poetisch, so erotisch”, teilt der Diogenes-Verlag zu “Carol” mit. Nun ja, die Erotik ist nie explizit, stets nur angedeutet, und die fünf Ripley-Romane haben mindestens ebenso viel literarische Qualität. Aber ich fand das Buch als Abendlektüre auf meiner Radtour durch Skandinavien sehr anregend (und hatte dabei immer die Gesichter von Cate Blanchet (Carol) und Rooney Mara (Theresia) aus der gelungenen Romanverfilmung von 2015 vor Augen – und ich nehme mit Genugtuung zur Kenntnis, dass sich die Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden seit der Entstehung von “Carol” doch deutlich zum Besseren gewandelt hat.

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen. Kiwi 2024 ****

Eins muss man dem Mann lassen: Joachim Meyerhoff kann richtig gut erzählen. Auch wenig spektakuläre Nebenbeigeschichten, die sich in diesem Buch meist um seine 86-jährige Mutter ranken, lesen sich leicht, machen schmunzeln, wecken Bewunderung für die so agile, reflektierte Greisin. Wobei – darf man “Greisin” sagen zu einer Frau, die mit dem Auto durch die Landstraßen Schleswig-Holsteins düst? Die zu kaum erreichbaren Apfelbäumen in ihrem Ein-und-alles-Garten hochklettert? Die bei kühlen Temperaturen in der Ostsee weit hinausschwimmt? Die kurzerhand eine Lesung für den indisponierten, berühmten Schauspieler-und-Autor-Sohn übernimmt und dafür tosenden Applaus erntet?
Joachim, mittlerweile Mitte 50, flüchtet aus einer Lebenskrise im ungeliebten Berlin zu seiner liebenswerten Mutter aufs Land und verbringt dort 10 erholsame Wochen, ist viel an der frischen Luft und schreibt am bereits 6. Band seiner Autobiografie-Reihe “Alle Toten fliegen hoch”. Mehr als er selbst steht dabei seine manchmal schrullige, oft altersweise Gastgeberin im Mittelpunkt, ergänzt durch Geschichten aus der Theaterwelt wie jene, als Meyerhoff als Panther Baghira in einer Dschungelbuch-Kindertheateraufführung in Ulm auftrat oder als einer seiner wenigen TV-Auftritte zum Desaster wurde. Das ist zwar nicht immer so berührend wie der Band über seine Kindheit in einer Psychiatrischen Anstalt in Norddeutschland, nicht so unterhaltsam wie seine Ausbildungszeit als “Lieberling” im Münchner Haus der Großeltern und nicht so augenzwinkernd wie das Buch über seine Parallelliebschaften … aber lesenswert allemal.

Dirk Stermann, “Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen”, Rowohlt 2023 *****

Die 1927 geborene Psychoanalytikerin und Holocaust-Überlebende Erika Freeman war 2019 zu Gast in der ORF-Satireshow “Willkommen Österreich”, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Moderator Dirk Stermann. Der Kabarettist und mehrfache Buchautor, den ich während einer beiderseitigen Karenzvaterschaft mal persönlich kennenlernte, führte mit der als Erika Polesiuk in Wien geborenen und als Jüdin von dort 1939 vertriebenen, während der Pandemie im Hotel Imperial residierenden Analytikerin von Größen wie Mia Farrow und Marlon Brando zahllose Gespräche.
Ob dabei Audiodateien entstanden, weiß ich nicht. Vieles ist unter Anführungszeichen und vermittelt nicht nur deshalb den Eindruck von Authentizität: Die Greisin Erika ist alles andere als senil und erzählt auf höchst anregende Weise weise über ihre Lebensgeschichte. Darüber, wie es Juden in Wien erging (als sie in den 60er Jahren das erste Mal wieder nach Österreich kam, wurde sie im Hotel mit den Worten “Wir nehmen keine Juden” empfangen), ihre Emigration als Zwölfjährige in die USA, ihre Rolle bei der Entstehung des Staates Israel mit Bekanntschaften von Golda Meir oder Moshe Dayan, ihre Medienauftritte und Wertschätzung unter zahlreichen Berühmtheiten bis hin zur Verleihung der österreichische Staats- und der Wiener Ehrenbürgerschaft.
Ich war immer wieder berührt von der hassfreien Lebenskunst dieser großen kleinen Frau, von ihrem Humor und ihrer titelgebenden Gelassenheit: Ihr gehe es gut, sagt die inzwischen 98-Jährige, wenn nicht heute, dann morgen.

Tonio Schachinger, Echtzeitalter, Rowohlt 2023 *****

Manche Bücher lesen sich schnell – entweder weil sie an viele eigene Erfahrungen anknüpfen oder einfach gute Literatur sind. Tonio Schachingers “Echtzeitalter” bietet beides.
Es geht um Till Kokorda und seine Schülerjahre im – dem Therasianum nachempfundenen – Elitegymnasium Marianum. Dort gerät er unter die strenge Fuchtel des Deutsch und Französisch unterrichtenden Klassenvorstand Dolinar, verliert den Vater durch dessen Krebstod, verfällt sukzessive dem Echtzeitstrategie-Computerspiel (AOE/Age of Empire 2), schließt in der Oberstufe Freundschaft mit Fina – und Feli, in die er sich erst heimlich, dann deklariert und erfolgreich verliebt, während er erwachsen wird.
Eine Coming-of-Age-Geschichte also, in einem Ambiente, das mit Bildungsdünkel und teils schwarzer Pädagogik auf eines von drei Studien vorbereitet – Jus, Wirtschaft oder Medizin. Und das vor dem Hintergrund von bekannt Wienerischem wie Karlsplatz, Café Alt Wien oder Ellmayer sowie von zeitnahen Ereignissen wie dem Ibiza-Skandal, der Kanzlerschaft von Kurz oder der Pandemie, die Till die Hürde Matura schließlich leicht nehmen lässt.
Schachinger, geboren in Neu-Delhi als Spross eines österreichischen Diplomaten und einer Künstlerin mexikanisch-ecuadorianischer Herkunft, verarbeitet in seinem 2023 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman viel Biografisches. Und er macht das geistreich, humorvoll, unterhaltsam, mit einer ihm schon für seinen Debütroman von der Buchpreis-Jury attestierten „rotzigen, witzigen und originellen“ Erzählerstimme. Gut, Internet-Gaming interessiert mich nicht wirklich, auch meine Tetris- und Gran-Turismo-Phase liegen lang zurück, aber Schachinger macht die Faszination eines Identität suchenden und zum autogrammbegehrten Nerd-Star werdenden Teenagers dafür plausibel. Der “Standard” lobte den Autor für ein Buch, “das Pointen schleudern und zugleich seine Figuren psychologisch schlüssig reifen lassen kann”. Gut gesagt.

Jon Fosse, Ein Leuchten, Rowohlt 2023 ***

1.) Literaturnobelpreisträger aus Norwegen, 2.) meine Frau fand dieses Büchlein auf ihrer leseintensiven Reha “meditativ” und interessant – zwei gute Gründe, um “Ein Leuchten” von meinem Jahrgangskollegen (1959) Jon Fosse zur Hand zu nehmen.
Der Inhalt des 70-Seiten-Bändchens ist schnell erzählt: Ein namenloser Mann setzt sich ins Auto und beginnt draufloszufahren, ohne konkretes Ziel biegt er mal rechts, mal links ab. Landet schließlich am Ende eines Waldweges, kann nicht mehr wenden. Es wird Nacht, es beginnt zu schneien, doch anstatt Hilfe zu holen, steigt der Mann aus und dringt immer tiefer vor in die Dunkelheit, bis er sich verirrt. Müde und frierend begegnen ihm der Reihe nach ein leuchtendes Wesen, seine Eltern und ein barfuß gehender Mann in Schwarz – allesamt nicht wirklich (be)greifbar.
Hat hier einer, der die Zivilisation in Richtung Natur verlässt, Visionen voll Symbolik und Mystik? Eine Nahtod-Erfahrung? Wer es fossen kann, der fosse es. “Nur das Mysterium des Glaubens zählt, und dass du versuchst, Teil davon zu sein”, zitierte ein von mir 2024 bearbeiteter Kathpress-Artikel den Norweger mit Zweitwohnsitz Hainburg. Und die KNA-Kollegen zitierten Fosse mit: “… für mich ist das Schreiben die ehrlichste Art, ein Gebet zum Ausdruck zu bringen”.
Für SZ-Rezensentin Sigrid Löffler bleibt Fosse allzu sehr im Ungefähren, stilistisch “im Zeichen des Irgendwie”. Löfflers erster Verdacht, der Autor “verulke” mit seinem Buch einen Nahtod-Bericht der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, bestätige sich nicht. Denn: “Fosse hat keinen Humor.”
Nun, ich fand den ohne jeden Absatz heruntergeschriebenen, mit stilistischen Eigenheiten und mit Wiederholungen gespickten Text nicht unspannend – auch wenn das Ende etwas abrupt wirkt und nichts “auflöst”. Dieses Ende kommt ja recht bald. Wie gesagt: 70 Seiten, für die der Verlag im Hartcover 22 Euro verlangt.

Louise Erdrich, Jahr der Wunder, Verlag Aufbau 2023 **

Es gibt Bücher, da findet man – da finde ich – nicht rein. Das bedeutet zwar allabendliche Lektüre vorm Einschlafen, aber auch: nach ein paar Seiten müde werden und am nächsten Tag nicht mehr genau wissen, wer wie was.
“Jahr der Wunder” von der US-Amerikanerin mit deutschen und indigenen Wurzeln, Louise Erdrich, war so ein Buch. Dabei ist sie Pullitzer-Preisträgerin (für “The Night Watchman”/”Der Nachtwächter” 2021) und las wie ich die Indianerbücher Karl Mays, die ihr der Vater Ralph Erdrich, tätig in einem Büro für Indianerfragen, empfahl.
Um die in den USA ähnlich wie Afroamerikaner benachteiligten Indigenen geht es auch in “The Sentence”, wie der “unterhaltsame Geisterroman” (taz) im Original heißt – also “Satz”, aber auch “Strafe”. Letztere fasst die Hauptfigur Tookie für einen missglückten Freundschaftsdienst aus, nach zehn Jahren leseintensiver Haft wird sie Buchhändlerin in einem Laden, den es in Minneapolis wirklich gibt, gegründet von Louise Erdrich. Außer um Tookies Kolleginnen und diverse (schräge) Kund:innen geht es auch um ihren Mann Pollux, um dessen Tochter Hetta und deren Baby Jarvis.
Zwei historische Ereignisse prägen außer der sich durchziehenden Liebe zu Büchern die Handlung: die Covid-Pandemie und der Polizei-Totschlag an George Floyd. Mehr aber noch eine verstorbene Kundin, die im Laden herumgeistert und Tookie das Leben schwer macht. Vor allem diese permanenten Schikanen der Untoten wurden mir beim Lesen bald zuviel, störend fand ich auch, dass vieles vom Erwähnten bezüglich indigener Kultur und Unterdrückungsgeschichte für Unbedarfte wie mich nicht einmal in Fußnoten erläutert wird.

Elisabeth Strout, Mit Blick aufs Meer, btb 2012

Grumpy old men ist im Amerikanischen eine stehende Wendung für mürrische Männer, die im Alter offenbar leicht in diese Stimmung verfallen. Elisabeth Strout schrieb über eine grumpy old woman und nennt ihren mit dem Pulitzer-Preis 2009 ausgezeichneten Roman nach ihr: Olive Kitteridge (im Dt. ein nichtssagender Titel). Wobei: Kurzgeschichtenzyklus trifft es besser als Roman, denn auf den 350 Taschenbuchseiten finden sich 13 Storys, in denen die pensionierte, einst gefürchtete Mathelehrerin Olive und ihr Mann Henry oft nur am Rande oder gar nicht vorkommen.
Die Geschichten spielen in der fiktiven Küstenstadt Crosby im US-Bundesstaat Maine und wurden teilweise schon Jahre vor der Bündelung als Roman in Zeitschriften veröffentlicht. Strout versteht es meisterhaft, Charaktere und Lebenswenden in wenigen Strichen literarisch glaubhaft und lebendig werden zu lassen. Sie erzählt so “lebensklug” von Familien, Liebe und Alter, „dass sich dem Rezensenten doch eine ganze Welt erschlossen hat“, heißt es in der FAZ. Ganz und gar begeistert war Eva Menasse in der „Zeit“: Dicht seien gute und böse Formen menschlichen Verhaltens ausgeleuchtet, den Lesenden werde wenig an Abgründen und unglücklichen Einsichten erspart. Das „Wunder“ jedoch bestehe darin, „dass die Lektüre den Leser gleichzeitig mit dem Fatalismus versöhne“.
Im Mittelpunkt steht die stets zu ruppigen Bemerkungen bereite Olive, die auch ihren sie liebenden Ehemann Henry, Ex-Apotheker und eine Seele von einem Menschen, oder den introvertierten Sohn Chris nicht mit ihren sehr dezidierten Meinungen und ihrer Ich-weiß-wie-es-sich-gehört-Mentalität verschont. Ersterer „entzieht sich“ durch einen Schlaganfall, letzterer durch die Hochzeit mit einer von Olive bald gehassten selbstbewussten Ärztin und der Übersiedlung nach Kalifornien ans andere Ende des Kontinents. Olive überrascht immer wieder durch Selbstlosigkeit und Mitgefühl, bekommt aber harte Lektionen auferlegt, um mit wachsender Einsamkeit und Depression zurechtzukommen. Eine Titelheldin, an der man sich bestens reiben kann, die einen nicht kalt lässt.

2014 wurde die vielfach ausgezeichnete US-Miniserie “Olive Kitteridge” mit Frances
McDermond erstausgestrahlt, die aus den 13 Romangeschichten 4 Episoden destilliert