Dass ein verheirateter Schafhirte Bischof wird, ist ungefähr so wahrscheinlich wie dass ein „Mädchen für alles“ in der griechischen Armee bei Olympischen Spielen siegt. Doch Wunder geschehen, im Fall des Schutzheiligen von Kreta ebenso wie bei seinem Namensvetter Spiridon Louis.
Der Bauernsohn Spiridon war „Wasserträger“ und 23 Jahre alt, als sein Oberst mit dem prachtvollen Namen Papadiamantopoulos befand, sein (auf den Wikipedia-Fotos etwas dümmlich aussehender) Untergebener eigne sich zur Teilnahme am eigens für die Olympischen Spiele 1896 in Athen kreierten Marathonlauf. Zwei Wochen vor dem für Griechenland besonders prestigeträchtigen Bewerb nahm Spiridon an einem Vorbereitungslauf teil – mit mäßigem Erfolg: Louis wurde sieben Minuten hinter dem Sieger Fünfter, zählte aber nun zu den 13 Griechen, die beim Marathonlauf die Ehre des bis dahin sieglosen Gastgeberlandes retten sollten.
Die Konkurrenz war überschaubar: Lediglich vier ausländische Teilnehmer nahmen die 40-km-Strecke auf sich, nur einer davon war diese Distanz davor schon einmal gelaufen, ein weiterer – der Australier Edwin Flack – wurde am Marathon-Tag Sieger des 800-Meter-Olympia-Laufes.
Spiridon teilte sich seine Kraft gut ein, bei Kilometer 33 überholte er den bis dahin führenden Flack, der daraufhin erschöpft aufgab. Im offiziellen Rennbericht heißt es, Spiridon habe sich bei einem Wirtshaus am Weg mit einem Glas Wein gestärkt, sich nach seinen voran liegenden Gegnern erkundigt und Zuversicht über den Ausgang des Laufes geäußert. Zurecht: Spiridon Louis gewann den Marathon in 2:58:50 mit acht Minuten Vorsprung vor seinen Landsleuten Charilaos Vasilakos und einem weiteren Spiridon, der dann allerdings wegen Mitfahrens auf einem Fuhrwerk disqualifiziert wurde.
Louis war nun ein Nationalheld, erhielt ein kleines Stück Land und eine bescheidene Rente. An offiziellen Wettkämpfen nahm er nach seinem Olympiasieg nie wieder teil.
Adventmail 2010/12 (Namenstage)
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