Adventmail 2003/20 (Wie Bücher enden)

Christa T. wird zurückbleiben.
Einmal wird man wissen wollen, wer sie war, wen man da vergisst. Wird sie sehen wollen, das verstände sie wohl. Wird sich fragen, ob denn da wirklich jene andere Gestalt noch gewesen ist, auf der die Trauer hartnäckig besteht. Wird sie, also, hervorzubringen haben, einmal. Dass die Zweifel verstummen und man sie sieht.
Wann, wenn nicht jetzt?
(Christa Wolf: Nachdenken über Christa T.)

Adventmail 2003/18 (Wie Bücher enden)

In diesem Augenblick kommen mir so viele fundamentale Gedanken, so viele wahrhaft metaphysischen Dinge möchte ich mitteilen, dass ich auf einmal müde werde und die Entscheidung fälle, nicht weiter zu schreiben, nicht weiter zu denken, sondern geschehen zu lassen, dass mir das Ausdrucksfieber Schlaf schenkt und ich mit geschlossenen Augen all das, was ich gesagt haben könnte, wie eine Katze streichle.
(Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)

Adventmail 2003/15 (Wie Bücher enden)

In unseren besten Augenblicken, wenn vor lauter Gelingen auch das energischste Tun in Lassen aufgeht und die Rhythmik des Lebendigen spontan uns trägt, kann sich der Mut plötzlich melden wie eine euphorische Klarheit oder ein wunderbar in sich gelassener Ernst. Er weckt in uns die Gegenwart. In ihr steigt die Wachheit mit einem Mal auf die Höhe des Seins. Kühl und hell betritt jeder Augenblick deinen Raum; du bist von seiner Helle, seiner Kühle, seinem Jubel nicht verschieden. Schlechte Erfahrungen weichen zurück vor den neuen Gelegenheiten. Keine Geschichte macht dich alt. Die Lieblosigkeiten von gestern zwingen zu nichts. Im Licht solcher Geistesgegenwart ist der Bann der Wiederholungen gebrochen. Jede bewusste Sekunde tilgt das hoffnungslose Gewesene und wird zur ersten einer Anderen Geschichte.
(Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft)

Adventmail 2003/14 (Wie Bücher enden)

Den Rest seiner Zeit verwendete er auf eine Reihe von Gewohnheiten, die ihn erfolgreich davor bewahrten, unglücklich zu sein. Bisweilen, an windigen Tagen, ging er zum See hinunter und schaute stundenlang hinaus, denn es schien ihm, als zeichne sich auf dem Wasser das unerklärliche, schwerelose Schauspiel dessen ab, was sein Leben gewesen war.
(Alessandro Baricco: Seide)

Adventmail 2003/12 (Wie Bücher enden)

Und doch, als er gestorben war, als sie ihm ihre Lippen auf die Stirn gedrückt hatte und mit Denise und Gary in die warme Frühlingsnacht hinausging, da spürte sie, dass es nun nichts mehr gab, was ihre Hoffnung zunichte machen konnte, nichts. Sie war fünfundsiebzig Jahre alt, und sie würde einiges in ihrem Leben ändern.
(Jonathan Franzen: Die Korrekturen)

Adventmail 2003/11 (Wie Bücher enden)

Bei all dem muss sich Bildung als Kommunikation bewähren. Sie darf sie nicht erschweren, sondern muss sie bereichern. Sie darf deshalb nicht als bedrückende Norm, als unangenehme Aufgabe, als eine Form der Konkurrenz oder gar als gespreizte Selbstbeweihräucherung daherkommen. Sie darf überhaupt nicht separat als „Bildung“ in Erscheinung treten oder gar zum Thema werden; vielmehr ist sie der Stil der Kommunikation, durch die Verständigung zwischen Menschen zum Genuss wird. Kurzum: Sie ist die Form, in der Geist, Fleisch und Kultur zur Person werden und sich im Spiegel der anderen reflektiert.
(Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss)