Adventmail 2005/03 (warten)

Samuel Beckett, „Warten auf Godot“

Der Titel lässt vermuten, dass Godot eine abgeleitete Form des englischen Wortes „God“ (Gott) ist. Godot ist die „Verkleinerungsform“, die im Französischen ähnlich wie Pierrot von Pierre abgeleitet wird. Wenn das Warten auf Godot ein Warten auf Gott ist, der die beiden Protagonisten Wladimir und Estragon erlösen soll, ergibt sich eine denkbare Erklärung: Die Menschen streben auf einen Gott hin, der sie erlöst.
Es besteht eine starke Unsicherheit durch das ganze Stück hindurch, die zwei Landstreicher warten auf Godot, obwohl sie gar nicht mehr genau wissen, ob sie tatsächlich mit ihm verabredet sind. Estragon erinnert sich nicht mehr, Wladimir weiß nicht mehr, was sie ihn genau gefragt haben: „… Eigentlich nichts Bestimmtes … eine Art Gesuch … eine vage Bitte …“ und Godot hat ihnen versprochen: „… Er würde mal sehen … Er müsse überlegen…“
Wiederkehrende Motive sind die andauernde Ungewissheit in der Verabredung mit Godot, die Irrationalität dieser Person an sich und die sich steigernde Hoffnungslosigkeit. Nur weil sie an den Versuchen scheitern, sich umzubringen, verbleiben sie wartend. Die beiden führen einen unaufhörlichen Dialog mit dem Ziel, sich abzulenken. Estragon: „Das tun wir, um nicht zu denken.“

PS: Eine Ergänzung zum gestrigen Mail: www.zeitverein.com (Danke, Petra!)

Adventmail 2005/02 (warten)

Die Domain warte.de steht zum Verkauf, ebenso wie…
warten.biz
Wirwarten.de
Wartensienicht.de
Wirerwartensie.de
warten-sie-nicht.de
wirerwartenihrenbesuch.de
Leider vergeben ist inzwischen warten.de, wo sich lange Zeit eine spartanisch gestaltete Website mit einem blinkenden Pfeilchen und dem Wort „waiting“ daneben fand.

Adventmail 2005/01 (warten)

Die Spielregeln des Wartens
Wir warten auf das, was wir schätzen. Je länger die Warteschlange, umso wertvoller ist das Produkt.
Wir schätzen das, worauf wir warten müssen. Wartezeit erhöht den Wert.
Der Mächtigere bestimmt, wer wie lange wartet. Komme bei ihnen nie zu spät.
Je länger man auf dich wartet, umso höher ist dein Status. Denn Warten bedeutet auch Respekt.
Geld verschafft einen Platz vorne in der Warteschlange.
Wenn man sich in eine Warteschlange drängelt, sollte man es hinten tun. Dort wird es noch am ehesten akzeptiert.

(nach Robert Levine, Autor des – sehr empfehlenswerten! – Buches „Eine Landkarte der Zeit“)

Adventmails 2005 (Ankündigung)

Liebe FreundInnen!
Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch ein virtueller Adventkalender von mir. Ihr erinnert euch, sofern ihr schon in den letzten Jahren von mir bedacht worden seid: 2002 gab’s täglich Buchanfänge, 2003 „letzte Worte“ in Büchern, im Vorjahr sammelte ich mit eurer Hilfe knapp beschreibbare Glücksmomente. Heuer habe ich „warten“ als Leitmotiv gewählt – was ja gut zum Advent passt. Ich habe im Internet Spuren des Wartens in unterschiedlichsten Zusammenhängen verfolgt, habe frei assoziiert und möglichst auch um die Ecke gedacht. Das Ergebnis werdet ihr in den kommenden 24 Tagen täglich in eurer Mailbox vorfinden und hoffentlich ähnlich viel Spaß daran haben wie ich beim Zusammenstellen.
Habt eine möglichst geruhsame Vorweihnachtszeit mit reichlich Muße-Inseln für Dinge, die euch Freude machen!
Alles Liebe,
Robert