Geburtstagsradeln mit Rudi von Jois nach Rust, 4.10.2025

Mein Freund Rudi (dem ich diese Website verdanke) ist für seine 70 Jahre nicht nur geistig extrem junggeblieben, sondern auch für körperliche Horizonterweiterungen offen: Seit Jahren lädt er zu Geburtstagen zu Radausflügen bevorzugt ins radfreundliche Burgenland (wenn auch meistens früher als ein halbes Jahr nach dem Anlass, aber diesmal hatten zwei planungsfreudige Freundinnen die Koordination der Überraschungstour übernommen). Acht Radler:innen stiegen in Jois aus dem Zug von Wien und kurvten teils elektrisch verstärkt durch das Flachland westlich des Neusiedlersees. Wobei: „Flach“ trifft es beim Radeln in den Weinbergen des Kirschblütenwegs nicht ganz. Da kamen bis zum Feierstädtchen Rust ganz schön viele Höhenmeter zusammen – die schönsten führten hoch zum Himmelreich (s. Foto 1), von wo man einen herrlichen Ausblick auf die pannonische Tiefebene (Foto 2) hat.

Das anfängliche Schönwetter wurde von Wolken abgelöst, und nach den Stationen Purbach (immer wieder schön: die Kellergasse dort!) und Oggau kamen wir fast trocken beim Heurigen Gabriel an. Dort brannte im Festraum ein Feuerchen und es herrschte Sturm. Der schmeckte fruchtig und süß 😉

Und obwohl es heißt „Rust never sleeps“, blieb der Großteil der Geburtstagsradler:innen über Nacht im Storchenort und setzte tags darauf die Fahrt mit der Fähre über den Neusiedlersee fort. Aber darüber kann ich nichts berichten, denn mich fuhr meine Claudia spätabends bei heftigem Regen zurück nach Wien.

Juli Zeh, Über Menschen, btb 2022 *****

Eine Berliner Werbetexterin aus dem grün-linksliberalen Milieu beschließt während der Corona-Pandemie mit all ihren behördlichen Einschränkungen und ideologischen Aufladungen, ihren Freund Robert (ausgerechnet!) und dessen Ich-weiß-genau-was-richtig-ist-Attitüde zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Bracken heißt der fiktive Ort in Brandenburg, und das klingt laut Dora, der Hauptfigur, wie eine Mischung aus Brache und Baracken. Neben ihrem billig erworbenen, spartanisch ausgestatteten Haus wohnt ein Nachbar, der wie aus einer anderen Welt stammt. „Gote. Ich bin hier der Dorfnazi“, stellt sich der Kahlrasierte über die Mauer zwischen den Grundstücken vor. Fast gegen ihren Willen entsteht kontinuierlicher Kontakt zwischen Dora und dem einsilbigen, wegen rechtsradikaler Gewalt verurteilten Mann, der mit Freunden im Garten das Horst-Wessel-Lied singt und seine kleine Tochter Franzi während der Ferien bei sich beherbergt.

Wahrscheinlich ist diese sich festigende Beziehung der drei (plus Hund bzw. „Töle“, wie Gote sagt) nicht. Aber die gelernte Verfassungsjuristin Juli Zeh versteht es, das Verlassen der üblichen „Blasen“ plausibel zu machen. Sie findet einen Tonfall, der Humor, Aktualität und Tiefsinn verbindet und in das Geschehen reinzieht. Der Verständnis schürt und den Dorfnazi gegen Ende hin fast sympathisch erscheinen lässt.

Wer’s mag, wenn es ordentlich menschelt und die „Einfühlung“ der Vernunft vorzieht, der wird sich von diesem Roman bestens unterhalten fühlen, schrieb ein Kritiker in der „Zeit“ süffisant. Ich gestehe: Ich mochte das „Rührstück“, wie es in Rezensionen mehrfach hieß. Und die selbst aufs Land gezogene Zeh beeindruckte mich für ihre treffsicheren Dialoge zwischen Dora und Gote, zwischen Dora und ihrem Vater, einem abgeklärten Mediziner, der in der Geschichte noch eine wichtige Rolle bekommt. Und es gibt Sätze, über die man nachdenken mag, z.B.: „Die Tragik unserer Epoche … besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.“

Wanderung am Keltenweg, Pötschen bei Kapfenberg, 2.10.2025

„6,5 km Rundweg, ca. 600 Hm, 2,5h / familienfreundlich“ ist über den von der Kapfenberger Hochschwabsiedlung mit dem Haus meiner Mutter und Geschwister bestens erreichbaren Weg hoch zum Hubertuskreuz auf der Hohen Pötschen im Internet zu lesen. Der Rundweg beginnt erst ein Stück nach dem ehemaligen Gasthaus Ortner, zu dem ich in fitteren Zeiten in einer Viertelstunde hochgejoggt bin. Man sieht immer wieder auf die Gebäude des Stahlwerks im Stadtteil Redfeld, auf den Emberg, wo ich als Teenager auf Skiern unterwegs war, ins Mürztal, auf den Frauenberg auf der anderen Seite des Tals. Schön, das alles, auch bei eher trübem Wetter wie am vergangenen Donnerstag. Der versprochene Hochschwabblick war mir wegen dichter Wolken nicht vergönnt.

Mehr gestört hat mich allerdings die mangelhafte Beschriftung des Keltenwegs. Ich folgte Forstwegen und blieb dann mindestens eine halbe Stunde ohne eines jener Hinweisschilder, auf denen Wissenswertes über die in vorchristlicher Zeit in Mitteleuropa dominierenden Kelten zu lesen ist. Hier gäb’s was nachzubessern, Stadtgemeinde Kapfenberg, damit schasaugerte Besucher aus Wien wie ich nicht statt auf Waldwegen auf Forststraßen bewegen.