Adventmail 2008/20 (Briefe an…)

treborme@gmx.at an helen.duphorn@ikea.com *, 10.12.2008
Betreff: sonntags nie

Hallo Helen (Ich erlaube mir, dich so „IKEA-mäßig“ anzusprechen)!
Du wünschst dir von der Regierung, dass deine IKEA-Hallen auch sonntags aufsperren dürfen, wie ich in einem „Kurier“-Interview am 8. Dezember lese. „Das gibt jeder Familie die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was sie am Sonntag tut“, meinst du, und: „Die Österreicher sind wirklich in der Lage, selbst zu entscheiden, was sie wollen, und was nicht.“
Da hast du recht, dazu sind wir in der Lage, und unsere Entscheidung lautet: Läden dicht am Sonntag.
Denn du musst wissen, Helen: Wir Österreicher sind ein gemütliches Völkchen, das an einem Tag der Woche lieber ausspannt und bei einem reichlichen Frühstück lange die Zeitung liest und mit unseren Lieben plaudert, dann einen geruhsamen Spaziergang macht oder Schirennen ansieht und manchmal sogar in die Kirche geht. Oder den lieben Gott einen guten Mann sein lässt.
Was wir nicht so gerne haben, sind die üblichen Wochentagsstaus auch am Sonntag, die Hektik, das Getöse der Geschäftigkeit, das gerade in der Vorweihnachtszeit kaum abstellbare Klingelingeling aus den Kaufhaus-Lautsprechern… wenn all das an JEDEM Tag der Woche sich wie ein zäher Kaufmichdoch-Brei in unsere Seelen ergießt, ist das kein Zugewinn an Freiheit, liebe Helen. Im Gegenteil. Das ist eine kulturelle Einebnung, die das Leben gerade nicht lebenswerter macht. Da schon lieber eine Unterbrechung all des Dröhnens und Brausens und Girrens – an einem für alle reservierten Ausnahmetag. Eben dem Sonntag.
Und noch eins, Helen, weil du es so gut mit den Familien meinst: Du hast einen Mann und einen 13-jährigen Sohn, wie ich lese. Ich habe auch Kinder, und zwar gleich drei. Wenn nun jeder an einem anderen Tag frei hätte, wie sollten wir da noch zusammenkommen? Würde sich dein 13-Jähriger freier fühlen, wären seine schwedische moder und sein fader sonntags upptagen und hätten dafür am Dienstag bzw. am Donnerstag Zeit – aber da ist ja Schule, oh weh!
Nein, Helen, lassen wir doch lieber die Kellnerinnen und Busfahrer und Schiedsrichterinnen und Pfarrer die einzigen bleiben, die sonntags einen Finger rühren, um sich ihr Brot zu verdienen. Gib deinen Kassierinnen frei, lass sie zu ihren Männern und Kindern heim. Und bremse die Übereifrigen, die für ihren Sonntagsdienst „100 Prozent Zuschlag und zwei freie Tage mit der Familie“ verbuchen wollen. Ich verspreche dir, ich komm (wochentags) auch manchmal zum IKEA und kaufe mir vielleicht die Grönö-Tischleuchte oder den Levanger-Spiegel…
Hej sa länge,
Robert Mitscha-Eibl, Wien 21

  • Helen Duphorn ist Ikea-Chefin in Österreich.