Kirche zu verkaufen: Wenn Gotteshäuser nicht mehr gebraucht werden

(Die Furche, 24.4.25) Diskos, Boulderhallen, oder Buchhandlungen: Europaweit nehmen Umwidmungen von Kirchen zu. In Österreich geht man bei „Profanierungen“ einen behutsameren Weg als anderswo. Aber auch hierzulande gibt es ungewöhnliche Nach- bzw. Doppelnutzungen.

Erwachsene – und auch Kinder –, die gern in die Kirche gehen; denen die Lebensfreude ins Gesicht geschrieben ist; die mit ausgebreiteten Armen immer wieder abheben und Richtung Himmel schweben. Nein, das ist kein Traum eines Pfarrers von einer gelungenen Messfeier, sondern Realität in der Kirche im niederländischen Hilversum. Wo allerdings keine Gottesdienste mehr gefeiert werden, sondern sich Groß und Klein im Trampolinpark vergnügen.

Diese Szenerie in Hilversum dient immer wieder der Veranschaulichung, wenn es um das Thema Kirchenverkäufe bzw. -umwidmungen geht. In vielen Ländern Europas gibt es zu viele Kirchengebäude für immer weniger Gläubige. Die nicht mehr liturgisch genutzten, „profanierten“ Häuser werden u.a. zu Geschäften, Hotels, Kulturveranstaltungssälen, Musikclubs, Kindergärten, Kletterhallen. In den protestantisch geprägten Niederlanden oder auch im anglikanischen Großbritannien hat man bei der Nachnutzung nicht mehr gebrauchter oder leistbarer Objekte weniger Skrupel als im deutschsprachigen katholischen Bereich. Hier gilt die Kirchenrechtsbestimmung (CIC Can. 1222) über den „profanen, aber nicht unwürdigen Gebrauch“ aufgelassener Kirchen… (mehr unter www.furche.at)

„Ich hielt immer kritische Distanz zu Gottes Bodenpersonal“

Wer mehr als drei Jahrzehnte bei einem katholischen Medium arbeitet, hat jede Menge kirchlicher Zeitgeschichte aus nächster Nähe erlebt… Neo-Pensionist Robert Mitscha-Eibl gibt im Selbstinterview authentischst Auskunft

Wien, 16.01.2025 (KAP) Kathpress: Wer mehr als drei Jahrzehnte bei einem katholischen Medium arbeitet, hat jede Menge kirchlicher Zeitgeschichte aus der Nähe erlebt. Was waren denn deine persönlichen Highlights und Tiefpunkte als Kathpress-Redakteur?
RME: Es begann gleich mit einer Reihe von Tiefpunkten der österreichischen Nachkriegskirchengeschichte: Bischof Kurt Krenn – vor seiner Weihe im Stephansdom war ich damals bei der KJÖ Beschäftigter einer der Demonstranten, die sich ihm in den Weg legten – sorgte mit markigen Sprüchen immer wieder für Aufregung, z.B. als er eine Art Missio Canonica für Religionsjournalisten forderte. Und im Frühjahr 1995 brach die Causa Groer los, in der anfangs auch Bischöfe wie Schönborn oder Krätzl äußerst unglücklich agierten. Die Missbrauchsskandale danach waren ein weiterer Tiefschlag, auch wenn die Kirchenleitung in Österreich dann ab 2010 tadellos darauf reagierte.
Kathpress: Und die Highlights?
Nun ja, viele Begegnungen mit charismatischen Persönlichkeiten wie dem haitianischen Bischof Willy Romelus, Chiara Lubich oder Erwin Kräutler, Interviews mit Sympathlern wie Hubert von Goisern oder Michael Köhlmeier, das freundschaftlich gewordene Verhältnis zu Paul Zulehner und die Teilnahme an Kathpress-Reisen in den Irak, nach Rumänien oder in die Schweiz.
Gern denke ich auch an die Wahl von Jorge Mario Bergoglio zurück, die ich im Konferenzzimmer der Kathpress am TV-Bildschirm gemeinsam mit Bischof Kapellari mitverfolgte und über seine ersten Worte als Papst “Buona sera” schmunzelte.
Kathpress: Du kommst doch als gebürtiger Obersteirer aus einem recht unkirchlichen Milieu. Wie kam es dazu, dass du zum Lohnschreiber der Kirche wurdest?
RME: Stimmt, da, wo ich herkomme, ging man als Jugendlicher eher zur SJ – so wie meine Schwester – als zur Jungschar. Für mein Umfeld war es schon überraschend, dass ich neben Germanistik auch Theologie studierte, verbunden mit dem Berufswunsch Religionslehrer. Allerdings stellte sich nach drei Jahren in der Schule heraus, dass ich beim Schreiben besser aufgehoben bin als beim Reden. Über das Standbein Öffentlichkeitsarbeit, das ich auch während der Unterrichtstätigkeit bei der Katholischen Jugend Österreichs behielt, landete ich bei der Katholischen Medienakademie und in meinem ersten Praktikum bei der Kathpress. Der dortige Chef Erich Leitenberger bot mir eine Stelle an – trotz der Bedenken wegen meiner vorangegangenen Mitarbeit bei “Kirche In(tern)”. Als junger, feministisch infizierter Familienvater werkte ich erst 30 Wochenstunden, ab meinem 40er dann in Vollzeit.
Kathpress: Mit Erich Leitenberger war dein Verhältnis ja nicht immer friktionsfrei…
RME: Stimmt. Anfangs höflich distanziert, ich litt unter seinem mich demotivierenden Führungsstil: wenig Kommunikation mit der Redaktion – anrufende Journalisten bekamen News viel eher mit als seine eigenen Mitarbeiter; viele “leere Kilometer” durch Artikel, die ungelesen auf dem Hocker des Chefs verendeten. Und später, als ich Betriebsrat im Hinblick auf den absehbaren Chefredakteurswechsel wurde, gab’s einmal einen Eklat, als Leitenberger die da schon abwesende Sekretärin Gertrude Kaufmann unflätig wegen ihres Heimgehens beschimpfte. Sie hatte davor bis weit über ihren Dienstschluss hinaus aufs “Kleben” des Tagesdienstes gewartet, während der Chef im Hof mit viel wichtigeren Personen plauderte. Es kam immer wieder vor, dass die Kaufmann nicht wusste, wann ihr Arbeitstag endet, und ich hatte sie an diesem Tag ermutigt, einfach zu gehen und den Tagesdienst – was öfters vorkam – erst am nächsten Morgen zu kleben.
Ich zolle “LEI” viel Respekt für sein journalistisches Know-how, sein umfangreiches Wissen und seine Loyalität gegenüber sehr unterschiedlichen Bischöfen; aber als Chef war er für mich ein Hemmschuh. Unter einem Teamplayer wie Paul Wuthe konnte und kann ich mich viel mehr entfalten, ich genoss sein Vertrauen in die Eigenverantwortung seiner Leute und hatte ganz einfach viel mehr Freude an der Arbeit.
Kathpress: Wobei die Stimmung und der Zusammenhalt unter den Kollegen – wie es hieß – eigentlich immer gut war, oder?
RME: Absolut. Zu Beginn hab ich von Peter Musyl und auch von Andi Dobersberger, der Komplexes immer sehr gut verständlich vermitteln konnte, viel gelernt. Es waren immer hochkompetente, nie engstirnige und – was ich sehr schätze – auch sehr humorvolle Kollegen (Kolleginnen gab’s erst später) im Team. Es ist oft der “Schmäh g’rennt” und tut das ja auch heute noch, siehe die oft kabarettistisch anmutenden Teams- und Whats-App-Chats. Besonders erwähnen möchte ich auch noch die regelmäßigen Fußball-Matches zwischen “Partizan Kathpress” und “Lokomotive Luther”, die immer viel Spaß machen.

Bei einem der vielen “Kathkicks” – Schusshaltung allerdings nicht optimal

Kathpress: Apropos Spaß: Es geht das Gerücht, dass dein Hang zur Satire dir beim Theologiestudium in Graz fast zum Verhängnis geworden wäre.
RME: “Verhängnis” ist wohl zu dramatisch. Aber ja, es stimmt: Ich studierte kombinierte Religionspädagogik und Germanistik in Graz und sorgte bei Laientheologenfesten mit Reimen wie “Als Jesus nach Judäa kam,/ da wurden Blinde taub und lahm” oder “Kaum war Zacharias blind,/ bekam Elisabeth ein Kind” immer wieder für humoristische Einlagen. Einmal gab’s ein richtiges Kabarettprogramm, in dem ich u.a. als klerikaler Sonntagsprediger auftrat. Obwohl offenbar selbst verklemmt, ermunterte ich mein Publikum, sich als Glieder der Kirche ganz der Welt zu öffnen, ungeniert auf die Menschen zuzugehen – und bei all dem hatte ich sichtbar für alle meinen Hosenstall geöffnet und gewährte Einblick auf meine weiße Unterwäsche. Die jungen Theologinnen und Theologen bogen sich vor Lachen, aber die Verantwortlichen – das Fest fand im katholischen Münzgrabenheim statt – waren not amused. KHG-Chef Schnuderl, Generalvikar Städtler und auch Bischof Weber, der von einem Mix aus Obszönität und Blasphemie sprach, stellten den Kabarettist:innen in Aussicht, sie würden keine kirchliche Anstellung bekommen.
Doch das Ganze beruhigte sich wieder, und ich entzog mich allen hochnotpeinlichen Folgen dann ja durch “Flucht” nach Wien. Was aber nichts mehr mit dem Skandalkabarett zu tun hatte, sondern mit meiner in Wien lebenden Freundin und einem von Herbert Beiglböck angebotenen Zivildienstjob bei der KJÖ.Kathpress: Aber “Glieder der Kirche” mit Unterleiblichkeit zu verknüpfen – hat das nicht wirklich etwas Blasphemisches?
RME: Ach was. Ich berufe mich da aufs Konzil, das ja auch dafür steht, sich der Welt zu öffnen und dafür ein eigenes Dokument – “Gaudium et Spaß” – veröffentlichte … war ein Scherz.

Das Bild täuscht. Fad war’s in der Redaktion selten.

Kathpress: Zuletzt noch die Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Religion?
RME: Also der Jesus hat mir immer schon getaugt. Die wechselseitige Sympathie hat sich während des Theologiestudiums in Graz noch vertieft, durch mein Engagement bei den Laientheolog:innen und meine Präsenz in der KHG war das meine wohl frömmste Zeit mit auch mystischen Erlebnissen. Allerdings war ich nie ein “Hundertprozentiger”, Zweifel gehört für mich zum Glauben dazu, und Dogmen wie die formelhaft ausgefeilte Trinität, Marias immerwährende Jungfräulichkeit oder die “Verwandlung” von Brot in den Leib Christi mittels Hokuspokus (lat. Hoc est Corpus) leuchten mir nicht wirklich ein. Aber ich denke nicht, dass mir Gott oder die Göttin das übel nimmt, wenn er/sie mich wie ein Elternteil seinen Sohn liebt. Und davon gehe ich aus, bin überzeugt, dass das eine tragfähigere Lebensgrundlage ist als Agnostizismus oder auch bloßer Humanismus.
Dieser mein andere Sichtweisen respektierender und wenig missionarisch ausgerichteter Glaube ist durch Krisen oder Skandale in der Kirche nicht erschütterbar. Auf Gottes “Bodenpersonal” hatte ich immer einen recht kritisch-distanzierten Blick. Was ja nicht das Schlechteste für einen Agenturjournalisten ist.

Die traurige “lächelnde Schwester”

Vor 40 Jahren, am 29. März 1985, nahm sich Jeanine Deckers, bekannt als Sœur Sourire, unter tragischen Umständen das Leben. 1963 hatte ihr Chanson „Dominique“ den Nerv der Zeit getroffen.
Eine singende Nonne aus Belgien war in den US-Charts erfolgreicher als ein gewisser Falco mit Rock me Amadeus: Jeanne-Paule Marie Deckers, von den Dominikanerinnen Sr. Luc-Gabrielle und ihrer Plattenfirma „Sœur Sourire“ (dt.: lächelnde Schwester) genannt, landete mit Dominique in den Sixties einen Welthit. Ihr mehrstimmig und mit einfacher Gitarrenbegleitung vorgetragenes Liedchen über den Ordensgründer aus dem Hochmittelalter traf in der Weihnachtszeit 1963, kurz nachdem die Ermordung J. F. Kennedys die Amerikaner in Trauer stürzte, den Nerv der Zeit. Das Chanson, das wie die musikalische Untermalung eines Jugendgruppenausflugs klingt, stand viermal an der Spitze der US-Charts – als erstes und bisher einziges rein französischsprachiges Lied. Falco schaffte es das mit dem bisher einzigen deutschsprachigen Song nur dreimal.
Sœur Sourire war eine tragische Figur: Der damals 30-jährigen, mit ihrer markanten Brille ein bisschen wie die Tochter des deutschen Komikers Heinz Erhard wirkenden Ordensfrau bescherte der musikalische Erfolg kein Lebensglück. Sie überwarf sich in der Aufbruchszeit des Konzils mit dem Konvent von Fichermont bei Waterloo und verließ die Dominikanerinnen, versuchte sich ohne Erfolg als Sängerin, wurde als lesbische Frau geoutet und beging verarmt und verschuldet am 29. März 1985 in ihrem Geburtsort Wavre bei Brüssel gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Suizid… (weiter in: DIE FURCHE 27.3.25.)

Langjähriger Kathpress-Redakteur wechselt in den Ruhestand

Verabschiedung mit Einladung zu Abschieds-Event von Robert Mitscha-Eibl an alle Mitarbeitenden von Redaktion und Medienbüro am 16. Jänner 2025

Wien, 1.12.2025 (KAP) Eine Ära der katholischen Publizistik geht zu Ende: Robert Mitscha-Eibl, langjähriger Redakteur der Nachrichtenagentur Kathpress, wechselt mit Jahresende in den Ruhestand. Er wolle diese biografische Wende mit einem rauschenden Abschieds-Event am 16. Jänner ab 16.30 Uhr an seiner dann schon ehemaligen Wirkungsstätte begehen, zu dem alle Mitarbeitenden von Redaktion und Medienbüro eingeladen seien, kündigte der Jubilar im Selbstinterview an. Für das leibliche Wohl wolle er mit einem dreigängigen Menü sorgen, es werde Musik und ein seinem Kulturressort angemessenes Unterhaltungsprogramm geben.

Bei der Rede zum Abschluss der KMA-Ausbildung (1994)

Im Rückblick auf seine fast 32-jährige Tätigkeit gab Mitscha-Eibl zu, die Bezeichnung „Sesselkleber“ sei angesichts dieser Dauer nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings habe sich der Redakteur, wie er versichert, täglich mehrmals vom Sessel erhoben, in die redaktionseigene Küche begeben, um sich mit Kaffee oder einem Mittagsmahl zu versorgen. Zuletzt hätten sich auch Willhaben-Geschäfte gehäuft, für die er als Innenstadtarbeiter von seiner Gattin immer wieder gerne in Anspruch genommen worden sei. „Gottseidank hat mittlerweile die KI meine redaktionelle Tätigkeit – unbemerkt vom jeweiligen Chef vom Dienst – weitgehend übernommen, sodass ich mich ungestört meinen Urlaubsplanungen hingeben konnte“, gab Mitscha-Eibl Einblick in seinen Arbeitsalltag. Dies wolle er bei etwaigen Aufträgen des Chefredakteurs für „Zuarbeit“ an Wochenenden oder bei Abendveranstaltungen weiter so halten, versicherte Mitscha-Eibl.
Kathpress-CR Paul Wuthe betrachtet den Abschied seines steirischen Landsmannes „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, wie er beteuerte: „Lachend, weil das Kathpress-Budget durch den Abgang eines Silberrückens doch merklich entlastet wird. Weinend, weil ich die Dienst- und Urlaubslisten nun selbst erstellen und mich auch um sprachpolizeilichen Ersatz umsehen muss.“ Stv. CR Georg Pulling war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, er war bei einer Pro-Oriente-„Vorstandssitzung“. Nachsatz: Oder beim ICO. Oder beim ÖRKÖ.
Auf die Frage, ob er zu seinem Abschiedsfest nicht auch langjährige Wegbegleiter wie Franz M., Maria J. oder den nicht ganz an seine eigene Dienstdauer heranreichenden Christoph S. einladen möchte, antwortete Mitscha-Eibl: „Lieber nicht. Es werden da Dinge zur Sprache kommen, die für außer-redaktionelle Ohren verstörend wirken könnten.“ Apropos Ohren. Der rüstige Rentner bittet seine Festgäste, laut zu sprechen, denn im Laufe seines Berufslebens habe sich eine Akzentverschiebung ergeben: Aus anfänglichen Gehorch-problemen seien Gehörprobleme geworden. Dass er auf dem linken Augen blind geworden sei, dementierte der Publizist.
Dass Mitscha-Eibl über eine kabarettistisch-humorige Ader zu verfügen meint, soll sich laut Beobachtern im Programm des Abends niederschlagen. Dementiert wurde seitens des Festkomitées, dass Mitscha-Eibl mittels eines dreistündigen Diavortrags Bilanz über seine Kathpress-Zeit ziehen will: „Zwei Stunden müssen genügen.“ Unrichtig sei weiters, dass anstelle von Abschiedsgeschenken um Spenden auf ein Caritas-Konto gebeten wird. Die sicherlich reichhaltigen Mitbringsel seien auf einigen in den Redaktionsräumlichkeiten verteilten Geschenktischen rechtzeitig vor dem Verlassen des Festes zu deponieren.
Lassen wir zuletzt den dreifachen Vater, zweifachen Ehemann und einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn nochmals persönlich mit einem Appell an seine Adressat:innen zu Wort kommen: „Du bist herzlich eingeladen. Bring Hunger und gute Laune mit!“
(Service: Abschiedsfest RME, 16. Jänner 2025, 16.30 Uhr, Konferenzraum Kathpress, Anmeldung: robert.mitscha-eibl@kathpress.at)

Comics sind erwachsen und manchmal auch religiös geworden

Erste “Graphic Novel” – Will Eisners “Ein Vertrag mit Gott” – in hochwertiger “Süddeutsche Zeitung Edition” wieder aufgelegt – Inhaltlich und künstlerisch anspruchsvolle gezeichnete Romane befassen sich auch mit Glaubensfragen – “Kathpress”-Hintergrundbericht von Robert Mitscha-Eibl (Kathpress, 31.3.2011)

Frimme Hersh ist ein gottesfürchtiger Jude – und doch gebrochen, als er sich nach dem Begräbnis seiner viel zu früh verstorbenen Ziehtochter durch strömenden Regen zurück in sein Mietshaus im New Yorker Stadtteil Brooklyn schleppt. Er hadert mit dem Allmächtigen, hatte er doch als junger Emigrant aus tristen osteuropäischen Verhältnissen einen Vertrag mit Gott geschlossen: Für ein untadeliges Leben, gut integriert in der jüdischen Gemeinde in Brooklyn, sollte ihm der gerechte Lohn beschieden sein. Und dann das – der plötzliche Tod eines geliebten Menschen!
Frimme kündigt den Vertrag wutentbrannt auf und ändert sein Leben radikal – aus dem freundlichen, hilfsbereiten Juden wird ein rücksichtsloser, bald steinreicher Immobilienspekulant. Auf dem Höhepunkt seiner Macht und im Unbehagen über den Mangel an Sinn lässt er sich von Rabbinern einen neuen Vertrag mit Gott aufsetzen. Doch der Allmächtige hat erneut unverhandelbare Pläne mit Frimme Hersh…

“Martyrium, das ich selbst durchlitten habe”

Diese moderne Hiob-Geschichte samt dazugehöriger Theodizee-Frage hat der österreichisch-stämmige US-Comic-Zeichner Will Eisner 1978 in beeindruckenden Bildern ohne Rücksicht auf die übliche Panelanordnung umgesetzt. “Ein Vertrag mit Gott” (A Contract with God) nannte er diese erste “Graphic Novel”. Der euphorischen Deutung, Eisner habe damit eine neue Literaturgattung gegründet, mag man mit dem Hinweis auf anspruchsvolle frühere Comics wie Hal Fosters “Prinz Eisenherz/Prince Valiant”, “Peanuts” von Charles M. Schulz oder Hergés “Tim und Struppi/Tintin” als übertrieben ansehen. Dennoch: Eisners “Graphic Novel” beschleunigte den Trend, dass Comics nicht mehr nur infantil anmutende “Funnies” rund um “trivialitätsverdächtige” Helden wie Micky Maus, Fix und Foxy oder den “Teenage Mutant Ninja Turtles” sind.
Schon allein mit der Bezeichnung “Graphic Novel” machte Eisner – vor “Ein Vertrag mit Gott” selbst jahrzehntelang auf den Comicstrip-Seiten von Tageszeitungen umtriebig – unmissverständlich klar, dass sein Werk etwas anderes wollte als Kinderunterhaltung.
Dieser Anspruch hatte auch zu tun mit dem “Martyrium, das ich selbst durchlitten habe”, wie Eisner später über “Ein Vertrag mit Gott” bekannte: Acht Jahre vor dem Erscheinen war seine einzige Tochter Alice mit 16 an Leukämie gestorben. Die Qualen von Frimme Hersh “waren die meinen. Und ebenso sein Zwist mit Gott”, schrieb Eisner, der als Sohn altösterreichischer Eltern – sein Vater war Bühnenbildmaler aus Wien – die Art Students League of New York besuchte und bereits mit 19 Jahren Abenteuergeschichten für eine Zeitschrift zeichnete.

Vom Nahost-Konflikt bis zu Johnny Cash

Dass Comics “erwachsen” geworden und “Graphic Novels” inhaltlich und künstlerisch anspruchsvoll mit auch religiösen Themenstellungen sind, veranschaulicht jetzt eine eigene “Süddeutsche Zeitung Edition” mit zehn herausragenden Werken des Genres. Neben Will Eisners Sammelband mit verschiedenen Sozialstudien über das Leben im Immigranten-Viertel Brooklyn finden sich dort u.a. die Comic-Reportage “Palästina” (2004) des “zeichnenden Journalisten” Joe Sacco über den Nahost-Konflikt und das autobiografisch geprägte “Persepolis” (2000; 2008 Oscar-preisgekrönt verfilmt) der Exil-Iranerin Marjane Satrapi; weiters die berührende Vater-Sohn-Geschichte “Vertraute Fremde” (1998) des Japaners Jiro Taniguchi und die Biografie des verstorbenen, tief religiösen Country-Sängers Johnny Cash durch den Deutschen Zeichner Reinhard Kleist “Cash – I See a Darkness” (2006).
Derartige Kanones herausragender Arbeiten gibt es mittlerweile in verschiedensten Kunstgattungen wie Literatur, Film oder Theateraufführungen. Die “Süddeutsche Zeitung Edition” belegt, dass auch Graphic Novels seit Will Eisners Erstversuch, für den er übrigens keinen belletristischen Verlag fand, ernst genommen werden und Abnehmer finden.
Einige weitere besonders bemerkenswerte Werke: Einen Meilenstein stellt Art Spiegelmans Pulitzer-Preis-gewürdigte, zweibändige Shoah-Aufarbeitung “Maus – Die Geschichte eines Überlebenden” (“Maus: A Survivor’s Tale”, 1986 und 1991) dar. Im Zentrum steht Spiegelmans Vater Wladek (1906-1982), ein Holocaust-Überlebender, der seinem Sohn in Rückblenden über das erlittene Trauma berichtet. Spiegelman zeichnet mit den Erlebnissen seines Vaters – Juden werden als Mäuse dargestellt, Deutsche/Nazis als Katzen, US-Amerikaner als Hunde – auch dessen Entwicklung zu einem unglücklichen und kranken, eigenbrötlerischen und dickköpfigen alten Mann nach.
Alan Moore schuf mit “Watchmen” 1986/87 zwar eine Geschichte rund um Superhelden mit verschiedenen besonderen Fähigkeiten, dies aber so psychologisch differenziert, dass das “Time Magazine” die Bilderzählung 2005 in die Liste der 100 besten Romane aufnahm – als einzigen Comic.
“Watchmen” wurde ebenso verfilmt wie etliche andere Erfolgs-Produkte in gedruckter Form: Als Beispiele seien die Animationsstreifen über Frank Millers Film-noir-inspirierte Krimi-Reihe “Sin City” oder “300”, seine Geschichte über die antike Schlacht am Thermopylen-Pass, ebenso genannt wie die mit leibhaftigen Schauspielern besetzten Filme über Ralph Königs “Der bewegte Mann” oder zuletzt Stephen Frears “Immer Drama um Tamara” nach der Graphic Novel “Tamara Drewe” von Posy Simmonds.
Zu erwähnen ist auch die stetig anwachsende Zahl an gelungenen Comic-Adaptierungen berühmter Literaturstoffe wie “Die Verwandlung”, 2010 von Eric Corbeyran und Richard Horne nach der Erzählung Franz Kafkas publiziert; ebenso die jüngst erschienene Comic-Biografie von Anne Frank von Ernie Colon und Sid Jacobson oder sogar das zeichnerisch unbewältigbar erscheinende “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” nach Marcel Proust von Stephane Heuet (2010).

“Warum ich Pater Pierre getötet habe”

“Warum ich Pater Pierre getötet habe” (“Pourquoi j’ai tué Pierre”, 2006) lautet der Titel einer lange vor dem kirchlichen Missbrauchsskandal entstandenen Graphic Novel des französischen Autors Olivier Ka und seines Illustrators Alfred. In seiner autobiografischen Erzählung setzt sich Ka mit einer Missbrauchserfahrung in seiner Kindheit auseinander. Ausgerechnet der joviale und kumpelhafte Pater Pierre, der so gar nicht in das traditionelle Bild eines Priesters passen will, nähert sich in grenzüberschreitender Weise dem jungen Olivier. Dieser stellt sich nach vielen Jahren der Verdrängung dem fast vergessenen Übergriff, macht Pater Pierre ausfindig und konfrontiert ihn mit den nun nachgeholten Gefühlen von Wut und Scham.
Durch das Aufschreiben des Erlebten kann Olivier Ka endlich Abstand gewinnen und mit seiner Vergangenheit Frieden schließen. Der Tod Pater Pierres ist in dieser Geschichte ein symbolischer. Am Ende ist der Geistliche nur ein alter, gebrochener Mann.
Mehr intellektuell ausgerichtet ist “Gott höchstselbst” (“Dieu en personne”, 2009) des französischen Autors und Zeichners Marc-Antoine Mathieu. In seiner Geschichte ist Gott Mensch geworden. Der äußerlich allen Klischees entsprechende alte Rauschebartträger steht in einer Warteschlange, um sich ganz bibelgemäß im Rahmen einer Volkszählung registrieren zu lassen. Er kann jedoch keinerlei Identitätsnachweis beibringen. Nach anfänglicher Ratlosigkeit der Behörden wird Gott über Nacht zum Medien-Hype, von Wissenschaftlern und Philosophen penibel untersucht und befragt.
Und bald auch von Rechtsanwälten: Gott wird zum universellen Sündenbock, der für das Unglück in der Welt verantwortlich gemacht wird. Schon bald findet sich der Allmächtige als Mittelpunkt eines spektakulären Gerichtsprozesses auf der Anklagebank wieder. Mathieus Gott lässt dies als ein zurückhaltender, höflicher, allwissender älterer Herr über sich ergehen. Ironisch distanziert, doch fernab jeder Blasphemie inszeniert Marc-Antoine Mathieu eine Groteske über die existenziellen Menschheitsfragen und baut dabei Zitate von Geistesgrößen wie Voltaire, Blaise Pascal, Albert Einstein und C.G. Jung in die Dialoge ein.
Anders als die genannten gibt es auch christliche Comics mit missionarischem Anspruch, so eine Reihe von Visualisierungen biblischer Geschichten sowie rund um Glaubensvorbilder wie Johannes Paul II., der vor rund zwei Jahren in Polen als Comics-Figur in Erscheinung trat. Der Comic rankt sich um die erste Polen-Reise des Wojtyla-Papstes im Juni 1979, dargestellt aus dem Blickwinkel eines 14-jährigen Buben, der die historische Papstmesse in Warschau besucht. Noch ganz druckfrisch ist ein Manga namens “Habemus Papam!”, das mit Benedikt XVI. als Hauptfigur zum Weltjugendtag in Madrid in einer Auflage von 300.000 Exemplaren erscheint.
Umgekehrt gibt es auch Comics wie Gerhard Haderers Aufreger-Band “Das Leben des Jesus”, in dem der Messias bewusst provozierend als kiffender Taugenichts dargestellt und die Frohbotschaft auf das Humorniveau einer Maturazeitung heruntergebrochen wird.
Derartige Beispiele – ob gut gemeint oder mit Tabuverletzungen kalkulierend – reichen jedoch nicht an die Qualität der genannten Beispiele von Graphic Novels heran.
Nochmals zurück zu Will Eisners “Ein Vertrag mit Gott”: Im Vorwort der jetzt erschienenen Edition der “Süddeutschen”, das der greise Zeichner im Dezember 2004 verfasste, schrieb er, mit seinen früheren Comics habe er zwar Millionen unterhalten, aber “immer das Gefühl, nach mehr streben zu wollen… In einem Alter, in dem ich mich hätte ‘zur Ruhe setzen’ können, beschloss ich deshalb, mich an eine neue Form von Comic-Literatur zu wagen”. Viele Jahre vergingen, “bis meine Auffassung von den Möglichkeiten der Bilderzählung wahrgenommen wurde und langsam Früchte zu tragen begann – aber ich habe es noch erleben dürfen.” Will Eisner starb 87-jährig im Jänner 2005, einen Monat nach Abfassung dieser Lebensbilanz.