“Du & Ich und alle reden mit” (Paolo Genovese, I 2025) ****

Ein Film wie ein Kammerspiel: Zwei Personen, die 35-jährige Möbelrestauratorin Lara und der 50-jährige Gymnasiallehrer Piero treffen sich nach einem Kennenlernen in einer Bar zu einem ersten Date bei ihr in der Wohnung. Prosecco, Blumen einfrischen, Häppchen, Smalltalk. Dann verschafft sich das sonstige bzw. bisherige Leben der beiden Raum: durch einen Anruf der minderjährigen Tochter beim geschiedenen Vater mit Sorgerecht und durch das unerwartete Auftauchen des Ex von Lara, den sie trotz eines mitgebrachten Geschenks – es ist ein Ring! – empört abwimmelt. Piero und Lara werden miteinander vertraut, kommen sich näher.

So weit, so unspektakulär.

Der Gag des Filmes von Regisseur Paolo Genoves ist, dass sich während des gesamten Plots die inneren Stimmen der beiden zu Wort melden – in Form von jeweils vier sichtbaren Personen, die für unterschiedliche Persönlichkeitsfacetten und Herangehensweisen stehen. Das ist ein ständiger Quell von Komik, denn wer kennt das nicht bei einem Date: Sage ich jetzt das Richtige? Wie stehe ich da – optisch und auch sonst? Ist der richtige Zeitpunkt für Zärtlichkeit? Und später dann: Wie mache ich’s beim Sex? Ist ein guter Zeitpunkt zum Sich-Verabschieden?

Dazu haben der rationale Professor, der romantische Romeo, der leidenschaftliche Eros und der desillusionierte Valium ihre eigenen Vorstellungen und Ratschläge für Piero, ebenso die Einflüsterinnen von Sara, deren Namen ich vergaß. Es gibt da die kompromisslose, die verträumte, die verführerische, die wilde.

Dass der Spielfilm von “Paul aus Genua” der erfolgreichste des Jahres in Italien wurde, ist vielleicht etwas überbewertet. Unterhaltsam war er allemal.

“One Battle After Another” (Paul Thomas Anderson, USA 2025) *****

Es geht um eine Gruppe revolutionärer Linker aus Los Angeles, die wegen ihrer Attacken gegen das System vom Militär gesucht werden. Näherhin geht es um zwei Kämpfer, die der Kämpferin Perfidia Beverly Hills verfallen sind: Um ihren Mitstreiter Bob (Leonardo DiCaprio) und den erzkonservativen Befehlshaber Steven J. Lockjaw (Sean Penn), der auf beide Jagd macht und dabei ganz eigene Ziele verfolgt. Was Sean Penn hier darbietet, ist Schauspielkunst vom Feinsten. Würde mich nicht wundern, bekäme er dafür einen Oscar.

Auch für den von mir geschätzten deutschen “Filmdienst” ist Penn “der eigentliche Star des Films […], der die freudlose Figur des Obersts mit steifem Gang und nervösen Gesichtszuckungen oft am Rand zur Karikatur verkörpert, ihr aber auch eine tragische Dimension verleiht, die sie verletzlich und nahbar wirken lässt” und die einem am Ende “fast leid tut”.

Der auf zwei Zeitebenen angesiedelte 162-Minuten-Film von Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson (“Licorice Pizza”, “There Will Be Blood”) zeigt die US-Gesellschaft als bürgerkriegsähnliches Kampfgebiet, in dem konträre Ideologien aufeinanderprallen. Perfidia und Bob kämpfen zwar gegen Kapitalismus und Ausgrenzungspolitik, sind aber selbst problematische Charaktere mit über Leichen gehender Radikalität auf der einen und dauerbekiffter Paranoia auf der anderen Seite. Am “normalsten” kommt da noch die im zweiten Teil zur Heldinnenschaft gezwungene 16-jährige Tochter Willa rüber. Spannend jedenfalls. Empfehlung.

“Elements of(f) Balance”, (Othmar Schmiderer, Ö 2025) ****

In der Tradition österreichischer Filmdokus über Missstände in Natur und (Arbeits)Welt durch Regisseure wie Nikolaus Geyrhalter, Erwin Wagenhofer und den früh verstorbenen Michael Glawogger begab sich der bereits 71-jährige Salzburger Othmar Schmiderer auf eine Recherchereise rund um die Welt. Im Fokus stehen gefährdete oder gesundende Ökosysteme inmitten einer auf Ausbeutung ausgerichteten Welt: Bodenbehandlung auf einem österreichischen Bergbauernhof, Revitalisierung eines toten Forstes in Thüringen, schwimmende Beete in Bangladesch oder Wiederbepflanzung in Chinas Wüstenregionen geben Hoffnung auf eine ökologische Wende, der Blick ins auch durch den Krieg höchst gefährdete Donaudelta zwischen Rumänien und der Ukraine oder in die quallenverseuchte Adria viel weniger.

Am verblüffendsten für mich waren die Erläuterungen über die faszinierende Welt der Pilze und Myzele und sich dabei ergebende Möglichkeiten für zukünftiges Bauen und Sich-Kleiden. Verleiher Filmladen über den am 5. Dezember in den Kinos startenden Schmiderer-Streifen: “Nicht dystopische Zukunftsvisionen stehen im Mittelpunkt, sondern ein neues Bewusstsein und neue, konkrete Möglichkeiten, die sich der Menschheit bieten, wenn verstrickte Lebensformen und vergessene Allianzen die Grundlage des Umgangs mit der Natur sind.”

Stimmt, dachte ich nach der Presse-Preview. Aber warum Kino und keine mindestens so brauchbare arte-Doku?

“Girls & Gods” (Arash T. Riahi, Verena Soltiz, Ö/Ch 2025) *****

Können Feministinnen religiös sein, gläubige Mitglieder einer abrahamitischen Weltreligion? Wenn es nach der ukrainischen Femen-Aktivistin (“Pussy Riot”) Inna Schewtschenko geht, eher nicht. Sie betrachtet Christentum, Judentum und Islam als unheilbar patriarchalisch und zitiert dazu die mir noch von meinem Theologiestudium bekannte Mary Daly: “If God is male, then male is God.” In einer der ersten Szenen des auf einem Drehbuch Schewtschenkos basierenden Film sind barbusige Feministinnen zu sehen, die in Kiew triumphierend ein Holzkreuz umsägen und danach schnell die Flucht ergreifen. Ohje, dachte ich da. Das wird jetzt ein filmisches Pamphlet, das Identifikationsfiguren keinerlei Raum gibt, die Religion und Feminismus sehr wohl für vereinbar halten. Da kann dann auch ich nicht mit, denn ein Gott, der Unterdrückung von Frauen gutheißt oder sogar verlangt, ist weit entfernt von dem, an den ich glaube.

Aber dem war dann gar nicht so. Es kamen auch religiös offene wie die (widerrechtlich geweihte) katholische Bischöfin Christine Mayr-Lumetzberger zu Wort, selbstbewusste Musliminnen, die aus Überzeugung den Hidschāb tragen, eine jüdische transsexuelle Rabbinerin u.a. Schewtschenko traf sich mit diesen Frauen in Europa und in den USA, widersprach ihnen zu Themen wie Abtreibung und Bekleidungsvorschriften, ließ ihre andere Sichtweise aber letztlich gelten.

Schmunzeln machte mich die russische Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa, die wegen ihrer feministischen Haltung ins Gefängnis musste und dort – “It was a torture!” – nur die Bibel zu lesen bekam. Jesus sei ihr dabei sehr sympathisch geworden, und sie habe bei der Lektüre genug Stoff zum Argumentieren gegen die Putin-freundliche, den Krieg rechtfertigende russisch-orthodoxe Kirchenleitung gesammelt.

“Noch lange keine Lipizzaner” (Olga Kosanović, Ö 2025) *****

Ein Film zum Ärgern und zum Lachen: zum Ärgern deswegen, weil die bürokratischen Hürden, die der Staat Österreich Zuwanderungswilligen wie der hierzulande geborenen Regisseurin und Drehbuchautorin mit serbischen Wurzeln aufstellt, geradezu absurd sind. Und zum Lachen, weil Kosanović dies mit viel Humor und Fantasie etwa in Form einer Geburtslotterie-TV-Show, mit fiktiven Spielszenen, skurrile Interviews oder einem Zurück-zum-Start-Brettspiel veranschaulicht.

Die 30-jährige Tochter serbischer Eltern thematisiert in ihrer Doku eigene Erfahrungen: Ihr Antrag auf die Ö-Staatsbürgerschaft wurde von der Wiener Einwanderungsbehörde MA 35 abgelehnt. Denn die Filmemacherin hatte während der vergangenen 15 Jahre 58 Tage zu viel im Ausland verbracht – wegen Urlauben in Serbien, ihres Studiums in Deutschland und Prag. Ihr zweiter, weitere Dokumentensammelei erfordernder Anlauf war erfolgreich. Allerdings kann sie offiziell erst Österreicherin werden, wenn Serbiens Behörden die erzwungene Rückgabe des dortigen Passes zeitgerecht bearbeiten. Sonst droht Staatenlosigkeit. Oder erneute Ablehnung, wenn polizeiliche Verwaltungsstrafen wie Fahren ohne Helm oder bei Rot über die Straße anfallen.

Der Titel des Films bezieht sich auf Kosanovićs Teilnahme an einer Puls4-Talkshow zu solchen Themen. In einem Online-Forum reagierte ein Ungustl namens “Desert Eagle” darauf mit der Maßregelung: „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner.“

Doch der Verweis auf die Spanische Hofreitschule als etwas genuin Österreichisches geht freilich ins Leere: Im slowenischen Gestüt Lipica wurden für die Zucht der weißen Pferde neben Arabern und Andalusiern auch italienische Hengste verwendet.

Diplomat Emil Brix bringt die finanziellen, sprachlichen, verwaltungsstrafrechtlichen u.a. Hürden auf dem Weg zur Staatsbürgerschaft in einem Interview auf den Punkt: Österreich verteidige deshalb so rigide seine Identität, weil es sich seiner selbst so wenig sicher sei. Nur Saudi-Arabien und die VAR haben weltweit ein strengeres Staatsbürgerschaftsrecht als Österreich; in Wien darf ein Drittel der Bevölkerung – darunter meine beiden Stiefkinder – nicht an Wahlen teilnehmen.

„22 Bahnen“ (Mia Maariel Meyer, D 2025) ****

Die Mathematikstudentin Tilda, die mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter und ihr jüngeren Schwester Ida in einer tristen Kleinstadt lebt, hält mit ihrer Fürsorge und Beständigkeit das prekäre Familienleben zusammen. Raum für sich selbst findet sie nur im Schwimmbad, wo sie stets 22 Längen schwimmt und (bei Regen) mit ihrer Herzensschwester badet. Als ihr eine Promotionsstelle in Berlin angeboten wird, die sich mit ihrem bisherigen Alltag kaum vereinbaren lässt, lehnt sie diese zunächst ab; die Vorstellung, mehr Raum für ein eigenes Leben zu gewinnen, setzt sich aber in ihrem Kopf fest.

Zunehmend wichtiger wird der unnahbar scheinenden Tilda, beeindruckend dargestellt von Luna Wedler, der ebenfalls schwimmbegeisterte Viktor. Er ist der ältere Bruder ihres früheren Freundes Ivan, der bei einem Autounfall ums Leben kam – wofür sich Tilda schuldig fühlt, weil sie Ivan am Abend vor der Fahrt zu einer Party mit Drogenkonsum animierte.

Der schnörkellose Film jenseits jeder Romantisierung ist eine gelungene Adaption des gleichnamigen Erfolgsromans von Caroline Wahl aus dem Jahr 2023. Im Jahr darauf erschien “Windstärke 17”, in dem Schwesterchen Ida im Mittelpunkt steht (und jüngst erschien bereits das nächste Buch der erst 30-Jährigen Autorin). Ob darin die im Film offen bleibende Frage geklärt wird, was aus der bei ihrer verantwortungslosen Mutter verbleibenden Ida wird, weiß ich nicht. Unserer Kinomittwochrunde kam das Ende der Handlung etwas zu schnell. Ging mir auch so, und außerdem blieben die Charaktere neben den beiden Schwestern – die suchtkranke Mutter und der mysteriöse Viktor – zu skizzenhaft. Dennoch ein Film, den ich spannend fand.

“Der Salzpfad” (Marianne Elliott, GB 2025) **

Das Beste an dieser Bestsellerverfilmung (Raynor Winn schildert darin ihre läuternde Küstenwanderung zusammen mit ihrem kranken Ehemann Moth) ist die faszinierende Natur an der englischen Südküste. Sie macht Lust auf eine ähnliche Erfahrung – und ich plane ja, im kommenden April den Camino Portugues entlang der portugiesischen Atlantikküste nach Santiago de Compostela zu gehen.
Anlass für die Tour der Winns ist deren Delogierung nach einem nicht näher erklärten geschäftlichen Fehlgriff von Moth. Für das Paar erweist sich die Wanderung als Flucht und Ausweg zugleich: Da die beiden keinerlei Aussicht auf eine neue Bleibe haben – eine Sozialwohnung würden sie erst in zwei Jahren bekommen –, machen sie sich kurzerhand auf den Weg rund um Cornwall: Dieser South West Coast Path bzw. Salzpfad löst kurz- und mittelfristig nicht das existenzielle Problem der Winns. Doch Bewegung ist besser als Stillstand und birgt zumindest die Hoffnung auf Veränderung, so die Philosophie der fast Mittellosen. Friede, Freude, Eierkuchen: Ray und Moth trotzen allen Widrigkeiten, letzterer erfährt eine deutliche Verbesserung seiner Parkinson-Erkrankung, das Pleite-Sein gerät gegenüber der auffrischenden Liebe in den Hintergrund… Das war mir dann doch zu platt, zu oberflächlich, trotz der beeindruckenden Landschaftsaufnahmen.

“Was uns verbindet” (Carine Tardieu, F/B 2024) ***

“Was uns verbindet”, war nach dem Ansehen dieses Melodrams der Pariserin Carine Tardieu offensichtlich: Kaum jemals diskutierten wir (diesmal 6) Mitglieder der Kinomittwochrunde so ausgiebig über einen Film. Und die Meinungen divergierten… Dazu später mehr.
Es geht um eine alleinstehende Buchhändlerin Mitte 50, Sandra (Valeria Bruni Tedeschi), die von einer Notsituation überrumpelt wird: Sie muss auf Elliott, den kleinen Sohn aus der Nachbarwohnung, aufpassen, denn das Elternpaar muss zur Entbindung ins Krankenhaus. Nachdem die Mutter bei der Geburt stirbt, entwickelt Sandra zu dem Jungen, dem verwitweten Vater und dem neugeborenen Mädchen eine zunehmend tiefe Bindung, wird für die Verbliebenen mehr als ein “Anhang” (frz. Originaltitel. “L’attachement”).
Der weitere Plot begleitet die Neukonsolidierung der Restfamilie, und es geschieht viel: Trauerbewältigung, Annäherungsversuche des Witwers Alex bei Sandra, Neuverheiratung von Alex mit einer Kinderärztin und Trennung von ihr, Einigung mit dem leiblichen Vater von Elliott… wobei die feministische Single-Frau Sandra etwas ins Hintertreffen gerät – als Attachement? “Ein unaufgeregtes Drama, das von überzeugenden Darstellern und liebevoll gezeichneten Figuren getragen wird”? Dem “Filmdienst” hat’s offenbar etwas besser gefallen als mir. Aber ja: eh nett. [Und vielleicht hat meine Zurückhaltung auch damit zu tun, dass ich am selben Abend noch Wenders’ großartigen Film über Sebastiao Salgado “Das Salz der Erde” (2014) sah…]
Und was sagten die Kinogefährt:innen? Tolle Dialoge, zu viele Handlungsfäden und Hauptfiguren, Trauerreaktionen berührend und nachvollziehbar, alterskluges Kind, frühreifes Baby, Männerentwicklungen nicht nachvollziehbar …
De gustibus non est disputandum / Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Kann man doch. Zumindest diskutieren.

“Ich will alles. Hildegard Knef” (Doku von Luzia Schmid, D 2025) ****

“Zum 100. Geburtstag der tollen deutschen Schauspielerin und Sängerin (1925–2002) kommt nun ein nicht ganz so tolles Porträt in die Kinos.” “Falter”-Filmkritiker Michael Omasta, mit dem ich öfter mal nicht einer Meinung bin, hat hier recht. Die Knef, erst Trümmerfrau, dann Schauspielerin und Chansonnette, zuletzt Bestsellerautorin und nicht erst als Krebskranke so was wie öffentliches Gut im “Bild”-Zeitungsdeutschland, war eine beeindruckende Frau. Die von ihr selbst getexteten Chansons (“Schlager” klänge zu oberflächlich) kenne und schätze ich schon lange: “Für mich soll’s rote Rosen regnen”, “Von nun an ging’s bergab” oder “Ich glaub’, ‘ne Dame werd’ ich nie” seien durchaus auch als “unverschämt autobiografisch” zu verstehen, sagt sie in der Doku von Luzia Schmid.
Und genau das beanstandet Herr Omasta: “Filmclips und Liedtexte werden auf ‘Biografisches’ abgeklopft – nichts sonst interessiert noch oder wird einmal erwähnt. So etwa ihre erstaunlich vielfältige Leinwandkarriere, die sie in den 1960ern auch in Großbritannien, Frankreich, Italien fortsetzte.” Mir missfiel, dass Knefs erste Ehe mit einem jüdischen US-Army-Angehörigen, die sie für 50 Jahre zur US-Bürgerin machte (was der Film verschweigt) nur am Rande erwähnt wird. Oder dass der Vater an Syphilis starb. Dass ihr Halbbruder, der Jazzmusiker Heinz Wulfestieg, 1978 jung unter ungeklärten Umständen verstarb. Dass sie die Dietrich und die Monroe gut kannte… Dafür kommt über Gebühr die Tochter Christina Antonia als Alleininterpretin der berühmten Mutter zu Wort.
Egal. Fesselnd in der Doku sind die sprachgewandt formulierten Interviewpassagen der Knef – und natürlich ihre Lieder. Ella Fitzgerald bezeichnete Hildegard Knef nicht umsonst als die „beste Sängerin ohne Stimme“.

„One to One: John & Yoko“ (Kevin Macdonald and Sam Rice-Edwards, US/GB 2024) ******

Für Beatles-Fans wie mich ein Must: „One to One: John & Yoko“ zeichnet die bewegte Ära Anfang der 1970er-Jahre nach, als der frisch von den Fab Four getrennte Lennon und seine Frau Yoko Ono in einem bescheidenen Apartment in Greenwich Village (NY) lebten. Kevin Macdonald und Sam Rice-Edwards montieren für ihre Doku-Collage verschiedenste Bild- und auch Tonaufnahmen (die Sean Lennon Ono zur Verfügung stellte) zu einem bunten Zeitkolorit: mit Konzertausschnitten der Plastic Ono Band, Interviews des berühmten Paares im TV u.a. bei Johnny Carsons Tonight Show, mit Szenen aus der US-amerikanischen Politik und dem damals wütenden Vietnam-Krieg, Auftritten von Gegenkultur-Größen wie Alan Ginsberg, Jerry Rubin oder A. J. Weberman, Kurzszenen aus Serien wie den Waltons – oder einfach mit Werbejingles, die John Lennon damals wohl auch regelmäßig sah. Denn das Fernsehen betrachtete er als Ersatz für das Kaminfeuer vergangener Tage und nutzte es intensiv. Die Regie konzipierte den Film so, als würde man ständig durch das US-TV-Programm der damaligen Zeit zappen.
Beeindruckend, wie politisch aktiv Lennon und Ono waren: Sie ergriffen das Wort und die Gitarre für einen wegen Marihuana-Besitzes zu zehn Jahren Haft verurteilten Dichter und gaben titelgebende „One to One“-Konzerte für unterversorgte, weggesperrte behinderte Kinder. „Yoko und ich versuchen, die Jugend aus ihrer Teilnahmslosigkeit zu reißen. Wir müssen ihnen den Glauben daran zurückgeben, dass wir etwas verändern können“, nahm Lennon in einem Interview Bezug auf die enttäuschend zu Ende gegangene Flower-Power-Bewegung der Hippie-Zeit.
Deutlich an Kontur gewann für mich die feministische Avantgarde-Künstlerin an Johns Seite. Ich gebe zu: Auch ich mochte die jahrelang gedisste, nervend schrill singende Yoko Ono (die, wie die Doku „Get Back“ zeigt, in den Abbey Road Studios an Johns Seite klebte) wegen ihres vermeintlichen Beitrags zum Zerfall der Beatles nicht, weiß es inzwischen aber besser. Die vier – und vor allem Lennon und Paul McCartney – hatten sich einfach auseinandergelebt, und alle Bandmitglieder, vor allem George Harrison und Ringo Starr, starteten gleich nach der Trennung höchst erfolgreiche Solo-Karrieren.
Wie kreativ auch John Lennon in dieser Zeit war, zeigen auch seine in der Doku plausibel mit Außeneinflüssen verwobenen Kompositionen: seine „Urschrei“-Therapie zeigt sich in „Mother“, zu hören sind die Demo-tauglichen „Give Peace a Chance“ und “Power to the People”, das visionäre „Imagine“ oder das einen Drogenentzug (der sonst in der Doku kein Thema ist) reflektierende „Cold Turkey“. Und diese Stimme – was für ein großartiger Musiker John Lennon doch war!
Ein Kuriosum schildert der Berliner “Tagesspiegel” in seiner Rezension: Einmal versucht John Lennon einen Musikjournalisten telefonisch zu erreichen und gerät an dessen Sekretärin. Er bittet um einen Rückruf und buchstabiert seinen Namen: „L-E-N-N-O-N“. „Oh, Sie gehören zu den Beatles?“, fragt die Sekretärin. Lennons Antwort: „Ja, das ist korrekt.“ Er war nach Amerika gekommen, um seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch den Beatles ist John Lennon bis zu seinem Tod nicht entkommen…