Wer auf Reisen geht wie zuletzt ich nordwärts, ist mit Gauß-Büchern immer gut bedient. Denn der 72-jährige Salzburger Essayist und Kritiker ist selbst ein Vielreisender, bevorzugt in jene Gegenden Europas, die der Blick westlich ausgerichteter Europäer:innen nur selten streift. In seinem neuen Band geht es um Erlebnisse auf dem Balkan – in Slowenien, Bosnien und ausgehend von meinem Geburtsort Bruck/Mur erneut nach SO-Europa bis hin nach Griechenland. In diesem vielfältigen, widersprüchlichen und konfliktträchtigen Kulturraum ist Gauß – Spross einer donauschwäbischen Familie – stets im Heute und Gestern unterwegs.
Im ersten Text spürt er dem Leben zweier bemerkenswerter slowenischer Frauen nach, “die beide einmal ebenso berühmt wie angefeindete Außenseiterinnen waren”, wie es in einer “Standard”-Rezension heißt. Ljuba Prenner, Anwältin und Schriftstellerin, setzte sich für politisch Verfolgte ein und kühn über Geschlechtergrenzen hinweg, indem sie in der Öffentlichkeit als Mann auftrat; die andere, die behindert geborene Alma M. Karlin, wurde in der Zwischenkriegszeit zur meistgelesenen deutschsprachigen Reiseschriftstellerin.
Besonders berührte mich der Text über Sarajevo, die im Vorjahr von mir bereiste Stadt, in der Gegensätze bis zum mörderischen Krieg in den 1990er-Jahren keine Rolle spielten. Das reizvolle Kulturgemisch – verkörpert durch den im Mai 2023 verstorbenen bosnischen Schriftsteller und Gauß-Freund Dževad Karahasan – ist teilweise bis heute spürbar, auch wenn das durch die Scharfschützen auf den Hügeln rund um die Stadt vergossene Blut unvergessen ist. Gauß besuchte auch das heute ethnisch geteilten Mostar. Das Wahrzeichen der Stadt, die wiederaufgebaute “Alte Brücke”, verbindet nicht mehr, sondern trennt muslimische Bosniaken und katholische Kroaten.