Jenny Erpenbeck, “Kairos”, Penguin 2021

Es war eine Premiere: Am berühmten Weimarer Nationaltheater sah ich im März eine dramatisierte Version von Erpenbecks mit dem britischen Booker Prize ausgezeichneten, von mir damals noch ungelesenen Roman “Kairos”. Ich schrieb darüber in einem früheren Blogeintrag. Dort ist auch der Inhalt des jetzt im Original gelesenen Werk skizziert, der sich von der Theaterversion allerdings in einigen Punkten unterscheidet. Die wechselseitige Faszination des hochgebildeten Autors und Redakteurs Hans und der blutjungen Ausbildungskandidatin für Gebrauchsgrafik Katharina schildert die 1967 in Ost-Berlin geborene Erpenbeck glaubhaft und oft berührend. Vor dem Hintergrund der letzten Jahre der DDR und deren Verschluckt-Werden als Teil der Bundesrepublik entwickelt sich jedoch eine toxische Beziehung mit Abhängigkeit von jeweils anderen, und bei Hans eine in ihrer Penetranz enervierende “Aufarbeitung” eines erotischen “Fehltritts” der 34 Jahre Jüngeren: Mehr als die Hälfte ihrer rund dreijährigen Liebschaft macht der alternde Schöngeist Katharina Vorwürfe wegen ihres unverzeihlichen Verrats an der gemeinsamen Liebe und auch an sich selbst, bespricht Tonbandkassetten, auf die Katharina mit selbstentblößender Ehrlichkeit zu antworten habe.
Warum diese der Eifersuchtsbeharrlichkeit von Hans nicht schon längst Grenzen setzt und damit dem Rat besorgter Eltern und Freund:innen folgt, bleibt unklar. Sie liebt ihn halt, könnte man sagen, aber wenn Liebe zu einem einengenden Korsett, ja Gefängnis wird, ist Ausbrechen ein Muss.
Ich hatte mal eine Beziehung zu einer in Ostberlin lebenden Künstlerin, deren kritisch-wehmütigen Rückblick auf die DDR ich nicht wirklich verstand. Erpenbecks “Kairos” macht im letzten Drittel des Romans plausibel, warum für DDR-Bürger:innen das Abstreifen der SED-Diktatur mit einer Quasi-Machtübernahme des kapitalistischen Westens verbunden war. Mit dem Mauerfall verbundene Hoffnungen auf ein neues, menschenfreundliches Kapitel des Sozialismus’ wurden nach 1991 rasch zerstört – vielleicht ein Mitgrund für die heutige AfD-Affinität Ostdeutschlands.

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