Ich las kürzlich einen Artikel über eine Autorin, die das Verfassen von Biografien von wem auch immer als Dienstleistung anbietet. Eine jener Fragen, die sie dabei regelmäßig stellt, sei jene nach den ersten Kindheitserinnerungen. Die fallen bei den allermeisten Personen in die Lebensphase zwischen 2 und 4 Jahren.
Ich weiß, dass ich als Dreijähriger zu einer Tagesmutter – Frau Josefine Dietz, von mir „Tante“ genannt – kam, weil meine alleinerziehende Mutter Hilfe bei meiner Betreuung brauchte, um ihrem Job als Schuhverkäuferin nachkommen zu können. An den ersten Besuch bei der reschen, schwarzer Pädagogik nicht abholden Pensionistin kann ich mich noch erinnern: Ihr Enkel Sigi hatte im Wohnzimmer eine Spielzeugeisenbahn aufgebaut, das faszinierte mich und ebnete wohl den Weg zu einer Vereinbarung mit Frau Dietz.
Noch davor eine sehr diffuse Erinnerung an eine Szene bei einer anderen Familie, die kurzzeitig meine Betreuung übernahm. Frau Strauß mokierte sich darüber, dass ihr Gatte, der „Onkel Karl“, seinen Kaffee immer (?) stehend am Küchentisch trank.
Und ein Drittes blieb mir im Gedächtnis, das ich zeitlich nicht genau einordnen kann – ich war jedenfalls auch noch sehr klein. Es betrifft meine Mutter, die sich abends in der Küche unserer winzigen Zweizimmerwohnung in der Innenstadt von Bruck/Mur mithilfe einer Lavoir wusch; Badezimmer gab es in der Wohnung keines, und auch die Toilette befand sich außerhalb der eigenen vier Wände. Ich sollte wohl schon schlafen, spähte aber durch die Glasscheiben in die Küche und sah meine Mutter. Die reinigungsbedingte Entblößung ihres Oberkörpers war offenbar so ungewöhnlich, dass mir die Szene in Erinnerung blieb.
So weit, so banal.
Biografisch wichtiger waren wohl die Besuche meines damals schon von meiner Mutter getrennten Vaters, der seinen beruflichen Aufstieg in Klagenfurt als bald österreichweit jüngster Forum-Kaufhausleiter begonnen hatte, in der oben genannten Wohnung in Bruck. Dass ich mich damals als wohlerzogener Bub mit Tischmanieren zu erweisen hatte, ist mir als Anspruch meiner Mutter noch Jahrzehnte später präsent. Und auch der große Teddybär, den mir Papa als Geschenk mitgebracht hatte. Der sitzt übrigens immer noch in Kapfenberg (wo ich diese Zeilen schreibe) auf dem „Bienenbett“; nur brummen, wenn man ihn nach hinten beugt, kann der Bär nicht mehr.