Zum vorgestrigen Eintrag über Familientabus ein kreativer Nachtrag:
Ein junger Mann verliebt sich. Er möchte seine Auserwählte zur Frau nehmen und fragt seinen Vater, zu dem er ein Vertrauensverhältnis hat, um Rat. Der erbleicht, als er erfährt, auf wen die Wahl des Sohnes fiel, und legt ein Veto ein: „Tut mir leid, eine Heirat ist unmöglich. Bei der Betreffenden handelt es sich nämlich um deine Schwester, aber deine Mama weiß nichts davon.“
Der junge Mann ist verzweifelt und vertraut seiner Mutter an, zu der er ein offenbar noch vertrauteres Verhältnis hat, welche Hindernisse der Vater für sein Liebesglück genannt hat.
Und jetzt kommt’s: Die Mutter lacht und meint: „Mach dir nichts draus. Dein Papa ist gar nicht dein Papa, aber er weiß nichts davon.“
Dieses Familiendrama, musikalisch garniert vom puerto-ricanischen Sänger und Schauspieler Shawn Elliot (1937-2016) in flockigem Calypso-Sound, wurde Mitte der 1960er unter dem Titel „Shame And Scandal In The Family“ zu einem Hit auch in Europa. In Österreich hielt er sich in der Weihnachtszeit 1965 ganze 4 Wochen an der Spitze der Hitparade, verdrängte „Satisfaction“ von den Stones und wurde dann wiederum von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher abgelöst.
Der heuer im März verstorbene Elliot sang dabei eine „verharmloste“ Version des Originaltitels von dem aus Trinidad stammenden Calypso-Sänger Sir Lancelot (1902-2001) aus dem Jahr 1943. Dort erfährt der Sohn nämlich über eine ganze Reihe von möglichen Heiratskandidatinnen: „This girl is your sister, but your mama don’t (sic!) know!“
„Kuckuckskind“ nennt man einen Sprössling, den die Mutter dem vermeintlichen Vater unterschiebt und ihn – im Unterschied zum leiblichen – zum Nährvater macht. Die Quote der Kuckuckskinder wird für Deutschland und Österreich auf 8 bis 10 Prozent geschätzt – ganz schön hoch eigentlich. Nicht umsonst hieß es im Alten Rom: Pater semper incertus.