Ich erwähnte die 21 Enkel meiner Großeltern Hans (1909-1989) und Resi (1911-1989), ihr erinnert Euch? Eines davon ist so gut wie verschwiegen, entstanden aus einem Fehltritt eines meiner Onkel. Er zahlte für seine mittlerweile längst erwachsene Tochter jahrelang brav Alimente, war jedoch offenbar nie an einem Kontakt zu ihr oder zur Mutter interessiert. Das ist mir reichlich unverständlich, denn ich kenne meinen Onkel, der lange Zeit mein präsentester männlicher Verwandter war, als warmherzigen Familienmenschen. Es gab Dutzende gemeinsame Ausflüge mit seiner damaligen Frau, seinen mit mir fast gleichaltrigen Kindern, mit meiner alleinerziehenden Mutter und mir. Bei einem Urlaub mit den Genannten küsste ich auf einem Campingplatz in Rovinj erstmals ein (deutsches) Mädchen (namens Marina), es gab viele gemeinsame Karten- und Gesellschaftsspiele, und auch im Studentenalter begleitete ich Onkel und Tante noch auf Bergwanderungen im Steirischen.
Der Onkel, seit kurzem 80 Jahre alt, war und ist ein Sanguiniker, genießt gutes Essen und Trinken, hat eine gestochen schöne Kalligraphie-Handschrift, mit der er Fotokalender voller selbst geschossener Bildern verziert und dann verschenkt, er versprüht Charme und war Flirts in jüngeren Jahren sicher nicht abgeneigt. Einer davon endete mit einer zumindest seinerseits ungewollten Schwanger- und dann Vaterschaft.
Als er 60 wurde, schrieb ich ihm eine Glückwunschkarte mit einem Dank dafür, dass er mir in vieler Hinsicht gezeigt hat und Vorbild darin war, wie das gehen kann – Vater sein. Damit war aber nicht sein (Nicht-)Agieren gegenüber seinem Tabukind gemeint, das zumindest eine späte Reue verdient hätte à la: „Ich war damals einfach nicht fähig, mehr als finanzielle Verantwortung für etwas zu übernehmen, das meinen Lebensplänen völlig widersprach. Dafür entschuldige ich mich, das war nicht in Ordnung. Und ich bitte dich, mir jetzt noch Gelegenheit zu geben, dich kennenzulernen, solange es nicht zu spät ist.“
Meine Psychotherapieausbildung ist zwar schon lange her, aber das weiß ich noch: Es lohnt sich, menschlich und psychohygienisch, Schmerz- oder Tabuzonen in der eigenen Biografie mutig in den Blick zu nehmen. Die Leichen im Keller verschwinden nicht durch Verschweigen, sie gehören aufgebahrt und dann begraben.