Am 31. März 1913 fand im großen Musikvereinssaal in Wien ein Orchesterkonzert statt, das einen der größten Skandale im Wiener Musikleben auslöste. Dirigent war der Komponist und Begründer der Zwölftonmusik Arnold Schönberg, der bereits mit den Uraufführungen seiner ersten Streichquartette und der Kammersymphonie op. 9 in den Jahren 1907 und 1908 für Skandale beim Wiener Publikum gesorgt hatte. Besonders sein 2. Streichquartett, das als ein Schlüsselwerk der atonalen Musik gilt, wurde vom Publikum mit Gelächter und Lärm quittiert.
Das Konzert von 1913 wurde vom Akademischen Verband für Literatur und Musik veranstaltet, einer Vereinigung von Studierenden, die besonders Musiker und Literaten der „Jungen Generation“ fördern wollte. Obmann war der 23jährige Erhard Buschbeck, der später bis 1960 eine wichtige Rolle als Dramaturg und stellvertretender Direktor im Wiener Burgtheater spielen sollte. Er wollte „Dinge tun, die in Wien sonst niemand macht”, u.a. jene Künstler einladen, die aufgrund ihrer neuen Musik angefeindet wurden. Wie Arnold Schönberg und dessen Schüler Anton von Webern und Alban Berg, von denen Kompositionen zum Besten gegeben werden sollten.
Die neuartige Musik polarisierte das Wiener Publikum derart, dass es einerseits demonstrativen Beifall von den Befürwortern gab, andererseits Pfiffe, Zischen und Lachen von den Gegnern. Es kam zu tumultartigen Szenen mit gegenseitigen Beschimpfungen und sogar Handgreiflichkeiten, die schließlich in einer Ohrfeige und dem Abbruch des Konzertes gipfelten. Die Watschen soll Erhard Buschbeck dem Arzt Viktor Albert verpasst haben. Die Kontrahenten gingen später auch vor Gericht, klagten einander wegen Ehrenbeleidigung und wurden schließlich beide zu einer Geldstrafe verurteilt. In der Presse und in der Wiener Öffentlichkeit wurden die Ereignisse des 31. März noch lange genüsslich ausgekostet; es wurde von der süffisanten Einschätzung berichtet, das Geräusch der Ohrfeige sei das bei weitem hörenswerteste des Abends gewesen.
Diese Geschichte des als „Watschenkonzert“ in die Geschichte eingegangenen Ereignisses war eines der Highlights bei meiner diesjährigen Geburtstagsführung durch die Wiener City, (wie im Vorjahr) kompetent und unterhaltsam angeleitet von Guide Wolfgang Reisinger. Beim bisher von den etwa 20 Teilnehmenden kaum jemals wahrgenommenen Alban-Berg-Denkmal zur Zwölftonmusik vor der Wiener Oper erzählte er auch eine andere passende Anekdote: War es Arnold Schönberg, der einmal sagte, seine Musik werde man erst in 50 Jahren verstehen, worauf die Replik eines Orchestermitglieds zu hören war: “Und warum müssen wir sie dann jetzt schon proben?”

Neu für mich war auch, dass der Komponist und katholische Priester Antonio Vivaldi in Wien Probleme wegen seiner Beziehung zur Sängerin Anna Girò bekam und auf einem Friedhof unter der heutigen TU am Karlsplatz begraben wurde. Oder dass Mozart besser Italienisch als Deutsch schreiben konnte, und dass ihm erst seine erfolgreichste Oper „Die Entführung aus dem Serail“ die Hochzeit mit seiner Constanze ermöglichte. Oder dass zu Beethovens Begräbnis in Wien 20.000 Trauernde kamen, bis zu zehn Prozent der damaligen Bevölkerung.
Meiner Bitte, nicht nur „Klassisches“, sondern auch moderne Wiener Musik in seine Ver-Führung einzubauen, entsprach Wolfgang mit Stopps vor dem Café Havelka (Danzer!), hinter der Peterskirche (Heller/Qualtinger) vor der Fledermaus (Bronner/Kreisler). Wen dies und noch viele spannende Details interessiert, dem/der sei ein Spaziergang mit Wolfgang Reisinger wärmstens empfohlen… zu meinem 68er ja vielleicht nächstes Jahr wieder gemeinsam.
PS: Ich bat die Eingeladenen um Musikstücke, die ihnen aus irgendeinem Grund besonders viel bedeuten. Die daraus gebildete “Musikbox” lade ich in einem eigenen Beitrag auf dieser Website hoch.
Wolfgang hat ein scheinbar unerschöpfliches Wissen und lässt einen so unterhaltsam teilhaben, dass man locker stundenlang zuhören und staunen kann. Es war einfach großartig!