„Vaterland“ (Paweł Pawlikowski, Pl/D/F/I 2026) ******

So eine filmische Aufarbeitung der Nachkriegszeit würde ich mir für Österreich auch wünschen: Dem polnischen Filmemacher Paweł Pawlikowski gelingt mit seinem in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichneten Thomas-Mann-Roadmovie ein beeindruckender Rückblick in Schwarzweiß auf das nach dem “heißen” nun vom Kalten Krieg gezeichnete, bereits geteilte Deutschland im Jahr 1949. Es ist ein Goethejahr, der Weimarer Klassiker wurde 1749 in Frankfurt geboren, und die Besatzungsmächte in diesen beiden Städten – die USA und die Sowjetunion – wollen sich mit dem vor den Nazis ins amerikanische Exil geflüchteten Nobelpreisträger zu diesem Anlass durch Ehrungen schmücken. Begleitet wird Thomas Mann auf seiner Fahrt von West nach Ost mit einem schwarzen Buick durch das immer noch kriegsversehrte Deutschland von seiner polyglotten Tochter Erika (über deren spannendes Leben ich heute viel nachlas), beide hinreißend dargestellt von Hanns Zischler und der “Jahresregentin” Sandra Hüller.
Und dann ist da auch noch Klaus Mann, gleich in der Anfangssequenz in einem Telefonat mit seiner innig geliebten Schwester Erika zu sehen. Sie will den in Frankreich Lebenden dafür gewinnen, auch bei der anstehenden Tour mit dem Vater dabei zu sein, doch Klaus (“Mephisto”) zieht nichts zurück nach Deutschland, das ihn so schlecht behandelt und vertrieben hat. Dass die Beziehung zwischen Thomas und Klaus Mann gestört ist, verdeutlicht sich, als nach der Ehrung in Frankfurt bekannt wird, dass sich Klaus das Leben nahm. Der damals 74-jährige Literaturstar reagiert darauf beinahe ungerührt und verweist gegenüber Erika auf dessen jahrelange Suizidgedanken und Drogensucht. Erika dagegen ist erschüttert und wirft dem Vater später in Weimar vor, sich hinter seiner wohlformulierten Schöngeistigkeit zu verstecken.
Ein Hauptthema des Films ist die Heimatlosigkeit, in die das NS-Regime Dichter und Denker wie Thomas Mann gestürzt hat. Er wohnte mit seiner Familie nach der Machtergreifung Hitlers erst in Frankreich, dann in der Schweiz, in Kalifornien und zuletzt wieder in der Schweiz. “Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir”, sagte Mann schon 1938 in einem Interview. Im Film hört man ihn sagen, “Heimat” sei ein komplexeres Thema als wechselnde Wohnorte. Und im Nachkriegsdeutschland – das erfährt man auch – wurden die Manns wegen ihrer Emigration angefeindet, manchen galten sie als Büttel der USA, anderen als “Stalins fünfte Kolonne”. Mann wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch Enkel des von Hitler geschätzten Richard Wagner, und Tochter Erika ohrfeigt in einer bemerkenswerten Szene des Films ihren Ex-Mann Gustav “Mephisto” Gründgens (Joachim Meyerhoff) wegen dessen Anpassungsbereitschaft im NZ-Regime. Auch der sowjetischen Umgarnung entzieht sich Mann.
Aber Entschiedenheit für Humanitas und Demokratie schafft noch keine Heimat. Berührend die Schlusssequenz des Films, als Thomas und Erika in einer verfallenen Kirche den Klängen des Chorals “Wohl mir, dass ich Jesum habe” als Orgelversion lauschen. Es ist von Johann Sebastian Bach, einer anderen unbestrittenen deutschen Kulturgröße, deren Musik Klaus Mann zuletzt als letzte ertrug. Vater und Tochter sitzen etwas verloren im leeren Kirchenraum, und Erika ergreift Thomas’ Hand, als diesem die Tränen kommen. Großes Kino!

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