Richard Powers, “Die Wurzeln des Lebens” (2018; Fischer TB 2024/5.) ****

“Der Hunger der Menschen lässt sich nicht stillen. Er lässt sich nicht einmal mindern. Schon ihn auf jetzigem Niveau zu halten ist mehr, als die Spezies sich leisten kann.” Diese Sätze auf Seite 592 des mit dem Pulitzer-Preis (2019) ausgezeichneten Romans von Richard Powers klingen wie ein Fazit nach dem davor ausführlich geschilderten Widerstand einer kleinen Gruppe von Umweltaktivisten gegen Raubrodungen in US-amerikanischen Primärwäldern. Geschützt durch Eigentumsrechte fallen auch jahrhundertealte Mammutbäume der Profitgier und der Naturignoranz der Holzindustrie zum Opfer.

Schöner Zufall: Einen der im Roman beschriebenen Baumriesen – eine Sequoia sempervirens – erblickte ich, während ich das Buch auf einer Radtour durch Flandern gerade las, im September in einem Park in Gent.

Powers legt seinen Text wie einen Baum an: Im Abschnitt “Wurzeln” stellt er die neun Protagonisten des Romans vor, deren Schicksale in den folgenden – “Stamm” und “Krone” – entfaltet und teilweise verquickt werden. Der kurze letzte Abschnitt “Samen” ist zugleich resignativ und hoffnungsvoll: Wie die oben genannte Aussage über die Unfähigkeit der Menschen zur Selbstbeschränkung begründet, scheitert der Versuch einer Minderheit, der Mehrheit den Wert der unwiederbringlich zerstörten Natur auch für das eigene Wohlbefinden zu vermitteln. Wobei: “unwiederbringlich”? Nein. Denn laut Powers’ Buch wird sich die Natur nach dem kollektiven Selbstmord der Spezies Mensch wieder erholen und neue, verblüffende Formen des Lebens ausbilden. Denn Bäume denken in anderen Zeiträumen als das gehetzte Menschengeschlecht. Die ältesten der im Roman so anschaulich geschilderten Urwaldriesen waren längst vor der Besiedelung Amerikas durch europäische Einwanderer schon groß, ja, stammen aus der Zeit Jesu.
Powers recherchierte enorm viel gerade über Bäume. Er verschränkt das Leben seiner Held:innen eng mit unterschiedlichen Arten dieser aus seiner Sicht völlig falsch eingeschätzten Lebensform. Wälder, so lernte auch ich bei der Lektüre, sind vernetzte Systeme voll von wechselseitiger Unterstützung. Es gibt noch ungemein viel über the secret life of plants zu erfahren. Wer Bäume liebt, wird auch dieses manchmal etwas ins Esoterische abgleitende Buch schätzen. Die neun Hauptpersonen bleiben demgegenüber in vielem blass, ihr Leben lückenhaft.
Ist die Welt, wie wir sie kennen, durch die vom Menschen verursachten Kipppunkte dem Untergang geweiht? Vieles von dem, was unsere Spezies in der verblüffend kurzen Zeit, da sie in der Erd- bzw. Evolutionsgeschichte auftauchte, angerichtet hat, lässt auch mich wenig optimistisch in die fernere Zukunft blicken – erst recht nach einem Rekordhitzesommer wie dem jüngsten. Adam, Psychologe und einer der scheiternden Helden des Romans, sagt einmal: “Wir können noch so gute Argumente haben, damit ändern wir die Einstellung der anderen nicht. Das Einzige, was so etwas kann, ist eine gute Geschichte.” Richard Powers’ Geschichte ist, so fürchte ich, dafür nicht gut genug.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *