Gute zwei Wochen auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago – das bedeutet täglich 20 km entlang des Atlantiks und danach durch galicische Landschaften mit viel körperlicher Beanspruchung, aber auch Dutzenden Begegnungen mit Pilgernden aus aller Welt und das Glück des Ankommens. Eine Erfahrung. Von Robert Mitscha-Eibl (DIE FURCHE, 13. August 2026)

„Ich bin dann mal weg.“ So lapidar beginnt und betitelt Hape Kerkeling den Bericht über seinen vor 25 Jahren – vom 9. Juni bis 20. Juli 2001 – durchgeführten Camino, den Jakobsweg von den französischen Pyrenäen nach Santiago de Compostela. Vor 20 Jahren erschien dieses vergnüglich zu lesende Buch des deutschen Comedy-Stars, das dann mehr als hundert Wochen lang auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste für Sachbücher stand. Es liest sich unprätentiöser als die davor von Paulo Coelho (1991) und Shirley MacLaine (2001) veröffentlichten Esoterik-Schwurbelei-Bestseller über den Jakobsweg. Und motivierte mich Jungpensionisten deutlich mehr, auch mal auf dem Camino zu wandern.
Am wohlsten fühlte ich mich “auf dem Holzweg”. Diesen Wortwitz konnte ich mir nicht verkneifen, wenn ich den Zuhause-Gebliebenen über die ersten Etappen der von mir gewählten Strecke nach Santiago berichtete. Ich wanderte nämlich nicht auf dem klassischen Camino Francés ab Saint-Jean-Pied-de Port, auf dem es knapp 800 km bis zum Ziel in Galicien sind. Ich begnügte mich im heurigen Frühjahr mit den rund 260 km des Camino Portugues, der ab Porto anfangs idyllisch und ohne nennenswerte Steigungen auf kilometerlangen Holzplankenwegen entlang des Atlantiks führt. Ich ging diesen Küstenweg, geleitet von gelben Pfeilen und der stilisierten Jakobsmuschel als Wegweiser, durch portugiesische Badeorte ebenso wie durch karg-sandige Naturschutzgebiete, vorbei an weißblühenden Calla-Lilien, Schmetterlingen und Eidechsen, bevor es spätestens ab der Überquerung des Grenzflusses Minho hügeliger wurde.
Elf Tage plante ich fürs Wandern ein, daran anschließend Kurzaufenthalte am Ziel- und auch wieder am Ausgangsort. Diese westlichste aller Camino-Varianten wird immer beliebter – und das nicht nur wegen der in zwei Wochen gut bewältigbaren Distanz. Im Jahr 2025 absolvierten rund 230.000 Pilgerinnen den etwa 800 km langen Camino Francés (bzw. Teile davon); dass der Start in Porto oder schon in Lissabon viele Reize bietet, wussten 181.000 Pilgerinnen zu schätzen – eine Steigerung von 20 Prozent gegenüber 2024. Und ich schreibe bewusst Pilgerinnen, denn 54 Prozent der am Ziel Registrierten sind weiblich.
Die Motivation von Pilgernden ist höchst unterschiedlich, heißt es immer. Selbsterfahrung, Naturerlebnis, Auszeit, sportlicher Ehrgeiz und spirituelle Vertiefung – ein Gemisch von all dem setzte auch mich in Bewegung. Wobei ich zugeben muss, dass ich mich – obwohl studierter Theologe – allem Religiösen etwas entfremdet fühlte, als ich meinen Rucksack packte. Aber vielleicht würde der tägliche äußere Aufbruch auch einen innerlichen anregen, dachte ich mir. Und nahm als einzige Lektüre eine Taschenbuchausgabe des Neuen Testaments mit auf die Reise. Den Text nur auf dem Handy abzurufen hätte dem Anspruch, möglichst wenig Gewicht mit mir herumzuschleppen, wohl noch besser genügt. Aber mein Vorsatz war ja auch, digitale Zerstreuung während des Camino auf das Notwendigste zu beschränken.
Zu den Vorbereitungen gehörten ausgedehnte Spaziergänge mit unterschiedlichem Schuhwerk, Gepäckreduktion bis auf das Allernötigste im Rucksack (der schließlich 7,5 kg wog), Tipps einholen in diversen Social-Media-Gruppen zum Camino, Festlegen der Etappen und Reservieren meiner Quartiere. Wie auch Hape Kerkeling wollte ich mir Einzelzimmer in Pensionen oder Hotels und damit den Luxus von Privatsphäre gönnen. Für Refugios und Hostels mit Stockbetten und Gemeinschaftsbad fühle ich mich zu alt. Gute Entscheidung.
Die Strecken würde ich im Nachhinein kürzer wählen. Gerade am Küstenweg sind 40.000-Schritte-Etappen zu ambitioniert, mehrmals kam ich zu müde am Tagesziel an, um mir dort noch viel anzuschauen. Dabei sind Vila do Conde, Viana do Costelo, die Oberstadt von Valenca, Tui und seine wunderbare Kathedrale oder Pontevedra sehenswerte “Perlen am Weg”. Viele wertvolle Tipps verdankte ich Ana, meiner Gastgeberin in Mindelo. Ihr kleines Gästehaus “On The Way” war so einladend, dass ich ihr beim wohlschmeckenden Frühstück sagte. “Ana, jetzt habe ich ein Problem schon am zweiten Tag meiner Reise: Der Aufenthalt bei dir ist so schön, dass es ab jetzt nur mehr schlechter werden kann.” Und ich sollte recht behalten…

Das Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele, sagt der erfahrene Pilger und KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder. Er war im Frühjahr drei Wochen lang am Fischerpfad in Südportugal unterwegs und empfand das mehrstündige tägliche Gehen als so etwas wie eine “Kur, heilsam auf körperlicher, mentaler und spiritueller Ebene”. Mir ging es auf dem Camino ähnlich: Die erfrischende Atlantikluft, das Freiheitsgefühl nach dem täglichen, “Seelenverkrustungen” minimierenden Aufbrechen, die wechselnden Land- und Ortschaften machten das Wandern zu einer wertvollen Form der Selbsterfahrung – trotz bald eintretender körperlicher Beschwerden.
Am Ziel in Santiago musste ich über ein T-Shirt mit dem Spruch “sin dolor no hay gloria” (dt.: ohne Schmerz kein Ruhm) schmunzeln. Wie wahr, hatte ich doch bereits am dritten Tag mit der größten Blase meines Lebens zu kämpfen, und war – um Druckschmerz am rechten Fuß zu vermeiden – schief aufgetreten und hatte beim Überknöcheln die Bänder im Sprunggelenk überdehnt. Die Schwellung blieb bis zum Ende der Reise ein Problem, das mich Stoßgebete in den Himmel schicken ließ. Aber Aufgeben kam keinesfalls in Frage.
Zudem überwogen die Goodies: die Freundlichkeit besonders der Portugiesen mit ihrem “Bom Caminho!”-Gruß, die ozeanische Kulinarik mit Sardinen, Bacalhau und Pulpo, das Rasten in kühlen Kirchen mit goldbestückten Altären und Azulejos, den bunt bemalten Keramikfliesen – und vor allem Gespräche mit Weggefährtinnen: Elena und Sami aus Kalifornien lernte ich in Anas Haus kennen und traf sie Tage später wieder; bei einer gemeinsamen Rast mit Erdbeeren und Oliven blödelten wir über Spionage – wofür die am King’s College London lehrende gebürtige Russin Lena eine Expertin ist; Susanne, Sozialarbeiterin aus Holland, berichtete von ihrem Wunsch, mal nicht etwas für renitente Schüler, sondern für sich selbst etwas zu tun; Ruth und Janet aus UK sangen den alten Hit “Is This the Way to Amarillo?“ von Tony Christie mit Santiago statt der texanischen Stadt nach; und vor allem Carina aus Dortmund – sie lieh mir zwei Tage lang ihre Stöcke, um meinen lädierten Fuß zu schonen: allesamt weit über Small Talk hinausgehende Begegnungen. Und ich empfand es als eine glückliche Fügung, dass ich sie alle, obwohl mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und je eigenen Unterkünften unterwegs, in Santiago wieder traf – was in der verwinkelten 100.000 Einwohner-Stadt mit der weltweit größten Rucksackdichte alles andere als selbstverständlich ist.

Pilgern nach dem Motto “der Weg ist das Ziel” kann man sicher überall. Warum ein “erfundenes” Apostelgrab – dass Jakobus jemals in Hispanien war, ist umstritten, mehr noch die Überführung seiner sterblichen Überreste dorthin – über Jahrhunderte hinweg ein so bedeutendes Pilgerziel wurde, erschließt sich mir bis jetzt nicht. Bei Ferdinand Kaineder, der von seinem Heim in Oberösterreich nach Assisi ging und viele weitere Pilgerwege in ganz Europa “bewanderte”, löst der Camino de Santiago “keinen Magnetismus aus”, wie er sagt. Zu unsympathisch seien ihm die antimuslimische Vereinnahmung im Mittelalter (siehe Kasten) und die Kommerzialisierung bzw. Überfüllung heute. Kann ich gut nachvollziehen.
Was freilich Santiago so besonders macht, ist das Ankommen dort. Auf dem gepflasterten Obradoiro-Platz vor der barocken Kathedrale treffen sich symbolisch die Pilgerwege aus allen Windrichtungen. Der Platz ist Schauplatz von Freudenszenen mit Umarmungen und Glückwünschen, von Selfies und Sich-Ausruhen. Das Glück, anzukommen, es geschafft zu haben, schmälern auch pflasterverklebte Füße mit Schrammen, Schrunden und Blasen nicht. Und es ist wichtiger als die Pilgerurkunde, die alle für ihren mit mindestens zwei Stempeln täglich bestückten Camino-Pass im Pilgerbüro bekommen.
“Nicht wenige der Menschen auf dem Jakobsweg pilgern mit schwerem Gepäck”, teilt Michael Altmaier, zuständig für die deutschsprachige Seelsorge in Santiago, mit: “Sie haben den Verlust geliebter Menschen oder das Scheitern von Beziehungen erlebt. Lebenspläne und Träume gingen in die Brüche, sie sind von Krankheiten gezeichnet oder sie haben ihren Job verloren.” Oft seien Wendepunkte im Leben Anlass, um die großen Sinnfragen neu zu stellen, weiß Altmaier aus Gesprächen mit Angekommenen.
Ankommen auch bei Gott? Leo Führer, Pilgerbeauftragter der Erzdiözese Wien, berichtet von Umfragen, wonach die religiöse Ansprechbarkeit durch den Jakobsweg auch bei davor diesbezüglich “unmusikalischen” Leuten deutlich anwächst. Hape Kerkeling, laut seinem Bestseller “eine Art Buddhist mit christlichem Überbau”, wurde durch die Verheißung motiviert, “durch die Pilgerschaft zu Gott und damit auch zu mir zu finden“. Der Comedian berichtet von bewusstem “Sich-Leer-machen”, einem Tränenausbruch und intensiven spirituellen Erlebnis, das er weder in Worte fassen könne noch wolle. Jahre später sagte er in einem Interview über den Camino, er habe dadurch wieder zu dem kindlichen Glauben zurückgefunden, den ihm schon seine Oma nahegebracht hatte. Das sei eine Ressource, auf die er immer wieder zurückgreife.
Und ich selbst? Ich betete mehr als in den Jahren zuvor, sang Donna nobis pacem in Kirchen. Und auch ich erlebte tief emotionale, beglückende Momente von Angenommen-sein, Dankbarkeit und Vertrauen in das Leben – Erfahrungen, die mehr als jedes Bekennen von Glaubenssätzen die Grundpfeiler von Religiosität bilden und mich meine wundgelaufenen Füße vergessen ließen.
KASTEN 1: Eine Legende stand am Anfang
Warum Santiago neben Rom und Jerusalem zum wichtigsten christlichen Wallfahrtsziel wurde, hat vor allem religionspolitische Gründe. Der Legende nach wurden im 9. Jhd. die Gebeine des Apostels Jakobus des Älteren, der im Neuen Testament eine Nebenrolle spielt, nach Asturien, dem christlichen Teil der ansonsten muslimischen iberischen Halbinsel (= al-Andalus) überführt. Die angebliche Grabstätte wurde bald zum Wallfahrtsziel, 1047 erfolgte die erste urkundliche Erwähnung des Jakobsweges. Ablasshandel und Heilige Jahre verstärkten im Mittelalter die Bedeutung weiter. Der in Jerusalem hingerichtete Apostel Jakobus wurde als vermeintlicher Missionar Hispaniens zur Leitfigur der Reconquista und nach einer Krise des Pilgerwesens in der frühen Neuzeit auch vom faschistischen Franco-Regime als Nationalheiliger und “Matamaros” (Maurentöter) instrumentalisiert.
Besuche von Johannes Paul II. sowie die Ernennung des Jakobswegs 1987 zum ersten europäischen Kulturweg lösten einen Wallfahrtsboom aus. Wurden damals noch 3.000 Pilger pro Jahr registriert, sind es heute eine halbe Million. Die strukturschwachen Regionen Nordspaniens profitieren heute enorm vom damit einhergehenden Tourismus.
KASTEN 2 Wie viele, woher, warum?
2025 erreichten laut dem Pilgerbüro in Santiago insgesamt 531.000 registrierte Pilger:innen auf den Jakobswegen ihr Ziel. 2015 waren es noch 262.000, 2005 pilgerten 93.000. Zuletzt entfielen knapp 46% auf den Camino Francés, den Weg aus Portugal bevorzugten 36% (17% gingen den Küstenweg). Bei den Herkunftsländern liegt wenig überraschend Spanien mit 43% voran, dahinter folgen die USA (8,3%), Italien (5) und Deutschland (4,6). Aus Österreich reisten 2.535 Pilgernde an, also nicht einmal 0,5%. Und Frauen sind wanderfreudiger: Sie schafften 53% aller Zielankünfte, viele davon allein wandernd, denn der Camino gilt als sehr sicher. Das meiste Gewusel gibt es im Mai und September, also abseits des Hochsommers.
Dass laut Pilgerbüro 44% der Wandernden eine religiös Motivation angeben, ist mit Vorsicht zu genießen. Unreligiöse suchen das Büro womöglich gar nicht auf oder lassen sich nicht registrieren. Wie viele “Turigrinos” – so nennen Spanier Touristenpilger etwas abfällig – nach Santiago kommen, ist unbekannt. Aber Beobachtungen vor Ort zeigen: Der Anteil jener, die den Weg bequem mit E-Bikes abfahren und ihre Hartschalenkoffer derweil von Unterkunft zu Unterkunft transportieren lassen, steigt.
Weltweit gibt es freilich Wallfahrten, die in ganz andere Größenordnungen vorstoßen als alles, was man aus Europa kennt. Zum alle 12 Jahre stattfindenden Kumbh Mela, dem hinduistischen „Fest des Kruges“, wurden 2025 400 Millionen Pilger erwartet. Es gilt als das weltgrößte religiöse Fest. Nicht der Haddsch nach Mekka mit jährlich rund 2 Mio. Pilgern bewegt die meisten muslimischen Gläubigen, sondern die schiitische Al-Arba‘in-Pilgerfahrt nach Kerbala im Irak mit zuletzt 20 Millionen.
Und die größte katholische Einzelwallfahrt ist jene zur Jungfrau von Guadalupe in Mexiko-Stadt mit mehr als 10 Mio. Teilnehmenden. Im Heiligen Jahr 2025 besuchten 33,4 Millionen Menschen Rom – ob als Pilger oder Touristen, sei dahingestellt.