Gedanken zu einem Rekordsommer

Es ist Mitte August, zwei Tage vor Ferragosto. Ich sitze bei strahlendem Wetter zuhause vor dem Laptop und gehe nicht hinaus, nichtmal auf die Terrasse. Und solche Tage gab es heuer schon viele. Hundstage nannte man das früher, wenn die Temperaturen auch nachts nicht auf eine für den erholsamen Schlaf angenehme Marke sinken. Der Rekordsommer 2026 brachte in Österreich verbreitet extreme Hitzetage mit bis zu 14 aufeinanderfolgenden Tagen über 30°C, darunter neue Allzeit-Rekorde und flächendeckende Temperaturen nahe oder über 40°C. In Ostösterreich herrscht eine Dürre, die Ernteausfälle und Unkosten in einer Höhe von 1 Mrd. Euro bewirkt.
Ich bin mit 66 Jahren alt genug, um den Klimawandel deutlich zu spüren. In meiner Schulzeit freuten wir uns über die gar nicht selbstverständlichen Hitzetage, anhaltendes Hochdruckwetter wurde immer wieder durch Gewitter unterbrochen. Kein Mensch redete von nach Mitteleuropa strömender Sahara-Luft, und der niederländische Showmaster Rudi Carell landete einen Hit mit “Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?”.
Die erste Rekordhitze traf uns schon im Juni, es war – nona – der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach einem bis auf die letzte Woche erträglichen Juli begann die zweite Hitzewelle, die mit 41,5°C einen neuen Rekordwert für Österreich erbrachte. Der Ort liegt nahe bei Wien, und da nimmt es nicht Wunder, dass Wien bisher schon 30 Tropennächte verzeichnete, in denen die Temperatur nicht unter 20°C sank. Claudia und ich schlafen nur mit leichten, saugfähigen Tüchern statt mit Decken – schwitzten dennoch häufig und schiefen schlecht. Wir bespritzen die Betonkacheln auf der Terrasse, um die am Morgen heftig einsetzende Erwärmung etwas zu verlangsamen.

Die Sonne – und unser Tanz auf dem Vulkan

Die Politik in Österreich hatte den Klimaschutz spätestens mit der Corona-Epidemie hintangestellt. In Umfragen rangierten die Teuerung oder Zuwanderung/Asyl weit davor – bevor die große Hitze kam. “Klimaschutz ist wie ein Fitnessstudio-Abo: Eines der ersten Dinge, die ich kündige, wenn es finanziell eng ist”, gab der Kärntner Landeshauptmann Daniel Fellner heute in einem Standard-Interview zu. Dabei ist Kärnten eines jener Bundesländer, die beim Umstieg auf erneuerbare Energiequellen bremsen. Windräder sind wenig gelitten, gänzlich unerwünscht gar in Vorarlberg, Tirol und Salzburg. Der Bau von Photovoltaikanlagen boomt zwar, aber der Plafond ist längst nicht erreicht, zumal die Kapazitäten der Stromleitungen nicht ausreicht. Da wurde die Entwicklung verschlafen. Und immer noch ist Kerosin steuerlich privilegiert, obwohl der Flugverkehr ein wesentlicher Faktor des Treibhauseffektes ist. Weitere Klimaschädlinge sind die hierzulande enorme Bodenversiegelung, unzureichende Gebäudedämmung bzw. -bepflanzung und die Macht, die die Politik der Autolobby einräumt. Seit die Grünen nicht mehr in der Regierung sind, fehlt es an einer ambitionierten Wende in der Klimapolitik. Sicher, die anderen Parteien sind allesamt “grüner” geworden, aber das sehr halbherzig und inkonsequent, und mit einem Bauernbund-Knecht als Landwirtschafts- und Umweltminister wird sich das auch nicht ändern.
Die eigenen Beiträge zu Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wie viel Rad- und wenig Autofahren (der Renault Captur ist zehn Jahre alt und hat noch keine 100.000 km am Buckel), Mülltrennung, Bio-Lebensmittel u.a. sind insgesamt ein Tropfen auf den heißen Stein, buchstäblich.
Die Politik streitet aktuell über Hilfspakete für die Landwirtschaft, kaum thematisiert wird, wie wichtig der Kampf gegen die Ursachen der aktuellen Krise ist. “Das ist eine Ignoranz den kommenden Generationen gegenüber”, beklagt Christoph Schweifer auf Facebook. Claudia und ich werden noch einige Rekordsommer erleben. Meine Söhne und ihre Familien aber noch viel mehr. Und womöglich die damit verbundenen Migrationsbewegungen, weil Teile der Welt verwüsten oder überschwemmt werden. Und Missernten, Waldbrände, Wetterextreme werden Regelfall statt Ausnahme sein. Ich habe Angst, dass wir das Ruder nicht rechtzeitig herumreißen. Dafür wäre ein globaler Schulterschluss notwendig. Der ist – angesichts von rechtspopulistischer Politik, aufgeblühtem Nationalismus à la America first und der Macht multinationaler Konzerne aktuell so weit entfernt wie schon lange nicht.

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