„In 50 Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an.“ Eine bessere Kritik als jene nach dem Erscheinen von Wolfgang Herrndorfs “Jugendroman” 2010 kann man sich kaum vorstellen. Vier Jahre später war die dramatisierte Version des literarischen “Roadmovies” zweier 14-Jähriger das meistgespielte Stück auf Deutschlands Bühnen.
Ich hatte das Buch also schon länger im Visier, las heute die 2018 in 70. Auflage erschienene Taschenbuchausgabe fertig. Und ich bin beeindruckt. Und etwas gerührt von dem Ausreißen zweier Außenseiter im Sommer nach der 8. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Der Erzähler ist Maik, der aus einem begüterten, wenn auch bröckelndem Elternhaus stammt und sich für einen Langweiler hält, weshalb es nur folgerichtig ist, dass sich die Klassenschönheit Tatjana nicht für ihn zu interessieren scheint. Anfangs gar nicht sympathisch ist Maik der erst später zur Klasse gestoßene Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, der aus einer aus Russland zugesiedelten Asi-Familie und damit ärmlichen Verhältnissen stammt. Er lädt den von seinen Eltern alleingelassenen Maik zu einer Spritztour mit einem gestohlenen Lada ein. Es soll nach Süden gehen, in die Walachei zu Tschicks Großvater, auch wenn die beiden keine Ahnung haben, wie sie dort hinkommen.
Dass dieses Unterfangen schiefgeht, wird schon beim Einstieg klar – als Maik in einem Polizeiverhör über die schrägen Erlebnisse der beiden erzählt. Und schon allein wie Herrndorf den Tonfall der Teenager wiedergibt, wie stimmig und authentisch die Sprache der Protagonisten ist, lohnt die Lektüre. Gut, die letztlich in der Provinz Ostdeutschlands verbliebene Route führt im Verlauf der Reise zu Abenteuern, die reichlich skurril wirken. Aber der vielseitige Autor – Herrndorf war auch Maler und Illustrator u.a. für Titanic – fängt am Ende die ausufernde Story wieder gut ein und bringt sie zu einem stimmigen Ende, das schmunzeln macht.
Ob ich meinem bald 14-jährigen Enkelsohn das Buch zur Lektüre empfehlen würde? Unbedingt. Aber vielleicht besser erst in zwei Jahren. Jetzt ist er noch zu unbedarft.