Eine DER Menschheitserzählungen in Kinobilder zu gießen ist ein Wagnis, zumal in dem Homerischen Epos über den verhinderten Heimkehrer aus dem Trojanischen Krieg einiges vorkommt, was schnell peinlich werden könnte. Der Kampf mit dem einäugigen Poseidon-Sprössling Polyphem z.B. Aber der Batman-erprobte UK/US-Regisseur Christopher Nolan schafft es bildgewaltig, aus dem fast 300 Jahre alten Stoff ein Antikriegsdrama zu weben, das auch für die Gegenwart höchst relevant ist. Für den “Standard” schon jetzt und trotz Kritik “das Kinoereignis des Jahres”.
Anfangs trägt Rapper Travis Scott als Barde Phemios vor den schmarotzenden Freiern Penelopes das Heldenlied des nach fast 20 Jahren immer noch abwesenden Odysseus (Matt Damon) vor, dessen List mit dem trojanischen Pferd den Kampf um Troja entschied. Dieser Sieg wird im Verlauf des 172-Minuten-Films von allem Glanz entkleidet, vielmehr als eine Art “Ursünde, die das Elend in die Welt gebracht hat” (“Filmdienst) dargestellt bzw. vom reflexionsbereiten Odysseus als solche erkannt. In Ithaka und Sparta raunt man vom Verderben, das die „Völker des Meeres“ bringen werden. Der größte Held des trojanischen Krieges aber weiß: Sie selbst sind die Barbaren, deren Namen man voller Angst auf den Inseln der Ägäis wispert. Heerführer Agamemnon u.a. Kriegslüstlinge treten ein Verderben los – und auch ihr eigenes.
Nolan- und Antike-Fans werfen dem Regisseur Verrat an der Vorlage vor. Aber wozu sollte man ein 800 Jahre v.Chr. verfasstes Stück Weltliteratur aufgreifen, wenn nicht um Brücken zum Heute zu schlagen?
Matt Damon, inzwischen knackig durchtrainierte 55, ist ebenso eine gute Besetzung wie Anne Hathaway (43) als ausharrende Penelope, die den Titelhelden 7 Jahre lang als Kalypso seine Heimkehrsehnsucht vergessen lassende Charlize Theron, Lupita Nyong’o als vom Krieg um sie verunstaltete schöne Helena (dass die schönste Frau der Antike schwarze Haut haben sollte, missfiel Elon Musk) oder Robert Pattinson als für den Königsthron intriGIERenden falschen Hund Antinoos.
Ich sah “Die Odyssee” gemeinsam mit meinem reckenhaft aussehenden mittleren Sohn im Votivkino. Die beeindruckenden Bilder und Szenerien hätten sich aber wohl die große Leinwand im Gartenbau verdient.