Eines der Vorhaben in meiner 2025 begonnenen Rente: Klassiker der Weltliteratur lesen. Und Nabokovs “Lolita” stand seit langem in meinem Bücherregal, bis mich eine Best-of-Liste im Internet motivierte, das Buch endlich zur Hand zu nehmen. Eigentlich schreckt mich das Thema ja ab: Ein mittelalterlicher Mann steht auf “Nymphchen”, also Mädchen rund um die Geschlechtsreife – für den aus Europa stammenden, umfassend gebildeten Literaturdozenten Humbert Humbert idealtypisch personifiziert in der anfangs 12-jährigen Dolores Haze, die er im Haus seiner Vermieterin Charlotte Haze erblickt und von ihr sofort fasziniert ist. Eine Konstellation, die mir als einem, der stets Liebe auf Augenhöhe suchte, sehr fremd ist.
Dieser Humbert mietet sich also bei der Mutter seiner obsessiv Angebeteten ein, wird Charlottes Ehemann und nach deren Unfalltod – ein Glücksfall für Humbert – zum Witwer und Vormund Lolitas, wie er Dolores bevorzugt nennt. Die beiden beginnen eine zweijährige, später durch einige Monate an einer Mädchenschule unterbrochene Autoreise quer durch die USA. Es kommt zu regelmäßigem Sex zwischen dem obsessiv liebenden 40-Jährigen und seinem missbrauchten, wenn auch frühreifen Gör, das sich seine “Dienstleistungen” mit Geschenken abgelten lässt und Humbert immer deutlicher Abneigung spüren lässt.
Lolita hintergeht ihren “Pappi” und nutzt schließlich dessen Krankheit zur Flucht – um sich in eine neue Abhängigkeit von Q, einem anderen Fiesling, zu begeben. Humberts Suche nach den beiden führt zu nichts, nach drei Jahren erreicht ihn ein Brief der inzwischen (mit einem anderen) verheirateten und schwangeren Lolita mit der Bitte um Geld. Humbert bringt ihr einen größeren Betrag bei einem Besuch in ihrem heruntergekommenen Zuhause und erkennt, was der damalige Fluchthelfer als seiner immer noch großen Liebe gemacht hat. Trotz ihrer widrigen Lebensumstände schlägt Lolita Humberts Angebot einer gemeinsamen Zukunft aus.
Dieser nimmt – auf Rache sinnend – die Spur von Q auf, der Lolita fallen ließ, als sie pornografische Filmaufnahmen verweigerte, und erschießt ihn nach einer skurrilen Auseinandersetzung. Seine Aufzeichnungen schreibt Humbert als Häftling in Erwartung seines Mordprozesses, er erliegt davor jedoch einer Herzkrankheit. Und auch für Lolita endet es nicht gut, wie aus dem Vorwort (besser nachher lesen) eines fiktionalen Herausgebers hervorgeht.
Nabokovs Anfang der 1950er Jahre auf Englisch geschriebener Roman wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, was dieser 1956 in seinem Nachwort lakonisch kommentiert: Inzestuöse Beziehungen seien in den USA ähnlich tabuisiert wie Beschreibungen glücklicher Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß und des geglückten Lebens eines Atheisten. Und Nabokov führt darin auch pointiert und überzeugend aus, warum “Lolita” eben KEIN pornografisches Buch sei (Tatsächlich gibt es im Text wenig Explizites, dafür viel sprachlich virtuos Angedeutetes). Und an gleicher Stelle schreibt Nabokov: “Es gibt sanfte Seelen, die Lolita als bedeutungslos bezeichnen würden, weil es ihnen keine Lehre erteilt. Ich lese und schreibe keine didaktische Prosa…”, ihm gehe es vorrangig um das, “was ich rundheraus ästhetisches Vergnügen nennen möchte”. Und dieses Vergnügen wurde auch mir als Leser zuteil, allen inhaltlichen Vorbehalten zum Trotz.