Wo und was ist Heimat?

Ich lebe seit mehr als 40 Jahren im Raum Wien. Aber wenn mich jemand als Wiener tituliert, spießt sich etwas in mir. Es erscheint mir nicht stimmig. Ich „oute“ mich dann oft als „Zuagraster“ – also einer, der aus der Provinz in die Bundeshauptstadt übersiedelte. Was wiederum eh typisch für Wiener Biografien ist und schon in der Zeit war, als Wien das Zentrum einer Monarchie von Weltrang war. Familiennamen wie Vranitzky, Busek, Sinowatz oder aus jüngerer Zeit Zadic, Doskozil und Vilimsky zeugen von Herkünften jenseits der hier vorherrschenden Muttersprache Deutsch – wie übrigens auch der „angeheiratete“ erste Teil meines Familiennamens.
Bin ich also eher Steirer, als einer, der in Bruck an der Mur geboren wurde und dort zehn Jahre mit seiner alleinerziehenden Mutter lebte, danach in Kapfenberg ins Gymnasium ging und in Graz studierte? Hm, so prägend die Zeit meiner Kindheit und Jugend auch war, aber nach 40-jährigem Lebensmittelpunkt woanders erscheint mir auch das unpassend.
Also Österreicher? Ja, wenngleich mir als typisch österreichisch geltende Attribute wie veränderungsängstlich, fremdenskeptisch und scheinfreundlich wenig sympathisch sind.
Mich als Europäer zu identifizieren dagegen finde ich sehr passend. Nicht zufällig wählte ich als URL-Ende meiner Website .eu, als Hinweis auf Europa. Immerhin habe ich von den 46 Staaten des Kontinents bis auf Andorra, San Marino, Belarus, Nordmazedonien und Russland alle zumindest einmal besucht und empfinde Zugehörigkeit aus Asien, Afrika oder Amerika kommend schon beim Überfliegen der Kontinentalgrenzen. Und gerade jetzt, angesichts des offenkundigen Bedeutungsverlustes Europas infolge der aggressiven Hegemonialpolitik der USA, Chinas und Russlands, hege ich Hoffnungen auf die Einsicht in möglichst vielen Nationalstaaten, dass es eines entschiedeneren Zusammenhalts der Europäer:innen bedarf, um supranationale Interessen wahrzunehmen.

Wien, meine Heimat? Nun, ganz verkehrt ist das nach 40 Jahren ja nicht…

Müsste ich dieses geografisch definierte Heimatgefühl nach emotionaler Nähe reihen, dann würde ich 1.) Österreicher nennen, dann 2.) Europäer, 3.) Steirer und 4.) Wiener.
Nicht zu Unrecht wird oft zum Thema angemerkt, dass Heimat untrennbar mit bestimmten Menschen verbunden ist. Dass mir somit meine Frau, meine Eltern und Geschwister, meine Söhne und deren Familien, aber auch nahe Freund:innen „Heimat“ sind. Stimmt natürlich, aber das ist ein wenig so wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Wenn ich Heimat im engeren Sinn als Ort/Raum verstehe, gilt das oben Gesagte.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *