Ausstellung „Gothic Modern“, Albertina, 5.11.2025 ******

„Gothic Modern“: Der Titel der großen Herbstausstellung der Albertina drückt (neben der auf den Tourismus ausgerichteten Internationalisierung) die Begegnung zweier Kunstepochen bzw. Zeitalter aus. Meisterwerke vom Symbolismus bis Expressionismus mit dem Schwerpunkt auf Kollwitz, Modersohn-Becker, Munch und Beckmann werden neben Arbeiten des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit (Dürer, Holbein, Cranach oder „Grien“) gehängt. Dabei wird veranschaulicht, dass sich die „Modernen“ hinsichtlich Themenwahl und auch Technik vielfach an den Vorbildern der Gotik orientierten, die rund um die Jahrhundertwende hoch im Kurs war.

Spannende war der Vergleich mit der aktuellen Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ im Künstlerhaus, in der die Distanzierung von christlich-religiösen Sujets in der zeitgenössischen Kunst noch viel deutlicher zum Ausdruck kommt. Wobei sich auch z.B. in Edvard Munchs nackt-verführerischer „Madonna“ oder in säkularisierten Pietà-Darstellungen eine Distanzierung von traditionellen Deutungen zeigt. Der Be-Deutungsverlust des Christlichen innerhalb von zwei, drei Generationen ist offenkundig.

Faszinierend fand ich in „Gothic Modern“ die Exponate vieler weiblicher Kunstschaffenden. Großartig etwa die Blätter von Käthe Kollwitz, von denen die Albertina viele besitzt, oder die Gemälde von Paula Modersohn-Becker und von der Finnin Helene Schjerfbeck (von der ich noch nie gehört hatte). Lange stand ich auch vor einer Kopie von Hans Holbein d.J., „Der tote Christus im Grab“, dessen Original ich schon mal in einem Adventmail am Heiligen Abend aufgriff. Und spannend zu lesen, dass Matthias Grünewalds Isenheimer Altar, den ich in Colmar anbetete, auch für viele Künstler:innen rund um 1900 zur Pilgerstätte wurde.

Dieses ungeschönte Todesbildnis des Gekreuzigten faszinierte Generationen von Künstlern – und mich!

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