Was „Es ist alles sehr kompliziert“ für Fred Sinowatz und „Wer Visionen hat, braucht einen Arzt“ für Franz Vranitzky, war „Lernen Sie Geschichte, Herr Reporter!“ für deren Vorgänger Bruno Kreisky: ein Zitat, das vielleicht gerade deshalb zum geflügelten Wort wurde, weil es so gut zur Persönlichkeit des Sprechenden passte.
Bruno Kreisky löste 1967 einen anderen Bruno, Pittermann, als SPÖ-Parteichef ab und wurde 1970 Bundeskanzler. Die Belehrung des ORF-Journalisten (und SPÖ-Mannes) Ulrich Brunner vor laufender Kamera fiel in seine Spätzeit als Politiker. Thema beim Pressefoyer am 24. Februar 1981 war der AKH-Bauskandal. Kreisky sah im Vorgehen der oppositionellen ÖVP die Gefahr, die Lagerbildungen der 1930er Jahre könnten sich wiederholen. Brunner stellte dies infrage: „Wir leben doch heute in einer ganz anderen politischen Situation.“ Für den mürrischen Kanzler eine Majestätsbeleidigung und Anlass zu: „Lernen Sie Geschichte, Herr Reporter!“
Das Publikum der „Zeit im Bild“, in der das Interview abends ausgestrahlt wurde, quittierte freche Fragen an den Kanzler fast immer mit Tadel für die unbotmäßigen Journalisten. Am 24.2.1981 war das anders. Es gab mehr als 100 Anrufe, die große Mehrheit eindeutig gegen Kreisky. Das Publikum hatte ein feines Gespür dafür, dass der brummelnde Grantler hier die Grenzen der Fairness überschritten hatte.
Erst viel später registrierte ich die noch viel gravierenderen Untergriffe Kreiskys gegen Simon Wiesenthal, der die Nazi-Vergangenheit von Mitgliedern im Kabinett Kreisky und vor allem jene des FPÖ-Obmannes Friedrich Peter angeprangert hatte. Kreiskys Unterstellung, Wiesenthal sei selbst ein Nazi-Kollaborateur gewesen, ist unterste Schublade und bezeichnend für Österreichs lange Zeit schlampigen Umgang mit seiner braunen Vergangenheit.
Dennoch halte ich Bruno Kreisky für den bedeutendsten österreichischen Politiker der Zweiten Republik, weil er das Land in vieler Hinsicht modernisierte und zur Welt hin öffnete.