Adventmails 2014/12 (Sterne)

„Per aspera ad astra“, sagt der Lateiner, sagt der Bildungsbürger. Und das heißt wörtlich übersetzt: Durch das Rauhe zu den Sternen. Gemeint ist mit diesem auf den römischen Andalusier Seneca (ca. 1-65 n.Chr.) zurückgehenden Sprichwort: Es erfordert Mühsal und Anstrengung, bevor man sich im Erfolg sonnen kann.
Das lässt mich über das Verhältnis von verdientem und unverdientem Glück nachdenken. „Per aspera ad astra“ gilt z.B. sicher für einen erfolgreich absolvierten Halbmarathon – ich selbst kenne die Wonne, wenn man nach 21 Kilometern in ansprechender Zeit vor der Grazer Oper oder in der Kremser Innenstadt die Ziellinie durchläuft. Wie überhaupt jede sportliche Betätigung auch Anstrengung und Freude daran bedeutet, etwas, das ich in meinem Leben nicht missen möchte.
Früher bei Lateinschularbeiten hatte ich an einem hart erarbeiteten Vierer (ich war schlecht in Latein) mehr Freude als an einer besseren Note, die ich durch rasches Auffinden der (fremdübersetzten) Stelle im „Schmierer“ erreichte. Und jetzt im Job tut Anerkennung für einen aufwendig recherchierten und präzise formulierten Artikel so richtig gut, nicht aber Lob für Meriten, die dem Zufall zuzuschreiben sind.
Zugleich habe ich den Eindruck, dass heutzutage viele nach jenem Glück lechzen, das einem/r wie Sterntaler buchstäblich in den Schoß fällt (wobei: Diesen himmlischen Lohn bekam das Waisenmädchen laut dem Grimm-Märchen für seine mildtätige Selbstlosigkeit). Gewinnspiele wie Lotto und Preisausschreiben boomen, und auch auf politischer Ebene wird das Unverdiente geschützt: Arbeitslohn wird hoch, Erbschaften gar nicht besteuert.
Freilich: Das Leben beglücken auch Erleb- und Ereignisse, die eben nicht plan- und machbar sind. Ein schöner Sonnenuntergang z.B., der Duft einer Rose oder ein Kinderlächeln in der U-Bahn.
Wahrscheinlich bereichert am meisten eine gute Balance zwischen erarbeitetem und zugefallenem Glück. In der Theologie entspricht dem das Paar Zuspruch und Anspruch: Gott liebt uns ohne jede Vorleistung; und er/sie mutet uns zugleich zu, unsere Möglichkeiten zum „Gutsein“ auch auszuschöpfen.

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