Adventmail 2017/11 (Thema Geheimnisse)

Wissenschaftler der renommierten Columbia University in New York fragten 3.400 Personen nach Geheimnissen: Was und wieviel verbergen Sie vor ihren Mitmenschen? In dieser Studie, über die es im Wonnemonat Mai einige Medienberichte gab, kam eine stattliche Anzahl an Geheimnissen zusammen, insgesamt gut 13.000, die die ForscherInnen penibel in 38 Kategorien wie Lügen, Krankheiten, Finanzprobleme, Drogenkonsum, sexuelle Untreue, sexuelle Orientierung oder geheime Hobbys unterteilten. Die häufigsten Geheimnisse betrafen sexuelles Verhalten, Sehnsüchte nach einer anderen Person als dem Partner und Lügen. Jeder Mensch trägt demnach im Schnitt 13 Geheimnisse mit sich – davon fünf, von denen er noch nie jemandem erzählt hat (am häufigsten dabei: romantische Fantasien mit einem anderen Partner).
Laut Studienautor Michael Slepian gilt: Je öfter wir über unsere als negativ bzw. schuldhaft empfundenen Geheimnisse nachdenken, desto negativer ist der Einfluss auf unser Wohlergehen. Geheimnisse belasten, insofern sie uns dazu bringen, in einer Beziehung nicht offen und ehrlich sein zu können. Dann fühlen wir uns weniger authentisch, generell unzufriedener und zeigen sogar körperliche Symptome.
Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Berufsverbandes für Psychotherapie, bestätigte dies gegenüber dem „Kurier“: “Fallweise sind es wirklich Geheimnisse, die die Menschen in die Psychotherapie führen. Ich kenne das etwa von Klienten, die als Zeugen vor Gericht vorgeladen sind – sie können oft nächtelang nicht schlafen.”
Wie sehr jemand unter einem Geheimnis leidet, hänge nicht so sehr von dessen “moralischer Schwere” ab, betonte Stippl, sondern von den eigenen Wertvorstellungen. “Es kommt zu einer Konfrontation mit dem eigenen Über-Ich, sei es ein stark religiös geprägtes Gewissen oder ethische Vorstellungen von einem korrekten Leben.”
Bevor man ein Geheimnis ausplaudert, sollte man sich eine Frage stellen, rät Stippl: “Was ist mein Motiv?“ Drückt mein Gewissen so, dass ich es nicht mehr aushalte? Möchte ich jemandem schaden? Mich wichtig machen?
Von letzterem Bedürfnis profitieren Journalisten, wenn sie „hinter vorgehaltener Hand“ Informationen mit dem Zusatz bekommen: „Aber von mir haben Sie das nicht, gell?“

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