Adventmail 2020/10 (Krankheit)

An Aids starben vor einer Generation noch zwischen 140 (1992) und 183 (1995) ÖsterreicherInnen. Im Vorjahr gab es 38 Aids-Tote, exakt so viele wie durch Ertrinken und Vergiften umkamen. Im Vergleich: An Leukämie starben 2019 mehr als 20 Mal, durch Suizid 30 Mal so viele.
Auch wenn in der Vorwoche eine riesige rote Schleife am Parlament in Wien prangte: Aids hat einiges von seinem Schrecken verloren – zumindest hierzulande. Dennoch hat es im vorurteilsfreudigen Österreich für Aufsehen gesorgt, als Kardinal Christoph Schönborn am Weltaidstag 2017 bei einem Gedenkgottesdienst im Stephansdom für Opfer der Krankheit ein „leidenschaftliches Plädoyer gegen die Stigmatisierung von Menschen mit HIV/Aids“ hielt, wie es in der Kathpress hieß. Gott wolle die Menschen nicht richten, sondern retten, sagte er. Und: “Was heißt das für uns? Nicht zu urteilen, nicht auszugrenzen, andere nicht auszurichten.”
Schönborn, der mit zunehmendem Alter nicht starrer, sondern offener wird und auch bei Themen wie Homosexualität, Scheidung oder Missbrauch eine respektable Haltung zeigt, erinnerte sich bei der Feier an eine Reise nach Sambia. Dort seien allein im Jahr seines Besuchs 1.000 Lehrer an Aids gestorben. In einem Armenviertel des ostafrikanischen Landes begegnete er einer an der Krankheit sterbenden, von ihren Kindern umringten Mutter. Und ein Foto von Aids-Vollwaisen steht bis heute auf seinem Schreibtisch, wie Schönborn erzählte.
Zu dem ökumenischen, 2017 erstmals ausgerichteten Gottesdienst hatten die Erzdiözese Wien und der Verein “Life+” von Gery Keszler eingeladen. Er und Schönborn schätzen einander. Der Lifeball-Organisator sprach die „schwierige Tradition zwischen dem Thema HIV/Aids und der Kirche“ an, „weil es natürlich Themen berührt wie Sexualität, Lust und auch gleichgeschlechtliche Sexualität”. Nichtsdestotrotz seien viele Ordensleute die ersten gewesen, die Mitte der 1980er Jahre in den ärmsten Ländern Initiativen setzten, um den Menschen im Kampf gegen die Krankheit zu helfen.

Keszler und Schönborn bei einem Abend der Akademie für Dialog und Evangelisation

Der Kathpress-Bericht über dieses auch kulturell hochkarätige Event, bei dem Mozarts Requiem erklang und Conchita eine Fürbitte sprach, machte mich stolz auf meine Kirche. Drei Tage davor hatten wir vermeldet, dass kirchliche Aids-Projekte weltweit rund 25 Prozent aller HIV-Infizierten erreichen.

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