Adventmail 2020/11 (Krankheit)

Richard von Krafft-Ebing (1840-1902), war erster Leiter der Landesirrenanstalt Feldhof bei Graz (in meiner Jugend hörte ich manchmal über jemanden: „Dea g‘heart in‘ Föödhouf!“) und wurde als Professor für Psychiatrie weltberühmt. Er veröffentlichte 1886 ein Standardlehrbuch der Sexualpathologie. Darin definierte er die Homosexualität als angeborene erbliche Nervenkrankheit. Da Homosexuelle für ihre „Missbildung“ nicht selbst verantwortlich und als solche auch nicht ansteckend seien, sollten sie nicht länger als Kriminelle behandelt werden. Der „Erfolg“: Schwule (Lesben waren nicht im Blick) galten forthin als krank UND moralisch verwerflich/kriminell: Erst seit der Strafrechtsreform unter Kreisky 1971 ist Homosexualität zwischen Erwachsenen in Österreich kein Delikt mehr. Bis in die 1970er Jahre wurde sie als psychische Erkrankung diagnostiziert, konnten Homosexuelle auf unbestimmte Zeit in der Psychiatrie ihrer Freiheit beraubt werden. Und erst 1990 hat die WHO Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten gestrichen.
In Judentum, Christentum und Islam galten Schwule und Lesben lange Zeit als sündhaft – dem wörtlichen Verständnis von Bibel und Koran geschuldet. Manche christlichen Exegeten wiesen darauf hin, dass „anlagebedingte“ Homosexualität nicht im Blick der jeweiligen Bibelautoren war. Viel zu spät setzte sich im Katechismus der katholischen Kirche die Sichtweise durch, dass Homosexuelle ihre Präferenz nicht gewählt haben und nicht diskriminiert werden dürfen. Weiterhin verurteilt werden inkonsequenterweise entsprechende Liebesakte.
Wäre einer meiner Söhne/Enkel schwul (weibliche Nachkommen habe ich noch keine), würde ich ihn nicht weniger lieben, mir aber wohl Sorgen um ihn machen wegen der weiterhin bestehenden Diskriminierung. Und ein bisschen schade fände ich, dass Kinderkriegen doch unwahrscheinlicher wäre.

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