Ganymed Areal, Baumgartner Höhe/Steinhof, 13.5.2026 *****

Nach dem von Zeus auf den Olymp entführten Lustknaben ist die Kulturveranstaltungsreihe Ganymed an verschiedenen Schauplätzen Wiens benannt – und nach der “Doppelconference” zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum im Jahr 2023 erlebten Claudia und ich diesmal eine Darbietungs-Perlenkette im Otto Wagner Areal auf der Baumgartner Höhe. Unter der Leitung von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf wurden Kulturschaffende wie Monika Helfer, Milena Michiko Flasar, Franz Schuh oder Johanna Doderer, die Strottern und das Bläserensemble Federspiel eingeladen, Auftragswerke zu entwickeln. Thema waren, passend zur ursprünglichen Nutzung des weitläufigen Geländes als Landes-Heil- und Pflegeanstalt (damals in NÖ), Berührungspunkte zwischen Kunst/Literatur/Musik und Psyche. Der Ort ist als Psychiatrie-Schauplatz auch historisch belastet, nicht nur durch die Nazis, die in der „Jugendfürsorgeanstalt“ Am Spiegelgrund kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinisch quälten und viele ermordeten.
Eine Patientin der Zwischenkriegszeit war Christine Lavant, die nach schweren Depressionen 1935 auf eigenen Wunsch in einer Nervenheilanstalt in Klagenfurt behandelt (und gedemütigt – wurde. Ihre posthum veröffentlichten “Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus” bildeten unsere Auftaktperformance durch Kathrin Grumeth, danach oblag der Besuch eines der weitere elf Schauplätze unserer Präferenz.

Claudia und ich schafften in den drei Aufführungsstunden acht der zwölf Angebote in verschiedenen Pavillons des Otto Wagner Areals, die wir der Reihe nach mit entlehnten Hockern aufsuchten. Z.B. die Darbietung “Der böse Geist” der Vargas-Schwestern aus Kuba über eine Form von Besessenheit in ihrer Heimat, ein Text von Monika Helfer über “Das andere Mädchen”, eine Außenseiterin, die dadurch besonders ist, dass sie lieber schreibt als spricht. Mitreißend das Blechbläser-Ensemble Federspiel, die mit ihren Instrumenten erst in Anstaltsbetten musizieren oder “Die Entdeckung des Gedankens” mit einem beängstigenden Einblick in die Auswüchse medizinischer Be- bzw. Misshandlung. In der Otto Wagner Kirche begab sich eine Art Auferstehung mit islamischem Gesang und Klarinettenspiel, und den packenden Abschluss bildeten in der ehemaligen Großküche die starken Frauenstimmen der Studierenden der MUK, die nahtlos in Franz Schuhs Gedanken über “Die Welt von morgen” übergingen, gesprochen von einer Comic-Version des Wiener Essayisten auf Leinwand.
Erlebnissatt verließen wir um 21 Uhr, vorbei an dutzenden Leuchtstäben zur Erinnerung an die Opfer des Spiegelgrunds, das Gelände. Die zweimal 49 Euro Eintritt haben sich gelohnt.

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