Seit einer Georgienreise im Jahr 2019 bin ich Fan von Nino Haratischwili. Ihr Roman „Das achte Leben“ gehört zum besten, was ich in den 2000er-Jahren las. Umso gespannter war ich auf „Das mangelnde Licht“, das ebenfalls georgische Zeitgeschichte mit individuellen Schicksalen verquickt. Und ich finde auch dieses 830-Seiten-Buch absolut empfehlenswert.
Worum geht es? Drei von der eskalierenden Gewalt im Georgien der 1990er-Jahre betroffene, GEtroffene Frauen treffen sich 20 Jahre später anlässlich einer Fotoausstellung in Brüssel wieder. Sie sehen Werke über die Zeit, als der Kaukasus-Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion eigenständig wurde und dennoch dem Zugriff der früheren Machthaber in Moskau ausgesetzt blieb. Die Bilder – darunter das titelgebende – schuf die in den Wirren des Krieges verstorbene Journalistin und Fotokünstlerin Dina, die das lebensenergievolle Epizentrum des einstigen Freundinnenquartetts bildete. Sie selbst und ihre drei Gefährtinnen sind darauf oft zu sehen. Begonnen hatte der Bund zwischen den vier sehr unterschiedlichen Charakteren in der frühen Jugendzeit von Dina, der späteren Restauratorin Keto, der lesbischen Juristin Ira und der einer Gaunerfamilie entstammenden Femme fatale Nene.
Die Wirren der Zeit mit ihren politischen Verwerfungen und mafiösen Machtspielchen, den Familienbanden, den Liebschaften unter dem Eindruck des Machismo in Georgien, aber auch die enge Verschwesterung der vier Mädchen, dann Frauen, haben Spuren hinterlassen – und sogar sichtbare Narben. Bei der (wie Haratischwili) in Deutschland lebenden Haupterzählerin Keto lösen die Fotografien aus Tiflis und dem umkämpften Abchasien teils qualvolle Erinnerungen aus, ebenso bei Ira und Nene, und bei allen scheint der Tod der schmerzlich fehlenden, inzwischen zu internationalem Ruhm gekommenen Dina eine unüberwindbare Lücke zu hinterlassen.
Haratischwili schildert die vier Protagonistinnen in schillernden Farben und mit ständigen, chronologisch geordneten Rückblenden. Ihr teils gegensätzliches Handeln folgt einer nachvollziehbaren Logik. Die Männerfiguren bleiben daneben etwas blass. Dennoch ist „Das mangelnde Licht“ kein „Frauenroman“, sondern ein eindrückliches, fesselndes Zeitkolorit – auch wenn „Das achte Leben“ mein Favorit der 42-jährigen georgisch-deutschen Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin bleibt.