Adventmails 2006/23 (Listen aller Art)

Heute wieder zwei AbsenderInnen, meine Lieben,
denn 26 Listen sind’s insgesamt geworden….
lg R

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In Zeiten wie diesen, wenn die allgegenwärtige Beschallung mit MOR-Pop-Versionen von immer den gleichen zwei Dutzend Weihnachtsstandards zur täglichen Belastung wird, kann es nicht schaden, seinen MP3-Player hervorzuholen und mit guter Musik zu füllen. Am besten mit Musik, die ein Kontrastprogramm darstellt zur öden Glitzerwelt der gegenwärtigen Charts, zur ideenlosen Mainstream-Maschinerie, aber auch zum banalen Dilettantentum der meisten Indie-Bands. Musik aus einer Zeit, in der Authentizität und schillernde Perfektion eben noch keine Gegensätze darstellten. Die Rede ist von Soulmusik, und zwar vom Soul der 60er und frühen 70er Jahre. Den großartigsten Interpreten dieser Musik ist diese Liste gewidmet, den Top 5 der besten SoulsängerInnen:

Marvin Gaye
Heute vor allem wegen seinem bahnbrechenden Album „What’s Going On“ von 1971 ein Kritikerliebling, begann Marvin Gay (der seinem Namen später nach dem Vorbild von Sam Cooke ein E hinzufügte) schon in den frühen 60ern beim wichtigsten Soul-Label der Welt, Motown, zu singen. Nach einer ignorierbaren kurzen Phase als schmalziger Pop-Crooner („Mr. Sandman“ u.ä.) hatte er 1962-1965 kleine Hits mit coolen Tanznummern, z.B. „How Sweet It Is“ und „Pride and Joy“. Dann folgten einige Duette, z.B. „It Takes Two“ oder der wohl beliebteste Karaoke-Song aller Zeiten, „Ain’t No Mountain High Enough“ mit Tammi Terrell. 1967 machte er schließlich „I Heard It Through the Grapevine”, einen meiner absoluten Lieblingssongs. Gaye brauchte zwei Monate, um sein Gesangstake richtig hinzubekommen, das Resultat ist eine absolut brillante Performance. Auch „Let’s Get It On“ (1973) ist vielleicht noch erwähnenswert: Es war eines der Lieder, durch die ich den Soul für mich entdeckt habe – Rob, die Hauptfigur von Nick Hornbys „High Fidelity“, hielt es für die beste Single aller Zeiten, also musste ich da unbedingt auch mal reinhören.

Aretha Franklin
Zu dieser Frau muss eigentlich gar nicht mehr viel gesagt werden. Allein 1967, im ersten Jahr bei Atlantic Records (das andere große Soul-Label) hat sie fünf perfekte Singles aufgenommen: „Respect“, „I Never Loved a Man“, „Do Right Woman“, „Natural Woman“, „Chain of Fools“ (besonders die ersten drei liebe ich inständig). Dann nahm die Dichte leider etwas ab, aber auch „Think“und „The House That Jack Built“, u.a., gehören noch zu dem besten, was der Soul zu bieten hat. In den 70ern bekam sie leider nur mehr wenig gutes Material zu singen, aber Arethas Stimme veredelt auch fade Songs. Niemand singt mit mehr Soul.

Al Green
Das, was Al Greens Musik ausmacht, ist der Sound. Eine präzise Rhythmusgruppe mit stark in den Vordergrund gemischtem Schlagzeug, von Gitarre und Orgel akzentuiert, wundervolle Bläser- und Streicherarrangements und darüber Greens eigene, ausdrucksstarke und unverwechselbare Stimme; alles zusammen äußerst stylish und funky. „Tired of Being Alone“ (1971) finde ich am besten: Green spielt den einsamen Mann, der spätnachts von einer für ihn unerreichbaren Frau fantasiert, er improvisiert, stottert, quetscht im Falsett Liebesbeteuerungen hervor. Genial ist auch „Belle“ (1977), die letzte Single, bevor er sich seiner Tätigkeit als Priester widmete: „Belle, it’s you I want, but it’s Him that I need.“ Ich halte nicht viel von religiöser Selbstentsagung, aber das hier geht unter die Haut.

Sam Cooke
Sam ist ein Kapitel für sich. Ich könnte seitenlang ausführen, welch gewaltigen Einfluss er auf die afroamerikanische Musik der 60er hatte, doch das ist nicht das Wesentliche. Seine Arrangements, die heute altmodisch und kitschig wirken und nichts mit der Funkiness der Motown- und Stax-Hitfabriken gemein haben, sind auch nicht das Wesentliche. Das, was mich an Sam Cooke so fasziniert, ist sein natürlicher Charme, sind seine einfachen, schönen Songs und seine wunderbare Stimme. Es gibt eine ganze Menge Material aus den späten 50ern und frühen 60ern, wo diese Qualitäten eingehend zu bewundern sind, Songs wie „Wonderful World“, „Chain Gang“ oder „Bring It On Home To Me“. Auch seine Gospelaufnahmen vor 1957 sollten nicht unerwähnt bleiben, wo seine Performances etwas rauher und ungeschliffener sind. Aber sein wahres Meisterwerk schuf er erst kurz vor seinem frühzeitigen Tod, 1964, mit „A Change Is Gonna Come“. Dieser Song ist nicht nur von makelloser Schönheit, er hat auch einen tollen Text, der ihn zu einer Befreiungshymne der Bürgerrechtsbewegung gemacht hat. „It’s been a long, a long time comin’, but I know, a change’s gonna come.” Es gibt keinen Tag, an dem mich diese Worte nicht mit Hoffnung erfüllen würden.

Stevie Wonder
Es gibt viele Gründe, warum für den Titel des größten Soulsängers aller Zeiten eigentlich nur Stevie Wonder in Frage kommt, ein Musiker, der selbst in illustrer Gesellschaft wie hier noch eine Klasse für sich ist. Stevie hat nicht nur alle musikalischen Voraussetzungen, er ist ein genialer Keyboardspieler, Schlagzeuger, Ausnahmesänger, sondern ist auch einer der besten Songwriter aller Zeiten, auf einer Stufe mit Lennon-McCartney oder Dylan. Seine zum großen Teil im Alleingang eingespielten Alben der 70er sind Feuerwerke an Kreativität, und enthalten zu viele fantastische Songs, um hier Aufzählungen zu starten (Ach, was soll’s – die 5 besten Songs von Stevie Wonder sind „Superstition“, „Sir Duke“, „Living For the City“, „I Wish“, „You Are the Sunshine of My Life“). Wer diesen Jahrhundertkünstler noch nicht für sich entdeckt hat, den fordere ich hiermit dazu auf, sich, in welcher Form auch immer, das Doppelalbum “Songs in the Key of Life” von 1976 zu besorgen und sooft wie möglich anzuhören. Danach auch noch seine anderen 70er-Jahre-Meisterwerke holen („Talking Book“, 1972; „Innervisions“, 1973; „Fulfillingness’ First Finale“, 1974), und der Grundstein für eine großartige Soul-Sammlung ist gelegt.

PS: Weil’s grad so Spaß macht,
die 10 besten Soulsongs aller Zeiten:

  1. A Change Is Gonna Come, Sam Cooke, 1964
  2. I Heard It Through the Grapevine, Marvin Gaye, 1968
  3. (Sittin’ on the) Dock of the Bay, Otis Redding, 1968
  4. Superstition, Stevie Wonder, 1972
  5. The Dark End of the Street, James Carr, 1966
  6. Knock On Wood, Eddie Floyd, 1966
  7. I Hear a Symphony, The Supremes, 1965
  8. Tired of Being Alone, Al Green, 1971
  9. This Old Heart of Mine, The Isley Brothers, 1966
  10. Papa Was a Rolling Stone, The Temptations, 1972

Gregor Mitscha-Eibl, 19, Musikfan (Nebenberuf: Zivildiener)

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Fünf europäische Hauptstädte, die zu besuchen und zu entdecken sich lohnen

  1. Stockholm – die Überraschende
    Wer – wie ich – Wasser, Licht, modernes Design und freundliche Leute mag, sollte Stockholm im Juni (möglichst rund um die Sonnwende besuche). Das Licht ist ein Wahnsinn – und es ist (fast) die ganze Nacht hell, die vielen Wasserwege machen die Stadt fast zu einem nördlichen Venedig, die Geschäfte bieten spannendes nordisches Design, die Altstadt ist wunderbar, die Parks auch und die Menschen sind so freundlich, wie man es von den SkandinavierInnen erwartet.
    Besonders Empfehlung: Eine Bootsfahrt durch die Wasserwege der Stadt (die auch gleich einiges an der tlw. aufregenden Architektur sehen lässt), ein Ausflug in die Schären und ein Besuch des Moderna museet (Museum für moderne Kunst)
  2. Bukarest – die Ambivalente
    Nur eine Flugstunde entfernt – und doch so weit weg. Man weiß, wer den Preis für die gigantomanischen Prachtbauten Ceausescus zu bezahlen hatte, und ist doch irgendwie überwältigt. Bukarest beeindruckt dabei auf gruselige Art, aber auch durch seinen Charme, das balkanesque Flair, die Aufbruchstimmung – trotz vieler Probleme – und das bodenständige gute Essen.
  3. Riga – die Aufbrechende
    Noch mehr Aufbruchstimung in Riga, der hübschen lettischen Hauptstadt. Wer glaubt, um Jugendstilhäuser zu sehen, nach Wien fahren oder dort bleiben zu müssen, wird in Riga aus dem Staunen kaum herauskommen. Absolut sehens- und besuchenswert ist aber auch die Altstadt (Weltkulturerbe!), mit vielen Kirchen (die Kathedrale wird leider seit langer Zeit renoviert), schönen Häusern – eines mit Bleckkatzen am Dach – sympathisch, schicken Lokalen, Geschäften, die u. a. wunderbare Leinen- und Bernsteinware verkaufen … Schwere Kost, aber auf keinen Fall zu versäumen ist der Besuch des Okkupationsmuseums, der Nachhilfeunterricht in Sachen Geschichte des Baltikums bietet, ein Ausflug ins nahe gelegene Freiluftmuseum führt noch weiter in die Geschichte zurück.
    Besonderer Tipp: Die Cocktails mit Riga-Balzams die in einem Restaurant/einer Bar (ich glaub sie heißt B-Bar) gleich hinter der Kathedrale serviert werden.
  4. Lissabon – die Melancholische
    Wer’s sonnig und melancholisch mag und Städte mit mediterranem Dorfcharakter liebt, ist in Lissabon bestens aufgehoben.
    Als Tagesprogramm schlage ich Frühstück mit Galao (portugiesischer Milchkaffee) und eine der köstlichen Bäckereien im Cafe Suica, dann einfach durch die Stadt flanieren, hinunter zum Hafen z.B., rauf zur Burg, das Fado-Museum besuchen, Fisch essen …
    Spezielle Empfehlung: Vor Reiseantritt die Filme ‚Lisbon Story‘ und ‚Erklärt Pereira‘ anschaun – und so richtig auf den Geschmack kommen!
  5. Paris – die Klassikerin
    Die FranzösInnen wissen einfach, wie man gut lebt. Und Paris bleibt eine beliebte Klassikerin meiner Liste an wunderbaren Hauptstädten. Unverzichtbar aus meiner Sicht vor allem auf einen Bummel durch das Marais-Viertel (jüdisches Viertel mit gleichzeitig viel Lesben- und Schwulenkultur, schönen Häusern, feinen Cafes, guten Einkaufsmöglichkeiten … Im wieder eröffneten Musee de l’Orangerie können seit kurzem wieder die Seerosengemälde Monets besichtigt werden und das allerneueste Museum du quai Branly ist nicht nur architektonisch, sondern auch aufgrund seines Versuches, ein ‚anderes‘ ethnologisches Museum zu sein, mehr als nur interessant.

Michaela, 39, normalerweise PR-Agentin f. Schuldnerberatungen und Armutskonfernez, dzt. „Visiting Researcher“ an der University of Winchester

Im Rahmen meines Engagements im europäischen Armutsnetzwerk EAPN (European Anti Poverty Network) – und auch im Zuge ‚privaterer‘ Reisen – hab ich in den letzten Jahren u. a. auch Amsterdam, Barcelona, Berlin, Bilbao, Dublin, Galway, Groningen, Helsinki, Istanbul, Liverpool, Ljubljana, London, Madrid, Novi Sad, Oslo, Sofia, Toledo, Vilnius, Valletta und – immer wieder – Brüssel besucht.
Jede Stadt hat ihre Reize – die Auswahl war verdammt schwer!

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