Wenn er seine Vorlesung hielt, schien er immer irgendwie zu schweben: Den Blick meist nach oben gerichtet, sprach der leicht untersetzte, kahlköpfige gebürtige Kärntner druckreife Worte über das Neue Testament und literarische Anspielungen darauf, besonders Wichtiges unterstrich er mit leichtem In-die-Knie-Gehen. Karl Matthäus Woschitz (*19.9.1937), war, obwohl ein Elfenbeinturm-Forscher, wie er im Buche steht, und ohne jeden (kirchen)politischen Anspruch, einer meiner Lieblingslehrenden an der Grazer Katholisch-Theologischen Fakultät. Die evangelische feministische Theologin Evi Krobath, 2006 auf tragische Weise bei einem Brandunfall ums Leben gekommen, hat einmal über den von ihr sehr geschätzten Woschitz erzählt, er lebe in einer Wohnung mit Büchern bis an den Plafond; sogar auf der Toilette stapelten sie sich.
Dazu passt, dass der vielbelesene Woschitz als Professor am Bibelwissenschaftlichen Institut gerne Geistesgeschichtliches unterschiedlicher Provenienz in seine Lehrveranstaltungen einflocht. Ich erinnere mich, dass er einmal einen literaturhistorischen Exkurs über die Sonne, unser aller Lebensstern, machte. Es gebe drei Lobgesänge über dieses Gestirn, die gleichsam Menschheitserbe darstellten: Woschitz nannte den „Aton-Hymnus“ des Pharaos Echnaton (um 1351–1334 v. Chr.), den Sonnengesang des Franz von Assisi (1181/1182-1226) und ein Gedicht der von ihm (und von mir) verehrten Kärntner Jahrhundertpoetin Ingeborg Bachmann: „An die Sonne“.
Eine frühe Vorwegnahme des erst Jahrhunderte später etablierten Eingottglaubens findet sich im Hieroglyphentext des ägyptischen Herrschers. Echnaton streicht die Einzigartigkeit des Sonnengottes als Schöpfers und Erhalters der Welt und allen Lebens hervor, der demgemäß Gott aller Menschen ist.
Franziskus dichtete seinen Lobpreis auf die Schöpfung (Il Cantico di Frate Sole) schon schwer krank am Ende seines Lebens in San Damiano bei Assisi. Er ruft darin den Menschen zum Lobpreis Gottes in all seinen Geschöpfen – einschließlich „Bruder Sonne“ und „Schwester Mond“ – auf.
Bei Bachmann (1926-1973), ebenfalls durch Feuer tödlich verunglückt, heißt es ohne explizite Religiosität und dennoch im Bewusstsein „überirdischer“ Geborgenheit: „Schönes Licht, das uns warm hält, bewahrt und wunderbar sorgt, / Daß ich wieder sehe und daß ich dich wiederseh! / Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“, hier von der Dichterin selbst gelesen.