Adventmails 2014/16 (Sterne)

Über Morgensterne könnte man eine eigene Adventserie machen. Nicht nur der gestutzte Adler Thomas, weitere 51 Personen nennt Wikipedia als Träger dieses Familiennamens. Dazu kommt natürlich das helle Gestirn vor Sonnenaufgang, die mittelalterliche Waffe, ein Lied der Krautrocker Rammstein und Gedicht von Johann Peter Hebel undundund.
Ich suche mir Christian Morgenstern (1871–1914) aus, der merkenswerte Gedichte wie das recht traurige unten angeführte schrieb und geniale Verse wie „Es war einmal ein Lattenzaun / mit Zwischenraum / hindurchzuschaun“.
Der gebürtige Münchner verlor schon als Zehnjähriger seine tuberkulosekranke Mutter und wurde selbst angesteckt. Sein Vater war akademischer Maler und wollte seinen Sohn –warum auch immer – als Offizier sehen. Der überwarf sich mit dem Vater und wurde Lektor, Übersetzer aus dem Norwegischen und Schriftsteller. Sein Schaffen und Leben war jedoch immer wieder von seiner Lungenkrankheit beeinträchtigt, der er kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Südtirol erlag.
18 Jahre später wurde in Paris Jacqueline Morgenstern geboren. Ihre jüdischen Eltern flohen mit ihr nach der Eroberung durch die Armee Nazideutschlands ins unbesetzte Marseille, wo alle drei verhaftet und in verschiedene KZ verfrachtet wurden. Jacquelines letzte Station war Ende 1944 das KZ Neuengamme in Hamburg (wo Christian Morgenstern in ähnlichem Alter ein Schuljahr verbracht hatte). Und noch eine Parallele: Sie litt unter Tuberkulose, weil ein verbrecherischer KZ-Arzt, der nach Kriegsende lange unbehelligte Kurt Heißmeyer, sie mit dem Virus angesteckt hatte, um Experimente mit „rassisch minderwertigen“ Menschen durchzuführen. Kurz vor Kriegsende wurde Jacqueline mit 20 anderen Kindern erhängt, um diese Experimente vor den Alliierten zu vertuschen. Sie wurde 12 Jahre und elf Monate alt. In Hamburg ist heute ein Weg nach ihr benannt.

Begegnung (von Christian Morgenstern)

Wir saßen an zwei Tischen – wo? – im All …
Was Schenke, Stadt, Land, Stern – was tut´ s dazu!
Wir saßen irgendwo im Reich des Lebens …
Wir saßen an zwei Tischen, hier und dort.

Und meine Seele brannte: Fremdes Mädchen,
wenn ich in deine Augen dichten dürfte –
wenn dieser königliche Mund mich lohnte –
und diese königliche Hand mich krönte –

Und deine Seele brannte: Fremder Jüngling,
wer bist du, dass du mich so tief erregtest –
dass ich die Knie dir umfassen möchte –
und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster -!

Und unsre Seelen schlugen fast zusammen.
Doch jeder blieb an seinem starren Tisch –
und stand zuletzt mit denen um ihn auf –
und ging hinaus – und sahn uns nimmermehr.

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