Adventmail 2017/17 (Thema Geheimnisse)

Tagebücher sind Geheimnisträger par excellence. Zumindest waren sie’s für meine Generation, für die es noch eine Option war, als JugendlicheR Zeit mit dem Aufschreiben von Erlebnissen und nicht auf Bildschirme starrend zu verbringen.
Längst vergangene Befindlichkeitsschilderungen sind Fundgruben unfreiwilligen Humors. Das machen sich Diary Slams zugute, in denen Leute Selbstironie beweisen, indem sie aus alten Tagebüchern vorlesen. In Wien kann man das z.B. unter dem Titel „Liebes Tagebuch“ im Theater an der Gumpendorfer Straße regelmäßig tun (www.liebestagebuch.at).
Ich war ca. von meinem 16. Lebensjahr an Tagebuchschreiber und blieb dies, bis E-Mails und Social Media meine Freiräume dafür belegten. Mein ältestes „analoges“ Exemplar stammt aus dem Jahr 1976 und war ein liniertes DIN-A4-Heft mit der Aufschrift „DEUTSCH-ÜB./Robert Eibl“. Damit wollte ich vor meiner womöglich neugierigen Mutter verschleiern, dass es sich hierbei um ein TA(ge)BU(ch) handelte. Freilich umsonst: Als ich einmal eine genervte Anmerkung zur hypochondrischen Ader meiner Mutter machte, schrieb sie am Rand der Zeile ein sarkastisches „Dankeschön!“ dazu. Nach diesem Vertrauensbruch wusste ich das „TaBu“ besser zu schützen.
Und nun ein – selbstironischer – Eintrag vom Sommer 1976, als mein erster Urlaub ohne Eltern, dafür mit gleichaltrigem Cousin zunächst nach Wien führte, mit dem „Austria Ticket“ der ÖBB. Motto: Zwei Provinzpflänzchen in der großen Stadt…
„Nach einer zweistündigen Fahrt mit dem Städteschnellzug kamen Fredi und ich ziemlich hilflos am Wr. Südbahnhof an. Wir wandten uns gleich an die Information und erkundigten uns nach der günstigsten Straßenbahnverbindung zum Westbhf. Vor unserer Fahrt dorthin sahen wir uns noch das nahegelegene Belvedere an, dessen Größe und Schönheit uns mächtig beeindruckte.
Als wir uns später in der Schnellbahn nicht gleich auskannten, brüllte uns der Fahrer gleich an. Am W-Bhf. gaben wir unser Gepäck ab und suchten dann die Bahnhofsmission auf. Uns wurde mitgeteilt, daß eine Übernachtung nur nach Vorbringen plausibler Gründe möglich ist; man gab uns die Adresse einer abgelegenen, teuren Jugendherberge, die wir auf keinen Fall aufsuchen wollten. Wir fuhren mit der Schnellbahn (???, Anm.) zum Ring, wir besuchten sogleich das Kunstgeschichtliche Museum, was uns 5 öS kostete. Gegenüber im Naturhistorischen Museum waren wir von der Vielfalt der interessanten Ausstellungsobjekte überwältigt.
Durch den Volksgarten gelangten wir direkt vor das gewaltige Parlament, von dem Fredi am meisten begeistert war. Die Prunkbauten der Ringstraße sind ein unvergeßliches Erlebnis, noch dazu, da wir in Wien den einzigen schönen Tag unserer Reise hatten. Wir waren uns später darüber einig, daß der erste Tag zugleich auch der schönste unserer Tour gewesen war.
Nach einem langen Besichtigungsmarsch (Rathaus, Burgtheater, Hofburg) gelangten wir zum Stephansdom, vor dem gerade der U-Bahn-Bau in vollem Gange ist; daher war auch Fotographieren leider unmöglich.
Am frühen Nachmittag hatten wir Prater und Riesenrad vor Augen, nachdem wir vorher noch einen kleinen Imbiß zu uns genommen hatten. Die Verlockungen im Prater sorgten dafür, daß dieser Tag unser teuerster wurde. Wir blieben von 2 – 11h und probierten so ziemlich alles aus, was der Prater zu bieten hatte. Riesenrad, Achterbahn, Minigolf, Go-Kartrennen, Riesenrutsche uws. Beeindruckend waren die riesigen Hallen mit endlosen Reihen von Flippern.
Beim Rückweg kamen wir noch an der Oper vorbei, tranken noch schnell ein Bier und holten unser Gepäck ab. Glücklicherweise hatte die Bahnhofsmission noch zwei Betten für uns übrig; das Übernachten kostete 35 öS.“

Claudias Geheim-Tipp: das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebaek 35 km außerhalb von Kopenhagen.
Ich liebe das Meer; die Kombination von Kunst und Natur ist in diesem Museum einfach grandios!

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