Ich gebe „Das größte Geheimnis“ auf Google ein und stoße auf Verschwörungstheorien. Ein Buch dieses Titels („The Biggest Secret“) verfasste der ehemalige britische Fußball-Profi und nun als Autor erfolgreiche Hirnschüssler David Icke. Anhand des „Mordes“ an Prinzessin Diana „belegt (er) mit überzeugenden Beweisen, dass unser Planet seit Jahrtausenden durch dieselben miteinander verbundenen Blutlinien kontrolliert wird“, behauptet sein Verlag.
Woher kommt dieses offenbar unausrottbare Bedürfnis, abstruse Bedrohungsszenarien zu entwerfen? Unterschiedlichsten „bösen Mächten“ die Verfolgung geheimer Interessen zuzuordnen – ihnen zum Vorteil und „uns“ zum Nachteil? Sündenböcke zu benennen? Ist es so verführerisch, Ängste oder Wut gegen „die da (oben)“ mit stereotyper Monokausalität gegen selbst-kritisches Hinterfragen zu immunisieren?
Verschwörungstheorien gab es immer schon: Kaiser Nero beschuldigte die Christen in Rom der Brandstifterei und des „Hasses gegen das Menschengeschlecht“ (Tacitus); Juden wurde im Mittelalter die Schuld an der Pest durch Brunnenvergiftung zugeschrieben und Ritualmorde an christlichen Knäblein unterstellt; als im Bund mit dem Teufel Stehende wurden auch die Hexen verbrannt, als Umstürzler und potenzielle Königsmörder die „Papisten“ im England des 16./17. Jht.s hingerichtet. Verschwörungstheorien jüngeren Datums ranken sich um die Ermordung Kennedys, die Mondlandung, um 9/11, Chemtrails oder – siehe oben – den Tod von Lady Di.
Stumpfsinn geriert sich dabei als Superschläue und Durchschauungskompetenz: Was, du erkennst nicht, dass Thurnher, Wolf, Reiterer und auch gleich Milborn Schergen des linksgründominierten ORF sind? Aber geh! Glaubst nicht, dass die in Brüssel einzig und allein Großkonzerninteressen auf Kosten unserer Heimat durchsetzen wollen? Wie naiv!
Wir leben im Zeitalter der Empörungsmaschine Facebook, in der Popolitik aus dem Bathroom des White House per Twitter gemacht wird und Fakten als Fake News denunziert werden.
Im Theologiestudium las ich in einem Seminar „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper. Es ist inzwischen 72 Jahre alt und gerade wieder hochaktuell.