Adventmail 2020/08 (Krankheit)

An wen sich wenden in Bedrängnis, Leid und Schwäche? An den großen, rätselhaften und unerreichbaren Gott? An Jesus, der als Auferstandener und himmlischer Weltenrichter zur Rechten Gottes sitzet? Nein, sagten sich im Lauf der Kirchengeschichte viele, die nicht weiterwussten. Da schon lieber an die allbarmherzige Gottesmutter Maria mit ihrem breiten Schutzmantel. Oder an die selbst fehlerhaften Heiligen und Seligen der katholischen Kirche.
Auch wenn es in deren Biographien „menschelt“: Voraussetzung für ein erfolgreich beendetes Heilig- bzw. Seligsprechungsverfahren ist ein vorbildliches Leben. Und ein von der zuständigen Vatikanabteilung geprüftes Wunder. Dem nunmehr seligen letzten österreichischen Kaiser Karl I. wurde die medizinisch nicht erklärbare Heilung einer brasilianischen Nonne von ihren Krampfadern als solches Wunder attestiert. Das sorgte – wie ich mich noch gut erinnere – 2004 für spöttische Kommentare in der heimischen Medienberichterstattung. Auch ich Kathpress-Redakteur musste damals schmunzeln: Hätte angesichts der starken Lobby für die Seligsprechung des Habsburgerkaisers nicht schon ein wundersam geheilter eingerissener Fingernagel genügt?
Egal, im Glauben sind auch Banalitäten zurecht gut aufgehoben. Und lang ist die Liste jener Heiligen, die man im Krankheitsfall um Beistand anrufen kann und die im Himmel mangels anderer Beschäftigung sicher gerne helfen: Den heiligen Bischof Domitian von Maastricht aus dem Frühmittelalter z.B. möge bitten, wer Fieber hat. Bei Zahnschmerzen ist Apollonia die Richtige, der bei ihrem Martyrium im Ägypten des 3. Jht.s alle Zähne ausgeschlagen wurden. Dass Erasmus von Antiochia bei Bauchproblemen wie Blinddarmentzündung, Krämpfen oder Unterleibsschmerzen angerufen wird, liegt ebenfalls an seinem schrecklichen Martyrium, bei dem ihm die Gedärme mit einer Seilwinde herausgezogen wurden.

Die heilige Märtyrerin Apollonia, Patronin der Zahnärzte

Adressat bei Diabetes ist Opus-Dei-Gründer Josemaria Escriva, der selbst zehn Jahre lang daran litt. Bekannt sind Darstellungen des von Pfeilen durchbohrten, daran jedoch nicht gestorbenen heiligen Sebastian, der allerdings nicht für Insektenstiche, sondern für Aidskranke zuständig ist. Ob sich viele Autisten vertrauensvoll an den sich ihrer erbarmenden Ubald von Gubbio wenden, wage ich zu bezweifeln – aber wer weiß: Gottes Wege sind unergründlich.

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