Erste “Graphic Novel” – Will Eisners “Ein Vertrag mit Gott” – in hochwertiger “Süddeutsche Zeitung Edition” wieder aufgelegt – Inhaltlich und künstlerisch anspruchsvolle gezeichnete Romane befassen sich auch mit Glaubensfragen – “Kathpress”-Hintergrundbericht von Robert Mitscha-Eibl (Kathpress, 31.3.2011)
Frimme Hersh ist ein gottesfürchtiger Jude – und doch gebrochen, als er sich nach dem Begräbnis seiner viel zu früh verstorbenen Ziehtochter durch strömenden Regen zurück in sein Mietshaus im New Yorker Stadtteil Brooklyn schleppt. Er hadert mit dem Allmächtigen, hatte er doch als junger Emigrant aus tristen osteuropäischen Verhältnissen einen Vertrag mit Gott geschlossen: Für ein untadeliges Leben, gut integriert in der jüdischen Gemeinde in Brooklyn, sollte ihm der gerechte Lohn beschieden sein. Und dann das – der plötzliche Tod eines geliebten Menschen!
Frimme kündigt den Vertrag wutentbrannt auf und ändert sein Leben radikal – aus dem freundlichen, hilfsbereiten Juden wird ein rücksichtsloser, bald steinreicher Immobilienspekulant. Auf dem Höhepunkt seiner Macht und im Unbehagen über den Mangel an Sinn lässt er sich von Rabbinern einen neuen Vertrag mit Gott aufsetzen. Doch der Allmächtige hat erneut unverhandelbare Pläne mit Frimme Hersh…
“Martyrium, das ich selbst durchlitten habe”
Diese moderne Hiob-Geschichte samt dazugehöriger Theodizee-Frage hat der österreichisch-stämmige US-Comic-Zeichner Will Eisner 1978 in beeindruckenden Bildern ohne Rücksicht auf die übliche Panelanordnung umgesetzt. “Ein Vertrag mit Gott” (A Contract with God) nannte er diese erste “Graphic Novel”. Der euphorischen Deutung, Eisner habe damit eine neue Literaturgattung gegründet, mag man mit dem Hinweis auf anspruchsvolle frühere Comics wie Hal Fosters “Prinz Eisenherz/Prince Valiant”, “Peanuts” von Charles M. Schulz oder Hergés “Tim und Struppi/Tintin” als übertrieben ansehen. Dennoch: Eisners “Graphic Novel” beschleunigte den Trend, dass Comics nicht mehr nur infantil anmutende “Funnies” rund um “trivialitätsverdächtige” Helden wie Micky Maus, Fix und Foxy oder den “Teenage Mutant Ninja Turtles” sind.
Schon allein mit der Bezeichnung “Graphic Novel” machte Eisner – vor “Ein Vertrag mit Gott” selbst jahrzehntelang auf den Comicstrip-Seiten von Tageszeitungen umtriebig – unmissverständlich klar, dass sein Werk etwas anderes wollte als Kinderunterhaltung.
Dieser Anspruch hatte auch zu tun mit dem “Martyrium, das ich selbst durchlitten habe”, wie Eisner später über “Ein Vertrag mit Gott” bekannte: Acht Jahre vor dem Erscheinen war seine einzige Tochter Alice mit 16 an Leukämie gestorben. Die Qualen von Frimme Hersh “waren die meinen. Und ebenso sein Zwist mit Gott”, schrieb Eisner, der als Sohn altösterreichischer Eltern – sein Vater war Bühnenbildmaler aus Wien – die Art Students League of New York besuchte und bereits mit 19 Jahren Abenteuergeschichten für eine Zeitschrift zeichnete.
Vom Nahost-Konflikt bis zu Johnny Cash
Dass Comics “erwachsen” geworden und “Graphic Novels” inhaltlich und künstlerisch anspruchsvoll mit auch religiösen Themenstellungen sind, veranschaulicht jetzt eine eigene “Süddeutsche Zeitung Edition” mit zehn herausragenden Werken des Genres. Neben Will Eisners Sammelband mit verschiedenen Sozialstudien über das Leben im Immigranten-Viertel Brooklyn finden sich dort u.a. die Comic-Reportage “Palästina” (2004) des “zeichnenden Journalisten” Joe Sacco über den Nahost-Konflikt und das autobiografisch geprägte “Persepolis” (2000; 2008 Oscar-preisgekrönt verfilmt) der Exil-Iranerin Marjane Satrapi; weiters die berührende Vater-Sohn-Geschichte “Vertraute Fremde” (1998) des Japaners Jiro Taniguchi und die Biografie des verstorbenen, tief religiösen Country-Sängers Johnny Cash durch den Deutschen Zeichner Reinhard Kleist “Cash – I See a Darkness” (2006).
Derartige Kanones herausragender Arbeiten gibt es mittlerweile in verschiedensten Kunstgattungen wie Literatur, Film oder Theateraufführungen. Die “Süddeutsche Zeitung Edition” belegt, dass auch Graphic Novels seit Will Eisners Erstversuch, für den er übrigens keinen belletristischen Verlag fand, ernst genommen werden und Abnehmer finden.
Einige weitere besonders bemerkenswerte Werke: Einen Meilenstein stellt Art Spiegelmans Pulitzer-Preis-gewürdigte, zweibändige Shoah-Aufarbeitung “Maus – Die Geschichte eines Überlebenden” (“Maus: A Survivor’s Tale”, 1986 und 1991) dar. Im Zentrum steht Spiegelmans Vater Wladek (1906-1982), ein Holocaust-Überlebender, der seinem Sohn in Rückblenden über das erlittene Trauma berichtet. Spiegelman zeichnet mit den Erlebnissen seines Vaters – Juden werden als Mäuse dargestellt, Deutsche/Nazis als Katzen, US-Amerikaner als Hunde – auch dessen Entwicklung zu einem unglücklichen und kranken, eigenbrötlerischen und dickköpfigen alten Mann nach.
Alan Moore schuf mit “Watchmen” 1986/87 zwar eine Geschichte rund um Superhelden mit verschiedenen besonderen Fähigkeiten, dies aber so psychologisch differenziert, dass das “Time Magazine” die Bilderzählung 2005 in die Liste der 100 besten Romane aufnahm – als einzigen Comic.
“Watchmen” wurde ebenso verfilmt wie etliche andere Erfolgs-Produkte in gedruckter Form: Als Beispiele seien die Animationsstreifen über Frank Millers Film-noir-inspirierte Krimi-Reihe “Sin City” oder “300”, seine Geschichte über die antike Schlacht am Thermopylen-Pass, ebenso genannt wie die mit leibhaftigen Schauspielern besetzten Filme über Ralph Königs “Der bewegte Mann” oder zuletzt Stephen Frears “Immer Drama um Tamara” nach der Graphic Novel “Tamara Drewe” von Posy Simmonds.
Zu erwähnen ist auch die stetig anwachsende Zahl an gelungenen Comic-Adaptierungen berühmter Literaturstoffe wie “Die Verwandlung”, 2010 von Eric Corbeyran und Richard Horne nach der Erzählung Franz Kafkas publiziert; ebenso die jüngst erschienene Comic-Biografie von Anne Frank von Ernie Colon und Sid Jacobson oder sogar das zeichnerisch unbewältigbar erscheinende “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” nach Marcel Proust von Stephane Heuet (2010).
“Warum ich Pater Pierre getötet habe”
“Warum ich Pater Pierre getötet habe” (“Pourquoi j’ai tué Pierre”, 2006) lautet der Titel einer lange vor dem kirchlichen Missbrauchsskandal entstandenen Graphic Novel des französischen Autors Olivier Ka und seines Illustrators Alfred. In seiner autobiografischen Erzählung setzt sich Ka mit einer Missbrauchserfahrung in seiner Kindheit auseinander. Ausgerechnet der joviale und kumpelhafte Pater Pierre, der so gar nicht in das traditionelle Bild eines Priesters passen will, nähert sich in grenzüberschreitender Weise dem jungen Olivier. Dieser stellt sich nach vielen Jahren der Verdrängung dem fast vergessenen Übergriff, macht Pater Pierre ausfindig und konfrontiert ihn mit den nun nachgeholten Gefühlen von Wut und Scham.
Durch das Aufschreiben des Erlebten kann Olivier Ka endlich Abstand gewinnen und mit seiner Vergangenheit Frieden schließen. Der Tod Pater Pierres ist in dieser Geschichte ein symbolischer. Am Ende ist der Geistliche nur ein alter, gebrochener Mann.
Mehr intellektuell ausgerichtet ist “Gott höchstselbst” (“Dieu en personne”, 2009) des französischen Autors und Zeichners Marc-Antoine Mathieu. In seiner Geschichte ist Gott Mensch geworden. Der äußerlich allen Klischees entsprechende alte Rauschebartträger steht in einer Warteschlange, um sich ganz bibelgemäß im Rahmen einer Volkszählung registrieren zu lassen. Er kann jedoch keinerlei Identitätsnachweis beibringen. Nach anfänglicher Ratlosigkeit der Behörden wird Gott über Nacht zum Medien-Hype, von Wissenschaftlern und Philosophen penibel untersucht und befragt.
Und bald auch von Rechtsanwälten: Gott wird zum universellen Sündenbock, der für das Unglück in der Welt verantwortlich gemacht wird. Schon bald findet sich der Allmächtige als Mittelpunkt eines spektakulären Gerichtsprozesses auf der Anklagebank wieder. Mathieus Gott lässt dies als ein zurückhaltender, höflicher, allwissender älterer Herr über sich ergehen. Ironisch distanziert, doch fernab jeder Blasphemie inszeniert Marc-Antoine Mathieu eine Groteske über die existenziellen Menschheitsfragen und baut dabei Zitate von Geistesgrößen wie Voltaire, Blaise Pascal, Albert Einstein und C.G. Jung in die Dialoge ein.
Anders als die genannten gibt es auch christliche Comics mit missionarischem Anspruch, so eine Reihe von Visualisierungen biblischer Geschichten sowie rund um Glaubensvorbilder wie Johannes Paul II., der vor rund zwei Jahren in Polen als Comics-Figur in Erscheinung trat. Der Comic rankt sich um die erste Polen-Reise des Wojtyla-Papstes im Juni 1979, dargestellt aus dem Blickwinkel eines 14-jährigen Buben, der die historische Papstmesse in Warschau besucht. Noch ganz druckfrisch ist ein Manga namens “Habemus Papam!”, das mit Benedikt XVI. als Hauptfigur zum Weltjugendtag in Madrid in einer Auflage von 300.000 Exemplaren erscheint.
Umgekehrt gibt es auch Comics wie Gerhard Haderers Aufreger-Band “Das Leben des Jesus”, in dem der Messias bewusst provozierend als kiffender Taugenichts dargestellt und die Frohbotschaft auf das Humorniveau einer Maturazeitung heruntergebrochen wird.
Derartige Beispiele – ob gut gemeint oder mit Tabuverletzungen kalkulierend – reichen jedoch nicht an die Qualität der genannten Beispiele von Graphic Novels heran.
Nochmals zurück zu Will Eisners “Ein Vertrag mit Gott”: Im Vorwort der jetzt erschienenen Edition der “Süddeutschen”, das der greise Zeichner im Dezember 2004 verfasste, schrieb er, mit seinen früheren Comics habe er zwar Millionen unterhalten, aber “immer das Gefühl, nach mehr streben zu wollen… In einem Alter, in dem ich mich hätte ‘zur Ruhe setzen’ können, beschloss ich deshalb, mich an eine neue Form von Comic-Literatur zu wagen”. Viele Jahre vergingen, “bis meine Auffassung von den Möglichkeiten der Bilderzählung wahrgenommen wurde und langsam Früchte zu tragen begann – aber ich habe es noch erleben dürfen.” Will Eisner starb 87-jährig im Jänner 2005, einen Monat nach Abfassung dieser Lebensbilanz.