Es kommt nur ganz selten vor, dass ich ein angefangenes Buch gelangweilt weglege. Erst recht nicht eines, dessen Thema perfekt zu meiner in drei Wochen beginnenden Pilgerreise von Porto nach Santiago de Compostela zu passen scheint. Und doch: Nach mehreren Abenden, an denen mir angesichts von Paulo Coelhos Selbstfindungdurchesoterik-Reiseerzählung die Augen zufielen, gab ich mir einen Ruck und dem Taschenbuch einen Kick aus meinem Bett. Zu ermüdend war der im Zentrum stehende innere Entwicklungsprozess des Autors, dessen Ausgangspunkt eine Lebenskrise ist: Coelho scheitert an einer Initiationsprüfung innerhalb eines katholischen Eliteordens und erhält den Auftrag, auf dem Jakobsweg symbolisch ein „Schwert“ zu finden – ein Zeichen spiritueller Reife und Erkenntnis. Belehrt wird er dabei von seinem geheimnisvollen Führer Petrus, der als geistlicher Lehrer verschiedene spirituelle Übungen und Rituale anleitet. Die zentrale Lektion: Das Außergewöhnliche liegt im Einfachen, Unscheinbaren, im bewussten Erleben des Alltags. Ja, eh.
All das könnte genauso gut beim Wandern von Unterstinkenbrunn nach Gigritzpotschn geschehen, der Camino ist auf den 60 Seiten, die ich durchgehalten habe, nur eine matte Hintergrundfolie.
Da lobe ich mir den Klassiker “Ich bin dann mal weg” von Hape Kerkeling, den ich mit Vergnügen und auch vielen Anregungen zum Nachdenken über eigene Prioritäten schon vor längerer Zeit las. Der deutsche Komiker wiederum bezog sich in seinem Reisebericht nicht auf Coelho, sondern auf Shirley MacLaine, die ebenfalls auf dem Weg von den Pyrenäen nach Santiago unterwegs war und ebenfalls spirituell enorm aufgerüstet ankam. Ähnliche Bestseller über die von mir ab 16. April 2026 bevorzugte Route entlang der portugiesischen Atlantikküste existieren nicht. Noch nicht 😉