
Der erste Eindruck weckte den Ironiker in mir: Begrüßungssekt im geräumigen Bug des Luxus-Katamarans MS Primadonna samt 9 m hoher Verglasung für den bestmöglichen Blick auf die Donau, Easy-listening-Klänge des Barpianisten, und während Claudia und ich am kleinen Snack knabberten, brachte das Bordpersonal das Gepäck in unsere Kabine auf dem Oberdeck. Rundum Gäste gesetzten Alters, die sich wie wir eine Woche auf der Donau, die durch so viele Länder fließt wie weltweit kein anderer Strom, genießen wollten. „Pensionistenleben“ schrieb ich samt einen Lach-Smiley unter das Video über das obige Geschehen, das ich an liebe Zuhausegebliebene versandte.
Aber wir sind ja seit Jahresbeginn selbst in Pension und genossen in weiterer Folge die Annehmlichkeiten auf dem einzigen Kreuzfahrtschiff auf der Donau unter österreichischer Flagge: hervorragende Kulinarik bei den täglich fünf Mahlzeiten, 16-Quadratmeter-Kabine mit eigenem Balkönchen, Sonnendeck mit Außenpool, Sauna, Unterhaltungsprogramm mit Weinverkostung undundund. Es sollte sich herausstellen, dass unsere Mitreisenden keineswegs nur eine Woche lang die Füße hochlagern wollten. Viele sind versierte, erfahrene Radler:innen, etliche hatte (wie wir) ihre eigenen (E-)Bikes an Bord gebracht, etliche nützten gleich das Angebot, die Reise mit einer Tour von Wien nach Bratislava zu beginnen. Davon sahen Claudia und ich ab, denn wir radelten am Montag mit Gepäck auf den Rädern von Zuhause zur Anlegestelle in Nussdorf – bei leichtem Regen, dem einzigen während der Reise.
Abends ein (zu) kurzer Spaziergang durch die slowakische Hauptstadt, die wir trotz ihrer Nähe zu Wien noch nie gemeinsam besuchten. Holen wir nach, am besten per Rad die 70 km den Donauradweg entlang. Nachts war die MS Primadonna mit ihren rund 150 Gästen und knapp 50 Beschäftigten immer auf dem Wasser unterwegs, tagsüber wurden die Räder vom Personal an Land gebracht und die Urlaubenden strampelten auf den zuvor empfohlenen Routen.
Das Leben an Bord war erstaunlich ruhig. Bei Schiffskabinen rechne ich eigentlich mit Geräuschen von rundum, aber unsere war sehr gut schallisoliert, und sogar nächtliche WC-Besuche weckten den/die jeweils andere/n nicht. Auch hier also 4-Sterne-Niveau.

Wir waren uns bald einig: Der Urlaub mit Schiff und Rad auf der Donau ist ein Volltreffer. Zum Wohlbefinden trug auch die nette Tischgemeinschaft mit Helga, Gerti und Werner aus Vorarlberg bei, die wir zumindest beim Frühstück und beim 4bis5-Gänge-Dinner täglich sahen. Mir Medienschaffendem gefiel auch die Zeitungsauswahl (Standard und Süddeutsche) und das breite TV-Senderangebot, wodurch ich am Donnerstag den 10:0-Sieg des Rangnick-Teams gegen bedauernswerte San Mariner miterlebte. Zweimal unterhielt uns auch die Schiffsmoderatorin, Kabarettistin und ehemalige österreichische Karaoke-Meisterin Charlotte Ludwig mit Songs übers Meer und Wienerliedern sowie deftigen Witzen.



Am Dienstag stand ein Tag in Budapest auf dem Programm. Erst Stadtrundfahrt mit kompetenter „Peschterin“ („die in Buda gelten als hochnäsig“), dann Erkundung mit unseren Rädern mit Großer Markthalle und der teuersten Kaffeejause unseres Lebens: Wir folgten der Empfehlung unserer Führerin, das traditionsreiche, wunderschöne Café Gerbeaud anzusehen, missachteten jedoch ihren Rat, danach in ein billigeres Kaffeehaus zu wechseln. Unser „Lehrgeld“ betrug umgerechnet 58 Euro für 2 mit Marillenlikör aufgebesserten Cafés Gerbeaud und zwei Törtchen, samt Bedienungszuschlag und Steuer. Schluck.

Aber wir machten auch eine Entdeckung, die einen weiteren Besuch lohnen würde: In der Kazinczy Utca ist ein Gebäudekomplex voller antiorbanischer Alternativkultur. Szenebeisln, verwinkelte Gasträume, Laubengänge mit wuchernden Pflanzen.
Abends auf der Primadonna eine „Ehrenrunde“ durch Budapest, bedingt durch das Wendeverbot für große Schiffe in Innenstadtnähe: wieder hinauf zur Margareteninsel, vorbei am beleuchteten Parlament, an Fischerbastei, Hotel Gellert und unter den schönen Brücken weiter donauabwärts Richtung Serbien.

Am Mittwoch vor der nächsten geplanten Grenzüberquerung eine ungeplante durch Claudia und mich (und ein oberösterreichisches E-Bike-Paar), die meine Liebste anschließend mit der Bemerkung quittierte: „Ich hab mich noch im Leben nie so angestrengt wie heute!“ Und das kam so: Es hieß, die heutige 37-km-Radrundtour würde durch den Nationalpark Duna-Drava führen, bis wir über eine lange Gerade wieder die Anlegestelle im südungarischen Städtchen Mohacs erreichen würden. Jedoch, die Routenbeschreibung verriet nur unzureichend, wo wir den gut ausgebauten Donauradweg verlassen sollten. Wir fuhren viel zu weit, ermutigt durch das vor uns sichtbare erwähnte Paar. Der Mann behauptete im oberösterreichisch eingefärbten Brustton der Überzeugung, die immer grober werdende Schotterstraße und der holprige Traktorenweg entlang von Feldern werden gleich zur richtigen Straße zurück an den Hafen führen. Dem war aber nicht so. Wir radelten auf Untergründen, die mir wegen Claudias Schulteroperation Sorge bereiteten, zunehmend gestresst durch die voranschreitende Zeit: Wir sollten nämlich um 12.45h, nach etwa drei Stunden, wieder am Schiff sein.
Zu unserem Schrecken erreichten wir eine Grenzstation, die uns zurück (!!) nach Ungarn bringen würde. Gottseidank verlangte der Zöllner nicht unsere Pässe, die ja wegen der anstehenden Einreise in Serbien auf dem Schiff verblieben waren. Doch seine Auskunft um ca. 12.30h, die Fahrt nach Mohacs würde per Rad wohl noch etwa eine Stunde dauern, löste Panik bei uns aus. Es folgten knappe 20 km auf einer vielbefahrenen Bundesstraße bei strammem Gegenwind. Ich E-Bike-Loser radelte im Windschatten der selbst schon überforderten Claudia um mein Leben – die beiden Oberösterreicher waren bald außer Sichtweite. „Hoitet’s des Schiff auf!“, hatte ich ihnen noch mitgegeben. Claudia meinte, ihr Akku werde leer; wir wechselten die Räder und wieder retour, als ich merkte, es gibt eh noch Unterstützung. Wir erreichten um ca. 13h Mohacs, ohne Ahnung, wo das Schiff auf uns wartet. Eine falsche Auskunft führte zum Ortsende, die Verzweiflung nahm zu. Wir stoppten einen Kleintransporter mit leerer Ladefläche und boten 20 Euro für den Transport zur Anlegestelle. Trotz Sprachproblemen erkannte der Fahrer unsere Lage und düste mit uns und den Rädern zur richtigen Stelle, wollte das Geld erst nicht nehmen. Eine kurze Strecke noch am Pier entlang, die anderen Gäste beobachteten entspannt uns Verzögerungsverursachende, die Crew legte unmittelbar nach dem Reinschieben unserer Räder ab. Ich war völlig verschwitzt, aber Claudia war neben sich vor Anstrengung: Sie sank an Deck gleich ermattet auf den Boden, das eilig gereichte Wasser konnte sie vor lauter Zittern kaum trinken. „Atmen! Atmen!!“, rief die Rezeptionistin … Wir waren erledigt, legten uns am Nachmittag für ein Erholungsschläfchen in die Kabine, während die Primadonna zur peniblen Kontrolle durch die serbische Grenzpolizei fuhr. Kapitän Radovan mahnte zwar zur Pünktlichkeit, aber insgesamt nahm das Schiffsteam die 15-minütige Verspätung zum vorgesehenen „Leinen los!“ recht gelassen.

Am Donnerstag Aufwachen in Belgrad auf der Save, die dort nach Lubljana und Zagreb die dritte ex-jugoslawische Hauptstadt durchfließt und in die Donau mündet. Claudia und ich erkundeten die Stadt diesmal zu Fuß; ein radfreier Tag tat nach den Aufregungen tags zuvor gut, und in Belgrad sind Radfahrende Stiefkinder. Dafür sind alle Öffis gratis benutzbar, wovon wir auf dem Weg hin und zurück zur wichtigsten serbisch-orthodoxen Kirche, des neobyzantinischen Sava-Doms, auch Gebrauch machten. Ich nehm’s vorweg: Belgrad ist im Vergleich zu Budapest weniger „herausgeputzt“, weniger mondän, weniger Weltstadt. Das Stadtbild dominieren viele renovierungsbedürftige Häuser, sichtbare Armut und für andere Städte zu alt gewordene und deshalb den Belgradern überlassene Straßenbahnen und Busse. Von der schelenden Unzufriedenheit mit der Regierung Vucic und den Studierendenprotesten bekamen wir nichts mit.
Zunächst schlenderten wir in der Morgensonne durch die Kneza Mihaila, eine Art Kärntnerstraße von Belgrad. Tranken Cappuccini in der wunderbaren zweistöckigen Akademija-Buchhandlung, kauften ein süßes Strudeldreierlei und sahen uns in einer Straßenausstellung Faksimile-Großdrucke aus dem Prado an. Im empfohlenen Künstlerviertel Skadarlija war mittags noch nicht viel los, somit nahmen wir einen Bus zum Sava-Dom. Ein georgisches Restaurant versprach vor den geistlichen noch leibliche Genüsse, die Khinkali und der Salat mit Nussdressing erinnerten an eine andere schöne Reise… Kurios: Die Rechnung machte exakt den Rest der 50 umgewechselten Euro aus.

Vor dem erst 2018 nach dem Vorbild der Hagia Sophia fertiggestellten Sava-Dom, der dem Nationalheiligen und ersten serbischen Erzbischof geweiht ist, amüsierte uns ein Plakat, das ich so noch nie vor einem Gotteshaus sah: Nicht nur unpassende Kleidung, Handys oder Blitzlicht, auch Pistolen seien hier unerwünscht, ging daraus hervor. Drinnen christlicher Triumphalismus. Eine riesige Kuppel mit dem auf einem Regenbogen thronenden Christus, Gazprom-finanzierte Goldmosaiken rundum, Stelen mit Heiligenikonen zum Beten und Küssen. Wie in orthodoxen Kirchen üblich keine Sitzplätze. Alles sehr imposant, aber es bleibt dabei: Jesus, mein Freund, ist mir zigmal lieber als Christus Pantokrator (Weltenherrscher).
Wir waren früh genug zurück auf der Primadonna, um eine fast leere Sauna vorzufinden. Abends ein Kapitänsempfang u.a. mit köstlichem Roastbeef und einem zweiten Fläschchen Wein, diesmal gelber Muskateller aus der Südsteiermark.
Kalocsa, eine der ältesten ungarischen Städte, konnten wir wegen Niedrigwassers auf der Donau nicht besichtigen. Dadurch bedingte Einschränkungen und Verzögerungen häufen sich seit einigen Jahren aufgrund des Klimawandels, war zu erfahren. Also nochmals Mohacs ansteuern, diesmal mit Radtour Richtung Norden nach Baja. Claudia und ich waren uns einig. Diesmal mit dem Pulk der Mitradler:innen unterwegs sein, keine „Extratouren“. Und der Radweg ca. 35 km entlang der Eurovelo-Strecke 6 (Bild 1), die vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer führt, war bestens asphaltiert und markiert, keine Gefahr, sich zu verirren. In Baja führt ein hübsch gestalteter Kanal zur Donau, wo bei stimmungsvollem Sonnenuntergang die Primadonna auf uns wartete (Bild 2).


Zu einer Enttäuschung wurde der Besuch von Esztergom am letzten vollen Tag der Reise. Das katholische Herzstück Ungarns liegt zwar pittoresk auf einem Hügel über dem Strom, die der Maria Assunta und dem heiligen Adalbert von Prag geweihte, klassizistische Basilika ist aber von einer unangenehmen Protzigkeit und verkörpert einen Nationalstolz im Anschluss an den heiligen Ungarnkönig Stephan, dem die Bedeutung von „katholisch“ (d.h. weltumspannend) widerspricht. Innen ist die Kirche fast völlig eingerüstet, nur der Blick auf das Altarbild mit Mariä Aufnahme in den Himmel, geschaffen von Michelangelo Grigoletti (1801-1870), ist frei. Mit seinen Ausmaßen von 13,5 mal 6,5 m ist es das weltweit größte Gemälde, das auf einem einzigen Stück Leinwand gemalt wurde. Beeindruckender war der Blick von der Kuppel auf die Donau, das Benediktinerkloster und das Umland von Esztergom mit der slowakischen Schwesterstadt Sturovo, wohlverdient nach einem Aufstieg über endlos viele Stufen.

Dutzende Nimmermüde radelten in die 56 km entfernte nächste Doppelstadt an der Donau – nach Komarno (slk.) bzw. Komarom auf der ungarischen Donauseite. Claudia und ich (schon recht verkühlt) und unsere Vorarlberger Gefährten bevorzugten einen Bustransfer, der ungewollt zur Angstpartie wurde. Unserer Fahrer hatte nämlich sichtlich Mühe, die immer schwereren Augenlider offenzuhalten. Claudia bot ihm zweimal Wasser an, seine Ablehnung hielt ihn immerhin wach (und rettete unser Leben?). An diesem Samstagnachmittag war in Komarno tote Hose, wir Busreisende und etliche bereits eingetroffene Radler:innen belebten die Gastronomie sicher erheblich: Wir gönnten uns ein Bierchen am pittoresken Europaplatz mit Gebäudennachbauten aus verschiedenen Epochen.
Der Blick auf den Balkon am Sonntagmorgen zeigte Vertrautes: Auwald bei Fischamend kurz vor Wien. Wir erreichten Nussdorf um ca. 10h, verabschiedeten uns von der Crew und unseren Gsiberger Freund:innen (die noch radeln zum Hauptbahnhof und eine lange Zugfahrt nach Hause vor sich hatten) und waren nach einer halbe Stunde zuhause.
Fazit: Nach der eher unerfreulichen Ersterfahrung mit Urlaub auf dem Wasser im Sommer 2024 (schwer steuerbares Hausboot auf der Müritz/Brandenburgische Seenplatte) war die Reise auf der MS Primadonna ein Hit. Vielleicht ja wieder mal mit Schiff und Rad auf Tour (Frankreich? Niederlande?) – warum nicht?

Lieber Robert, wir haben deinen Bericht genossen und unsere gemeinsame Zeit auf der MS Primadonna so nochmal erlebt. Es war auch im Nachhinein eine tolle Erfahrung und auch wir gedenken andere Flüsse so kennen zu lernen. Kleine Pannen (Abenteuer) bestätigen nur den Spruch „Wenn einer eine Reise tut dann kann er was erleben.“ Wir freuen uns dass wir euch kennenlernen durften und schicken dir und Claudia ganz liebe Grüsse. Eure Gsiberger Mitreisenden Werner und Gerti