Adventmail 2008/07 (Briefe an…)

rme@chello.at an webmaster@gertraudknoll.at
Betreff: Zu Ihrem Kirchenaustritt
Geschätzte Frau Gertraud Knoll,

Sie haben recht: Auch mir würde es „sauer aufstoßen“, müsste ich mir als Gottesdienstbesucher eine von der Kanzel verkündete „Pseudoseligsprechung“ Jörg Haiders anhören. Dass Manfred Sauer, der Kärntner Superintendent, seiner Trauer um einen „äußerst zuvorkommenden, herzlichen und einfühlsamen Menschen“, der „wie kein anderer das Geschehen der Zweiten Republik mitgeprägt“ habe, in Form eines Hirtenbriefs tat, halte ich für einen schweren Missgriff.
Doch Kopfschütteln war auch meine (ich bin katholischer Journalist und kenne Sie von einem Interview in Eisenstadt und von der EÖV2 1997 in Graz) Reaktion auf Ihren Kirchenaustritt. Sauer sprach danach von seiner Enttäuschung, dass Sie, die bei seiner Amtseinführung in Kärnten assistierten, ihn gar nicht kontaktiert hätten. Auch Bischof Michael Bünker erfuhr offenbar erst nach Ihrem Austritt von Ihrer Kritik am posthumen Haider-Lob.
Langjährigen Kollegen gegenüber schuldet man – auch wenn frau sich beruflich von ihnen entfernt hat – ein klares, direktes Wort des Widerspruches. Insofern verstehe ich die Gegenkritik von Sauer und Bünker. Zunächst unmittelbare Kritik, dann – falls man auf taube Ohren stößt – öffentlich vernehmbare; das hielte ich für angemessen. Dass Sie auf beides verzichteten und gleich den Schritt des Kirchenaustritts setzten, bedaure ich sehr und kann ihn mir nur dadurch erklären, dass es bereits davor eine tiefe Entfremdung zwischen der evangelischen Kirchenleitung und Ihnen gab.
Als Ausdruck ihrer „protestantischen Identität“ haben Sie Ihre Kirche verlassen, sagten Sie. Doch die Kirchen (auch die römisch-katholische!) brauchen eine „protestantische Identität“ dringend, wenn es darum geht, für Randgruppen einzutreten, Missstände zu benennen oder jedweder Sündenbock-Politik entgegenzutreten. Wenn politisch wache, engagierte Menschen wie Sie aus ihrer Kirche austreten, verliert deren Stimme immer mehr an Gewicht und verbleibt letztlich als zahnlos frömmelnde Truppe sonntäglicher Brauchtumspfleger.
Ich habe mit meiner Kirche und einzelnen Wortmeldungen ihrer Vertreter immer wieder Probleme. Dennoch halte ich Kirchen als gesellschaftliche Mitgestalter für unverzichtbar. Das sage ich auch meinem der Sozialdemokratie verbundenen studierenden Sohn, der für sich einen Kirchenaustritt überlegt. Was könnte ich dem noch entgegenhalten, wenn sogar Menschen wie Sie als frühere „Spitzenfunktionärin“ der Kirche so einen Schritt setzen?
Mit etwas wehmütigen Grüßen und besten Wünschen für Ihre Zukunft,
Robert Mitscha-Eibl
(diesmal als Privatmann schreibender) Kathpress-Redakteur

PS: Was mich wirklich interessieren würde: Haben Sie einen Parteiaustritt aus der SPÖ erwogen, nachdem Faymann und Gusenbauer ihren Unterwerfungsbrief an „Onkel Hans“ Dichand schrieben?
PPS: Es ist wohl unmöglich, all die Briefe zu beantworten, die Sie in dieser Causa erhielten. Aber vielleicht wäre eine Reaktion auf die ernstzunehmenden Schreiben (zu denen hoffentlich meines zählt) auf Ihrer Website möglich?

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