Adventmail 2008/04 (Briefe an…)

(geschrieben am Tag nach einer Lesung der ORF-Kulturmoderatorin C.S. aus ihrem Erstlingsroman „N.“ im Wiener Museumsquartier)

treborme@gmx.at an clarissa.stadler@orf.at, 22.7.2005
Betreff: LesuN.g
Hallo Clarissa Stadler!
Ich saß gestern in der ersten Reihe bei deiner Lesung im MQ. Hat mir gefallen, besonders der unveröffentlichte Text. Dank dir dafür. Störend fand ich nur, dass die monströse Leselampe einen Großteil deines Gesichts verdeckte.
Ich hätte dich noch gerne darauf angesprochen, wie du das hinkriegst: journalistisch zu arbeiten und parallel dazu an belletristischen Texten zu feilen. Ich bin einer jener Germanisten, denen kreatives Schreiben immer ein Herzenswunsch gewesen ist, die aber im Tagesgeschäft des Agenturjournalismus irgendwie nie dazu kommen. Das beißt sich, finde ich. Bist du einfach diszipliniert genug?
Ich verkniff mir die Frage, weil meine BegleiterInnen auf ein Achterl après drängten und du von Signierbedürftigen umgeben warst. Wollte mich nicht anstellen. „Wirkt ziemlich unnahbar“, hieß es dann am Tisch über dich, und „tough woman“. Mag sein. Aber mir sind AutorInnen lieber, die ihr Buch aufblättern und nicht gleich sich. Überrascht hat mich dann dein Schlusssatz. „Sie waren ein wunderbares Publikum.“ Eine Floskel – oder kam da was rüber?
Wie auch immer, danke jedenfalls.
Robert

clarissa.stadler@orf.at an treborme@gmx.at, 22.7.2005
Betreff: AW: LesuN.g
lieber robert,
danke für dein mail – nein, es war keine floskel, normalerweise sage ich nur „danke fürs zuhören“ – aber für mich war die gestrige lesung wirklich außergewöhnlich. ich hab jetzt ca. zehn mal gelesen, von wien bis leipzig, aber so einen abend wie gestern hab ich nicht erlebt.
ich mag keine öffentlichen auftritte (wirst du mir jetzt nicht glauben, und fernsehen ist noch mal was anderes, da ist man „geschützt“) aber gestern hat eine konzentration zwischen den menschen im publikum und mir da oben stattgefunden, die hab ich physisch spüren können.
ich hör das oft, dass ich so unnahbar oder tough wirke, ich weiss nicht warum dieser eindruck entsteht, ist vielleicht ein schutzschild.
ich hab mich jahrelang an der grenze zwischen feuilletonismus und kolumnenschreiben bewegt (N. ist praktisch nathlos aus meiner standard-kolumne „erscheinungen“ entstanden) und immer von der literatur geträumt. weil ichs mir selbst nicht zugetraut habe, war ich dann mit einem autoren liiert. dessen verleger hat mir anläßlich einer lesung gesagt, „sie wollen doch schreiben, das merkt man. wenn sie schreiben wollen, müssen sie sich irgendwann dafür entscheiden!“
im sommer 2003 wars dann so weit. der auslöser war letztendlich wut. in den jahren davor hatte sich viel angestaut…
schreiben als prozess ist ja nicht lustig, aber geschrieben zu haben ist extrem befreiend.
nein, ich bin nicht diszipliniert. ich schreibe ausschließlich nachts, meist nicht mehr als 2-3 stunden und oft wochenlang gar nicht. ich kann mir aber vorstellen, dass dein job anstrengender ist, als meiner, ich hab mich ja aus dem redaktionellen zurückgezogen und moderiere nur noch die zib-kultur.
wenn du das immer wolltest, dann schreib doch! journalismus ist ein guter brotjob, von irgendwas muss man leben. Natürlich hat das nichts mit literatur zu tun, aber man ist dauernd im training, muss sprache verdichten und formulierungen korrigieren. journalismus ist dann frustrierend, wenn man eigentlich was anderes will. mich hat deprimiert, ständig über künstler zu berichten, noch dazu oberflächlich, statt selbst was zu machen.
und die ständigen manipulationen an der wahrheit führen früher oder später zum zynismus.
also alles gute und dank dir für deine reaktion,
clarissa
ps: und wie heißt du und was machst du genau?
von wegen unnahbar…

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