Adventmail 2020/13 (Krankheit)

Setzt euch bequem hin, schenkt euch – falls vorrätig – einen kleinen Single Malt (mit Wasser, nicht mit Eis!) ein und hört gut zu: Heute erzähle ich euch die Geschichte von Mary Mallon, nicht zu verwechseln mit Molly Malone, die Herz- und Miesmuscheln (Cockles and Mussels) verkaufende Heldin des populären Dubliner Volkslieds. Mary war zwar auch Irin, Nordirin, um genau zu sein. Die 1869 Geborene wanderte jedoch schon als 14-Jährige – wie so viele Iren damals – in die eine bessere Zukunft verheißenden USA aus. Dort wurde Mary sogar berühmt. Doch darauf hätte sie gerne verzichtet.
Frau Mallon konnte gut kochen, weshalb sie ab 1900 in mehreren Haushalten in und um New York City angestellt wurde. Noch keine zwei Wochen schwang sie in einem Haus in Mamaroneck den Kochlöffel, als die Hausleute an Typhus erkrankten. Im Jahr darauf kochte sie in Manhattan, woraufhin die Familie ebenfalls Fieber und Durchfall bekam und die Wäschefrau sogar starb. Danach arbeitete Mary für einen Anwalt, bis sieben der acht im Haushalt lebenden Menschen an Typhus erkrankten. Die Superspreaderin pflegte monatelang die Menschen, die sie infiziert hatte, aber ihre Fürsorge verbreitete die Seuche nur noch weiter. 1904 nahm sie eine Stelle auf Long Island an. Innerhalb von zwei Wochen mussten vier der zehn Familienmitglieder mit Typhus ins Krankenhaus. Ähnliches bei noch drei weiteren Arbeitgebern. Oft wurde die Seuche über eines von Marys leckeren Desserts übertragen: Pfirsiche mit Eiscreme.
Von einem ihrer Hausherren wurde der Hygieniker George Albert Soper mit Nachforschungen betraut – und der nahm Mary ins Visier. Diese reagierte entrüstet auf seine Anfrage nach Urin- und Stuhlproben, und als Soper bei einem weiteren Besuch einen Arzt mitbrachte, wurden beide erneut abgewiesen. Damals war noch weitgehend unbekannt, dass eine Person eine Seuche verbreiten kann und dennoch nicht an ihr erkrankt. Mary Mallon, später als „Typhoid Mary“ (Typhus-Mitzi) in Liedern und Literatur vorkommend, war so eine.
Der Verdacht war geweckt: Das Gesundheitsamt von New York City entsandte eine Ärztin gemeinsam mit einigen Polizisten. Mary kam in Gewahrsam und danach für drei Jahre in Isolation in ein Spital. Entlassen wurde sie unter der Bedingung, nie wieder mit Nahrungsmitteln zu arbeiten. 1915 kehrte die leidenschaftliche Köchin jedoch zu ihrem Metier zurück und infizierte als Köchin im New Yorker Sloane-Krankenhaus weitere 25 Menschen, von denen zwei verstarben. Mary kam auf Lebenszeit in eine Isolierstation, Journalisten besuchten sie für Interviews, durften aber nicht auch nur ein Glas Wasser von ihr annehmen. Später durfte Mary in Laboren auf North Brother Island – einer kleinen unbewohnten Insel im Stadtgebiet von New York – als Technikerin arbeiten, wo sie mit 69 Jahren an einer Lungenentzündung starb.
Von der schönen Dubliner Fischhändlerin Molly Malone wird übrigens erzählt, dass sie in jungen Jahren an einem nicht näher bestimmten Fieber starb. Typhus vielleicht?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *